Immer wieder höre oder lese ich: „ich bin wertfrei“ und „du sollst nicht bewerten“. Jedes Mal irritieren mich solche Aussagen. Warum? Bewerten ist normal.

„Ich bin wertfrei“. Na, hoffentlich nicht! Hast du etwa keine Werte? Wahrscheinlich doch, selbst dann, wenn du dir noch keine Gedanken darüber gemacht hast. Es gibt Dinge in deinem Leben, die dir wertvoll und wichtig sind. Daraus folgt bewerten. Es gibt sicher auch Verhaltensweisen, auf die du bei dir selbst und anderen Menschen Wert legst., weil du sie positiv bewertest. Ehrlichkeit vielleicht oder Offenheit oder Freundschaftlichkeit…

Dann höre oder lese ich auch immer wieder: Du sollst nicht werten

Na, hoffentlich doch! Hast du etwa keine Vorlieben und Abneigungen? Ist es nicht nützlich zwischen

  • angenehm und unangenehm
  • Sympathie und Antipathie
  • gesund und ungesund
  • Wohlgefühl und Unwohlsein
  • Abneigung und Zuneigung

unterscheiden zu können?

Warum sollen wir eigentlich nicht werten und bewerten?

Gerade in spirituellen oder esoterischen Kreisen wird immer wieder eingefordert, nicht zu werten. Ich plädiere aber dafür, genau das zu tun und diese unmittelbaren intuitiven Entscheidungsmöglichkeiten auch konsequent zu nutzen. Wenn du das tust und diesen Gefühlen folgst, wird es dir besser gehen, als wenn du aus falsch verstandenen Verboten angepasste Kompromisse lebst.

Werten und bewerten

Scheinbar bedeuten die Begriffe Gleiches – aber nur auf den ersten Blick. Wir tun es ständig und denken gar nicht darüber nach. Wir werten und bewerten, wir urteilen und beurteilen und … manchmal verurteilen wir auch. Ist das negativ? Schaden wir anderen oder uns selbst damit? Steht uns das überhaupt zu?

Maßstäbe anlegen – mit gutem Recht

Vielleicht lassen sich die Begriffe in Beispielen besser unterscheiden: Du nimmst an einem sportlichen Wettbewerb teil und legst einen ordentlichen Weitsprung hin. Der Kampfrichter wertet den Versuch als gültig und registriert die Weite. Würde er bewerten, müsste er nun in Jubel ausbrechen oder bedrückt drein schauen, denn er hätte einen Maßstab angelegt. Ohne vorgegebene oder festgelegte Werte kann also eine Bewertung gar nicht stattfinden, es fehlt dann eine Größe, zu der wir beispielsweise eine Leistung in Beziehung setzen können.

Oder wenn du eine liebe Freundin besuchst und sie hat einen Tisch für euch dekoriert und sich viel Mühe gegeben, dann wirst du schon im ersten Eindruck werten und urteilen: Es sieht toll aus oder eben nicht. Es gefällt dir oder nicht. Du fühlst dich wohl oder nicht. Fügst du deiner Betrachtung aber die Umstände hinzu, wie beispielsweise, dass sie immer viel um die Ohren und überhaupt kein Händchen für so etwas hat, dann schätzt du die Leistung viel höher ein – du bewertest und beurteilst.

Maßstäbe, Summe der eigenen Werte

Es macht also gar keinen Sinn, sich gegen diese unbewussten und bewussten Aktionen in uns selbst zu sperren oder zu wehren. Wir benötigen dieses Unterscheiden als ständige Orientierung, um Gutes von Schlechtem zu trennen oder sympathische Menschen von unsympathischen. Wichtig ist unser Umgang mit den gewonnenen Erkenntnissen, denn nicht jeder Mensch in unserer Umgebung verfügt über ausreichend Kritikfähigkeit, um sich einer Bewertung zu stellen.

Aber hier spielt der Ton die Musik: Eine Bewertung erfolgt doch immer anhand unserer persönlichen Werte und Ansprüche – die unseres Gegenübers können und dürfen ganz andere sein. Wir sollten nicht zu schnell verurteilen, ohne über die näheren Umstände oder Gegebenheiten urteilen und damit die Gesamtsituation beurteilen zu können. Aber eigene Ansichten freundlich zu äußern und damit unsere persönliche Bewertung einzubringen, kann andere bereichern.

Wann ist werten und bewerten NICHT nützlich?

Wenn bewerten zu Abwertung anderer Menschen führt!
Wenn du dadurch ein Urteil über sie fällst, ohne die Hintergründe für ein Verhalten zu kennen.

Ein Beispiel aus meinem Leben: Als ich Kind war hatte ich immer den Eindruck, meine Mutter kann Tiere nicht ausstehen. Sie sprach immer mit einem „Igitt“ in der Stimme von ihnen. Ich habe sie immer dafür verurteilt. 20 Jahre später sollte sie auf unsere neu geborenen Katzenbabys aufpassen, während wir im Urlaub waren. Dann kam ein panischer Anruf von meiner Mutter, – weinend, völlig aufgelöst: Die Kätzchen seien verschwunden. Natürlich fanden sie sich wieder, die Katzenmama hatte sie nur gut versteckt. Aber so kam es zum Gespräch und ich sagte ihr mein Kindheitsgefühl: „Warum hast du dich denn so aufgeregt, du magst doch keine Tiere“. Das hat sie sehr überrascht. Und sie erzählte mir den Grund, warum wir als Kinder keine Tiere haben durften: Sie hatte als kleines Kind ein großes Scheunentor aufgeschoben und dabei ihre heiß geliebte Katze getötet……. Muss ich mehr dazu sagen?

Ohne Wertung keine Entwicklung zu dem, was DIR gut tut

Scheue dich nicht, deine Umgebung weiterhin einzuschätzen und an deinem Maßstab zu messen – sie tut es auch. Auch deine eigene Kritikfähigkeit ist gefragt, wenn Mitmenschen eine abweichende Meinung vertreten, weil sie andere Werte verinnerlicht haben.

Auch ich werde täglich bewertet und das ist völlig ok so

Dem einen Menschen bin ich sympathisch, dem anderen nicht. Manche lehnen meine direkte und klare Art ab und wünschen sich mehr Diplomatie, andere finden gerade meine Direktheit klasse.

Du hast das Recht zu werten und danach zu entscheiden: Was dir gut tut, wie du leben möchtest, welche Menschen dich umgeben dürfen. Je konsequenter du deine Bewertungen in deinem Leben umsetzt, umso wohler wirst du dich fühlen und umso eher wirst du der Mensch, als der du gemeint bist.

Respekt, Toleranz und Akzeptanz – das sind die gefragten Kompetenzen, um verantwortungsvoll mit einem menschlichen Phänomen umzugehen: dem ständigen werten und bewerten.

Sig