Wenn wir berücksichtigen, dass etwa zehn Prozent aller Menschen von Gefühlsblindheit (Fachbegriff: Alexithymie) betroffen sind, wird offensichtlich, dass für jeden Hochsensitiven und Empathen, von denen es genauso viele gibt, beinahe täglich unvereinbare Welten aufeinanderprallen. Das Wort Alexithymie stammt aus dem Griechischen und bedeutet etwa „Unfähigkeit, Gefühle zu lesen“.

Damit wird eine Persönlichkeitsstörung beschrieben, bei der Betroffene keinen oder kaum Zugang zu ihren Gefühlen haben. Für sie bedeutet das auch, dass sie sich kaum in andere hineinversetzen können.

Wichtig ist für uns alle, dass wir Menschen, die unter Alexithymie leiden, keine böswilligen Absichten unterstellen, denn sie selbst leiden am meisten unter ihrer besonderen Veranlagung. Wie es in unserer westlichen Welt des Wohlstands zur emotionalen Verarmung kommen kann, wird derzeit erforscht.

Gefühle sind nicht wissenschaftlich.

So und ähnlich haben viele Psychologen jahrelang den Mangel an Wissen über emotionale Vorgänge und deren Auswirkungen auf das psychische und physische Wohlbefinden gerechtfertigt. Die Zunahme psychosomatischer Erkrankungen wie Reizdarm, Herzrasen, Burnout und Migräne sowie einige Erkenntnisse das Bauchhirn betreffend strafen diese Behauptung Lügen.

Was ist das Bauchhirn?

In unserem Bauch verbirgt sich eine Schaltzentrale: ein Nervensystem, das vergleichbar aufgebaut ist wie das Gehirn in unserem Kopf. Wissenschaftler bezeichnen es als enterisches Nervensystem oder als Bauchgehirn. Es sorgt für die sprichwörtlichen »Schmetterlinge im Bauch«, wenn wir verliebt sind; es ist beteiligt, wenn uns Sorgen und Stress »auf den Magen schlagen«, und vermutlich auch, wenn wir schlechte Laune bekommen, weil wir zum Beispiel hungrig sind.

Dass es zwischen Psyche und Verdauungstrakt eine physiologische Verbindung gibt, daran besteht längst kein Zweifel mehr.

Alexithymie ist nun seit etwa 20 Jahren Gegenstand diverser Forschungsrichtungen.

Geklärt werden soll, woher die Persönlichkeitsstörung kommt und wie man sie behandeln kann. Den Auftakt zur Erforschung bildete die eher zufällig gemachte Erkenntnis, dass sich chirurgische Eingriffe im Gehirn auf Wahrnehmung und Interpretation eigener und fremder Emotionen auswirken können.

Das galt als Beweis dafür, dass Gefühle durchaus einen organischen Ursprung haben können. Zahlreiche Tests und Studien mit Fragebögen und Hirnstrommessungen bewiesen, dass die Gehirne gefühlsblinder Menschen ganz anders funktionieren als diejenigen der nicht betroffenen Kontrollgruppe.

Gefühlsblindheit: Eine Herausforderung für Empathen

Was ihnen fehlt, ist aber nicht die Produktion bestimmter Hormone und die darauffolgenden körperlichen Reaktionen auf Angst, Ärger oder Lust. Alexithyme Menschen haben Gefühle wie alle anderen auch. Lediglich die Bereiche des Gehirns, die für die Wahrnehmung, Interpretation und Verarbeitung von Emotionen verantwortlich sind, arbeiten bei ihnen nicht oder nur teilweise.

Nun stellt sich die Frage: Ist Alexithymie angeboren und basiert auf genetischen Faktoren, die den Betroffenen das Erlernen von und den Umgang mit Emotionen unmöglich machen? Oder sind soziale Mängel und Traumata schuld an einer unzureichenden Hirnaktivität im Bereich emotionaler Intelligenz?

Alexithymie: Prägung oder Veranlagung?

Experten auf dem Gebiet der Psychosomatik vertreten die Ansicht, dass auch in eher mehr rational veranlagten Persönlichkeiten erste soziale Lernprozesse eine alexithyme Störung hervorrufen können.

Sehen wir uns das einmal genauer an.

Derartige Lernprozesse finden vor allem im Säuglings- und Kleinkindalter statt, werden im Grundschulalter erneuert und in der Pubertät besonders stark herausgefordert und gefestigt.

Sieh dir ein Baby an. Es lacht, es weint, es beobachtet die Menschen in seiner Umgebung. Was die Aufmerksamkeit des Kleinen fesselt, ist nicht die Art und Weise, wie Mama den Deckel eines Gläschens Babybrei aufschraubt, sondern ihre nonverbalen Signale in Mimik und Gestik, mit denen sie auf die Stimmung des Kindes reagiert.

Wenn du eine Mutter und ihr Baby beobachtest, fällt dir bestimmt auf, wie sie den Gesichtsausdruck ihres Säuglings unwillkürlich imitiert, sobald sie sich mit ihm beschäftigt. Die meisten Menschen müssen einfach zurücklächeln, wenn ein Baby sie fröhlich anstrahlt. Auf den Gesichtern der Eltern spiegelt sich auch oft ein Wechselbad aus Sorge und Ärger, wenn ihr Säugling scheinbar grundlos schreit. Kinder lernen durch diesen Spiegel, ihre Gefühle einzuordnen und später auch zu benennen.

Erworbene Gefühlsblindheit

Aber was geschieht mit Kleinkindern, denen die persönliche Ansprache entzogen wird zugunsten diverser Lernroboter, die blinkende Lichter aussenden statt emotionaler Signale? Was kann ein Kind lernen, wenn dieselbe monotone Computerstimme Tag für Tag „Tanz mit mir!“ plärrt, ohne auf die Stimmung des menschlichen Gegenübers einzugehen?

