Kennst du die Formulierung: „Alle 7 Sinne beisammen haben“? Hast du dich schon einmal gefragt, welche 7 Sinne dabei gemeint sein könnten? Schon Aristoteles beschrieb 5 Sinne: Riechen, Schmecken, Fühlen (im Sinne von Tasten), Sehen und Hören. Der Ausdruck „6. Sinn“ wird häufig verwendet, wenn jemand etwas bemerkt, ohne es bewusst mit den 5 Sinnesorganen wahrzunehmen. Auch der sogenannte „7. Sinn“ wird als Ausdruck des Unbewussten oder Intuition verstanden.

Hochsensible und hochsensitive Menschen nehmen aber noch viel mehr wahr:

Die Gefühle von anderen. Harmonie oder Disharmonie im Raum. Energieflüsse. Die Ausstrahlung von Menschen oder Orten. Diffuse Reaktionen auf äußere Einflüsse. Und noch vieles mehr. Welche Sinne sind für diese Wahrnehmungen verantwortlich?

Das Phänomen ist nicht neu. Bereits 1916 hat Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, seine Sinneslehre publik gemacht. Neben den klassischen 5 Sinnen, die schon Aristoteles beschrieben hat, definierte Steiner weitere menschliche Sinne. Mit diesen sollten sämtliche Wahrnehmungen, zu denen Menschen fähig sind, abgebildet werden. Er fand schließlich zwölf Sinne, die er in drei Vierergruppen zusammenfasste:

12 Sinne

Untere Sinne
Körpersinne
Mittlere Sinne
Umgebungssinne
Höhere Sinne
Soziale Sinne
1. Tastsinn 5. Wärmesinn 9. Hörsinn
2. Gleichgewichtssinn 6. Sehsinn 10. Sprach- und Wortsinn
3. Bewegungssinn 7. Geschmackssinn 11. Gedankensinn
4. Lebens- und Vitalsinn 8. Geruchssinn 12. Ich-Du-Sinn (Empathie)

Die erste Gruppe bilden die Körpersinne

1. Der Tastsinn

Das physische Organ des Tastsinns sind die verschiedenen Tastrezeptoren der Haut. Der Tastsinn vermittelt uns unser inneres Selbsterleben an der Körpergrenze durch Berührung. Wohlgefühl und Geborgenheit durch zärtlichen Körperkontakt werden damit wahrgenommen. Als kindliche Erfahrung entwickelt sich so Urvertrauen oder Existenzvertrauen. Hier macht der Mensch die Erfahrung: Loslassen-Können ist genauso wichtig wie auf den Arm nehmen. Was diesen Sinn stört sind Berührungen oder Übergriffe ohne Respekt vor der seelisch-leiblichen Integrität des Menschen, Alleingelassen fühlen oder Überfürsorge; ausschließlich äußere Versorgung (Absicherung), ohne wirkliche innere Annahme der Person. All diese Aspekte lassen sich sowohl auf kindliches Erleben, als auch auf (Liebes-)Beziehungen übertragen.

2. Der Gleichgewichtssinn

Der physische Sitz des Gleichgewichtssinns ist das Vestibularorgan im Innenohr und das Gleichgewichtszentrum im Kleinhirn. Dieser Sinn dient zur Feststellung der Körperhaltung und Orientierung im Raum. Rudolf Steiner hält den Gleichgewichtssinn für sehr bedeutend für die Entwicklung von mathematischer Begabung. Orientierungssicherheit im Raum führt zu Ausgeglichenheit, dem Finden von Ruhepunkten und bildet die Grundlage für ein stabiles Selbstvertrauen, das innere Gleichgewicht. Bewegungsarmut kann somit zu innerer Unruhe und Rastlosigkeit, Depression, Resignation und innerer Zerrissenheit führen. Wenn ein Mensch „den Boden unter den Füßen verliert“, ist das ein Hinweis auf ein seelisches Ungleichgewicht, der einen Zusammenhang von Gleichgewichtssinn und seelischer Verfassung andeutet.

3. Der Bewegungssinn

Der physische Sitz des Bewegungssinns sind die Propriorezeptoren in der Muskulatur. Die Medizin bezeichnet diesen Sinn als Tiefensensibilität. Mit dem Bewegungssinn nehmen wir unsere eigenen Bewegungen wahr. Ein guter Bewegungssinn ermöglicht Freiheitserlebnisse und Gefühl der Selbstbeherrschung durch die Beherrschung des Bewegungsspiels. Wenn durch fehlende körperliche Aktivität dieser Sinn wenig stimuliert wird, kann dies zu einer inneren Passivität und Antriebsschwäche führen. Gerade beim Kind sind es die Bewegungen, der Eigenbewegungssinn, der die Grundlage der Nachahmung und damit des Lernens bildet.

4. Der Lebenssinn

Der physische Sitz des Lebenssinns ist das vegetative Nervensystem. In der Medizin wird die weitgehend unbewusste Wahrnehmung der Organtätigkeit als Viszerozeption bezeichnet. Der Lebens- oder Vitalsinn ermöglicht es uns, uns als lebende, körperliche Wesen wahrzunehmen. Der Lebenssinn gibt ein Gefühl davon, in welcher Verfassung der gesamte Organismus ist. Dieser Sinn warnt uns, wenn etwas im Körper nicht stimmt, wenn ein Mangel zu groß wird oder Krankheit droht. Er unterstützt Behaglichkeit und Harmoniegefühle. Ein gleichmäßiger Tagesablauf, Lebensqualität und innere Ordnung fördern diesen Sinn. Er wird meist erst dann deutlich spürbar, wenn etwas die Harmonie des Körpers stört. Mattigkeit und Energielosigkeit sind Wahrnehmungen des Lebenssinns. Gewalt, Angst, Hektik, Streit stören den Lebenssinn nachhaltig.

Die zweite Sinnesgruppe sind die Umgebungssinne.

Mit ihnen nehmen wir nicht mehr schwerpunktmäßig uns selbst, sondern ganz besonders auch unsere Umwelt wahr. Zu den Umgebungssinnen gehören der Wärmesinn, der Sehsinn, der Geschmackssinn und der Geruchssinn.

5. Wärmesinn

Der physische Sitz des Wärmesinns sind die Wärme- und Kälte-Rezeptoren. Er vermittelt das Wärme- und Kälte-Erleben. Der Wärmesinn hindert uns fortwährend daran, dass wir gleichgültig werden. Dieser Sinn ist nicht nur durch die Temperaturrezeptoren zu befriedigen, sondern (wenn wir den rein physikalischen Bereich verlassen) auch durch die Verbreitung seelischer und geistiger Wärme. Analog dazu können hochsensible Menschen übertriebene oder unechte Herzlichkeit und Kaltherzigkeit sehr gut wahrnehmen.

6. Sehsinn

Der physische Sitz des Sehsinns ist das Auge. Er vermittelt ein Empfinden von und für Farben, von Hell und Dunkel und das nicht nur auf der physischen Ebene. Dieser Sinn bildet einen Teil der umfassenden visuellen Wahrnehmungen. Hier vermischen sich die Wahrnehmungsebenen, über die hochsensitive Menschen verfügen: Düstere Stimmungen und finstere Gedanken können sie oft wahrnehmen. Gegenüber allem Grellen (Protzigen) sind sie empfindlich und farblos-triste Umgebungen beeinflussen sie meist ebenso. Der Sehsinn ist vielleicht der intensivste und offen-sichtlichste Sinn, denn mit ihm wird quantitativ am meisten wahrgenommen.

7. Geschmackssinn

Der physische Sitz des Geschmackssinns ist die Zunge. Er vermittelt differenzierte Geschmackskompositionen aus süß, sauer, salzig, bitter. Dieser Sinn wird auch als „gustatorische Wahrnehmung“ bezeichnet. Die gesamte Geschmacksempfindung ist allerdings ein komplexes Zusammenspiel des eigentlichen Geschmackssinns und des Geruchssinns, gemeinsam mit Tast-  und Wärmesinn aus der Mundhöhle. Dieser Sinn hat eine wichtige Funktion der Gesunderhaltung: Schlechte Geschmäcker erzeugen Ekel und schützen so vor Vergiftungen. Auch hier ist die Analogie zum psychischen Erleben leicht: Wir sprechen von einer „geschmackvollen Umgebung“ oder einem „geschmackvollen Menschen“, wenn uns diese angenehm sind. Bei diesem Sinn ist die Prägung des Wahrnehmenden sehr deutlich und die Eindrücke haben einen sehr subjektiven Charakter.