Es verwundert nicht sehr, wenn kleine Menschen, die mit viel elektronischem Spielzeug aufwachsen, später roboterhafte Züge entwickeln: eine unveränderliche Mimik, kaum Veränderungen in der Tonlage, keine Anzeichen von Verständnis bei Gefühlsausbrüchen anderer Menschen. Die Spielzeuge mögen zwar „intelligent“ sein, ihre Emotionslosigkeit begünstigt aber eine gefühlsblinde Störung bei Heranwachsenden.

Als vor mehr als 100 Jahren die ersten Schwarz-Weiß-Filme gezeigt wurden, verließen die Zuschauer teilweise panisch den Raum, weil sie die Spannung nicht ertragen konnten.

Hochsensitive Kinder fangen auch heute noch an zu weinen, wenn im Film der Drache den Prinzen zu verschlingen droht und die schöne Prinzessin in ewiger Einsamkeit verharren soll.

Leider wird das häufig als Schwäche aufgefasst, als unangemessene Weichheit. Werden Kinder in solchen Situationen von ihren Eltern gerügt, sich »zusammenzureißen«, denn das sei ja »nur ein Film«, lernen sie unbewusst, dass kein Schrecken groß genug sein kann, um Angst zu zeigen – nicht einmal ein furchterregender Drache, eine mannshohe Dornenhecke oder ein unüberwindlicher Feuerwall.

Wen wundert es, wenn diese ursprünglich empathischen Kinder später völlig unbeeindruckt vor den 20-Uhr-Nachrichten sitzen und mit unbeteiligter Miene verfolgen, wie allerorts Terror und Naturkatastrophen Menschenleben fordern? Und wie könnte man von Menschen erwarten, denen Empfindungen auf diese Weise erfolgreich abtrainiert wurden, plötzlich emotional zu reagieren, nur weil sich ein Bekannter bei einem Unfall das Bein gebrochen hat?

Angeborene Gefühlsblindheit

Es gibt aber neben den benannten gesellschaftlichen Missständen unserer Zeit auch andere Hintergründe alexithymer Störungen, die vor allem von Psychotherapeuten untersucht werden. Dabei geht es um unbewältigte traumatische Erlebnisse, infolge derer das Gehirn die Gefühlswelt zu ignorieren gelernt hat, um sich zu schützen. Solche Fälle reichen von Missbrauch und Unfällen bis hin zu Kriegstraumata, die zu schrecklich sind, als dass der Betroffene diese im Alleingang bewältigen könnte.

Interessanterweise leben gerade sehr emotional veranlagte und sogar hochsensible Menschen mit dem Risiko, durch ein traumatisches Erlebnis eine alexithyme Störung zu entwickeln. Das ist für die Umwelt häufig besonders unverständlich, weil manche Erfahrungen von außen betrachtet gar nicht so schlimm erscheinen. Wie jedes Empfinden ist auch die Reaktion darauf sehr subjektiv.

Erkannt wird eine alexithyme Störung oft erst, wenn die Folgeerscheinungen schwerwiegend genug sind, um eine psychologische Beratung notwendig werden zu lassen.

Der Teufelskreis der Alexithymie

Auch gefühlsblinde Menschen haben Empfindungen, die sich in messbaren körperlichen Reaktionen äußern. So führen Angst oder Aufregung zu einer verstärkten Adrenalinausschüttung und Herzrasen. Ein gefühlsblinder Mensch allerdings vermutet hinter dem Symptom vielleicht Herzrhythmusstörungen und begibt sich zum Arzt, der aber nichts feststellen kann.

Das führt beim Betroffenen zu Besorgnis, welche sich diagnostisch nicht greifen lässt, aber dann unter Umständen vom Bauchhirn aufgegriffen wird und sich in einer gestörten Verdauung niederschlägt. Der Patient vermutet Grippe, ein Magengeschwür, womöglich ein frühes Stadium von Darmkrebs. Hinzu gesellen sich nach einiger Zeit Migräne, nervöse Unruhezustände, Erschöpfung.

Bis schließlich anhand der Gesamtheit der psychosomatischen Symptome die Diagnose Burnout oder Depression gestellt und eine Psychotherapie verordnet wird. Man kann nur hoffen, dass der betreuende Psychologe aus dem bisherigen Leidensweg seines Klienten die richtigen Schlüsse zieht.

Wie kann ein Empath gut mit Gefühlsblindheit umgehen?

Das Wissen um Alexithymie ist nicht nur für dich wichtig, wenn du glaubst, selbst gefühlsblind zu sein, sondern auch, wenn du eine derartige Störung bei deinem Bekannten oder Partner vermutest.

Für deinen Alltag genügt fürs Erste schon ein vermindertes Schubladendenken und eine aufmerksame Betrachtung der jeweiligen Persönlichkeit, bevor du jemanden als kalt und hart- herzig einschätzt.

Denn auch wenn die Entstehung alexithymer Störungen noch nicht eindeutig geklärt ist und dies vielleicht auch nur im Einzelfall möglich ist, solltest du eines bedenken: Ein gehörloser Mensch ignoriert dich nicht deshalb, weil er dich nicht hören will. Ein Blinder tritt dir nicht absichtlich auf die Füße. Und ein gefühlsblinder Mensch hegt keine bösen Absichten, wenn er deine Gefühle verletzt.

Die gute Nachricht ist: Im Gegensatz zu Taubheit oder Blindheit lässt sich Alexithymie sehr gut therapieren, denn das menschliche Gehirn lernt lebenslang und fehlende Verknüpfungen können auch im Erwachsenenalter (wieder-)hergestellt werden.

Herzlichst
Anne