8. Geruchssinn

Der physische Sitz des Geruchssinns ist die Riechschleimhaut der Nase. Er vermittelt die olfaktorische Wahrnehmung, die Wahrnehmung der Gerüche. Gleich den Tönen und Farben haben die Gerüche enormen Einfluss auf die Seelenwelt. Der Mensch nimmt durch den Geruchs-Sinn die feinsten Substanzen der Umwelt wahr. Die Geruchsempfindung ist natürlich stark subjektiv, denn Gerüche wirken sehr tief in uns und sprechen unmittelbar und direkt unsere Gefühle an. Sie können leicht uralte Kindheits-Erinnerungen in uns wecken oder großen Ekel hervorrufen. Man kann sich Gerüchen kaum entziehen, denn sie strömen einfach mit der Atem-Luft in uns hinein. Deshalb sind Geruchswahrnehmungen für Hochsensible oft recht belastend, denn Gerüche können sehr leicht aufdringlich auf sie wirken. Mit der stark gefühlsbeeinflussenden Wirkung weist das Riechen auf seine Verwandtschaft zum instinkthaften Wahrnehmen der Tiere hin.

Die dritte Gruppe ist für hochsensible und hochsensitive Menschen wohl die interessanteste.

Die Sinne dieser Gruppe heißen Erkenntnissinne oder soziale Sinne.

9. Hörsinn

Der physische Sitz des Hörsinns sind die Ohren. Er vermittelt das Hören von Geräuschen, Tönen und Klängen. Hierfür benötigt ein Mensch relativ wenig Aktivität und Wachheit. Alle Klang- und Geräuscheindrücke sind einmalig, sie sind vergänglich. Ein Bild kann immer wieder angeschaut werden. Ein Ton ist nur im Erklingen wahrnehmbar. Durch das Verklingen entzieht sich dieser Ton für immer dem Wahrnehmungsfeld. Es kann nun nur noch ein gleicher Ton neu erklingen. Das macht alles Gehörte authentisch und „echt“. Sinneseindrücke von dieser Echtheit hat der Hörsinn nur mit den noch über ihm stehenden Sinnen gemeinsam. So sensibel wie manche Menschen auf unangenehme Geräusche reagieren, so heilsam können Wohlklänge sein. Hochsensible Menschen können insbesondere klassische Musik. insbesondere Bach, Händel, Haydn, Mozart zur Psychohygiene nutzen. Aber auch Singen, Erzählen und Vorlesen tut vielen Hochsensiblen sehr gut.

10. Sprachsinn

Der physische Sitz der Sprache sind der Kehlkopf und die angrenzenden Organe. Der Sprachsinn geht aber über das eigentliche Sprechen und Hören von Sprache weit hinaus. Er ermöglicht es uns, viele Ebenen der Kommunikation gleichzeitig wahrzunehmen. Mit dem Sprachsinn nehmen wir Worte (oder auch Schreie, Stöhnen oder Lachen) als kommunikative Geräusche wahr und bringen sie in Zusammenhang mit Mimik, Gestik und anderen nonverbalen Kommunikationsformen. Die Wahrnehmung des Sprach- oder Wortsinnes ist eigentlich das Verstehen. Aus dem gehörten Geräusch oder Ton können wir durch Verstehen heraushören, ob es sich um Buchstaben, Silben oder Worte handelt. Wir wissen, dass es sich um mehr als ein bloßes Geräusch handelt, und wir erkennen Laute. Der Wortsinn lässt uns ebenfalls wahrnehmen, ob es sich auf einem Papier um ein sinnloses Gekritzel oder Buchstaben und Zeichen handelt. Dieser Sinn bezieht sich in all seiner Wahrnehmung auf das rein Menschliche.

11. Der Gedankensinn

Mit dem Gedanken- oder Begriffs-Sinn kann der Mensch Gedanken anderer wahrnehmen. Wir erkennen sie einmal aus dem Zusammenhang des durch den Wortsinn Wahrgenommenen. Das Erfassen einzelner Buchstaben als Begriff und das Verhältnis der Begriffe oder Symbole zueinander lässt dann den Gedanken des anderen Menschen erkennen. Die Lautsprache vermittelt jedoch zunächst nur die Worte. Wir müssen den Gedanken einen Sinn geben: Durch den Gedanken-Sinn. Viel mehr als durch die Sprache kann das Gedankenleben eines anderen Menschen im Unausgesprochenen nachempfunden werden: In Mimik und Gestik, durch die Körperhaltung und durch die ganze Art des Gegenübertretens. Diese Dinge, die viel mit Empathie zu tun haben, nehmen wir über den Gedankensinn wahr. Je sensibler und sensitiver ein Mensch ist, umso mehr kann er die Gedanken der anderen Menschen wahrnehmen. Einfach indem er einem anderen Menschen gegenüber tritt, kann er unmittelbar innerlich nachfühlen und nachleben, wie es ihm ergeht. Das ist nicht immer gewünscht und auch nicht immer leicht. Das Erfassen von Gedanken „hinter“ den Worten kostet Kraft und erfordert ein recht hohes Maß an Wachheit.

12. Der Ich-Sinn

Noch einen Schritt weiter geht der Ich-Sinn. Der Ich-Sinn bildet sich infolge der Tast- und Berührungswahrnehmung an der eigenen Körpergrenze als Organ zur Gesamtwahrnehmung des anderen. Ursprünglich waren wir veranlagt, in viel feinerer Weise das Ich des anderen Menschen innerlich zu verspüren, denn der ganze Mensch ist Ichsinn-Organ. Der Ich-Sinn vermittelt Wesenserfahrung, unmittelbares Erleben und Erkennen des anderen Menschen als „Ich“. Es ist die Fähigkeit, einen anderen Menschen wie sich selbst zu empfinden, ihn als ein anderes Ich wahrzunehmen. Aus der Gesamterscheinung und Anwesenheit des Anderen, aus seinen Gedanken, Taten und Bewegungen seinen Charakter direkt zu empfinden, seine besondere persönliche Art wahrzunehmen, das macht die Kraft der Empathie, der Ich-Sinn. Die Grundlage für das Wahrnehmen eines anderen Ichs ist das eigene Selbstbewusstsein, das über die ersten Sinne entsteht. So spannt der höchste aller Sinne ein Bogen zurück zum Beginn der Sinnesleiter.

Der Ich-Sinn ist der am wenigsten entwickelte Sinn der meisten Menschen. Viele Hochsensible und Hochsensitive Menschen verfügen über wunderbar feingestimmte obere Sinne. Diese sind in ihren Aktivitäten ausschließlich auf die Äußerungen der Mitmenschen ausgerichtet. Im Gegensatz dazu sind die unteren Sinne hauptsächlich auf die Wahrnehmungen der eigenen Körperlichkeit bezogen.

Die oberen Sinne werden auch die geistigen Sinne genannt.
Sie sind nur beim Menschen in dieser Art und Weise entwickelt.

Diese Zusammenfassung soll dazu dienen, das Wirken der einzelnen Sinne und ihre Zuordnung zu einem Wahrnehmungsgebiet darzustellen. Selbstverständlich sind in Wirklichkeit die Übergänge mehr fließend und meist mehrere Sinne beim Zustandekommen einer Wahrnehmung beteiligt.

Mit seinen Erkenntnissen hat Rudolf Steiner schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem einen Namen gegeben, was sich viele hochsensible und hochsensitive Menschen heute nicht erklären können. Und wie so oft ist das, was einen Namen hat, greifbarer und leichter zu verstehen. Deshalb kann Steiners Sinneslehre gerade für Hochsensible oder Hochsensitive ausgesprochen hilfreich sein. Mit einer gezielten Sinnesschulung kann so das Er-Leben von Menschen mit Hochsensibilität erleichtert werden.

Hochsensible Menschen brauchen besondere Lebensstrategien

Feinfühlige Menschen haben besondere Fähigkeiten, brauchen aber auch besondere Bedingungen, um wirklich kraftvoll diese Fähigkeiten und Gaben zu leben. Nicht nur im Beruf, sondern auch in der Liebe.

Um diese Bedingungen schaffen zu können, habe ich dir in meinem E-Book „Hochsensibilität – Dein Anti-Stress-Coaching“ zahlreiche Tipps und Übungen zusammengestellt.

Hochsensibilität Stress Selbstzweifel

Sig