Bist du schon einmal über den Begriff Aschenputtel-Syndrom gestolpert? Er könnte auch Schneewittchen-Syndrom oder Dornröschen-Syndrom genannt werden. Ich erlebe immer noch viele hochsensible Klientinnen, die darin gefangen sind. Es ist wunderbar, dass ich immer mehr Frauen dessen bewusst werden und aktiv etwas zur Verbesserung und Unabhängigkeit tun.

Warum dieses Phänomen nach einer Prinzessin benannt wurde, wirst du im Laufe des Artikels noch genauer erfahren. Beschrieben werden damit Erziehungsmethoden in der Kindheit, die sich später auf Liebes-Beziehungen und andere soziale Bindungen negativ auswirken können.

Speziell, wenn du eine oder mehrere Töchter hast, ist dieser Artikel ein wichtiger Leitfaden für dich, dem du unbedingt Aufmerksamkeit schenken solltest.

Doch auch wenn du Mutter von Söhnen bist, wird er dir etwas zeigen, was für die Entwicklung dieser von großer Bedeutung ist. Erziehung hat für viele Eltern etwas mit alter Tradition zu tun, die sie ohne darüber nachzudenken fortführen. Doch das ist nicht immer von Vorteil. Warum das so ist, erklären wir dir jetzt.

Warum Aschenputtel-Syndrom? – was ist damit gemeint?

Grundsätzlich ist nichts Falsches daran, deiner Tochter zu sagen, dass sie wie eine Prinzessin für dich ist, denn du liebst sie und möchtest nur das Beste für sie. Doch das führt manchmal dazu, dass deine Töchter denken werden, sie befänden sich in einem Märchen, in dem sie von ihrem Prinzen errettet werden.

Zugegeben, es ist schön, sich vorzustellen, dass ein toller Prinz auf dem weißen Pferd herbeieilt, um die Prinzessin mit einem Kuss zu retten oder mit dem einzig passenden Schuh zu finden. Im Märchen holt der Prinz das Aschenputtel so aus einer traurigen Situation, denn sie wurde von der Stiefmutter zu einer Dienstmagd degradiert. Kleine Mädchen lauschen diesen Geschichten gespannt und glauben, dass es auch ihnen später genau so passieren wird. Doch dem ist nicht der Fall.

Erforscht wurde das sogenannte Aschenputtel-Syndrom von einer Forscherin namens Colette Dowling.

Viele Frauen, die unter den genannten Voraussetzungen erzogen wurden, haben Angst davor unabhängig zu sein. Die späteren erwachsenen Frauen wünschen sich, immer und überall geborgen zu sein und beschützt zu werden. Dafür geben sie jedoch ihre eigenen Wünsche, Beschäftigungen und Vorlieben auf. Genau dafür liegt der Grundstein jedoch in der Erziehung. Zudem wird auch religiöser und sozialer Druck auf Mädchen ausgeübt.

Der Ursprung des Syndroms liegt also in der Angst davor, unabhängig zu sein.

Vielen ist die Geschichte von Cinderella ein Begriff. Dabei handelt es sich um ein junges Mädchen, das von ihrer Stiefmutter dazu verdonnert wurde, sich um sie und ihre Stiefschwestern zu kümmern. Sie ist für diese fast unsichtbar, geschweige denn, dass sie jemand mit auf den Prinzen-Ball nehmen möchte. Dann allerdings erscheint eine gute Fee, die dafür sorgt, dass Cinderella auch den Ball besuchen kann.

Sie lernt den Prinzen auf dem Ball kennen, der sofort von ihr angetan ist und keine andere als Cinderella zu seiner Frau nehmen will. Als sie vor dem Prinzen flüchtet, verliert sie einen gläsernen Schuh. Mit dessen Hilfe sucht der Prinz im Märchen nach ihr. In der Geschichte wird vermittelt, dass Frauen schön, unschuldig und devot gegenüber Männern sein müssen. Darüber hinaus müssen sie in deren Abhängigkeit stehen.

Im Märchen Cinderella oder Aschenputtel gibt die gute Fee ihr die Gelegenheit, sich in eine Prinzessin zu verwandeln, die dann die Chance bekommt, ihren Traumprinzen zu finden. Dabei wird suggeriert, dass Frauen ihr Leben lediglich dann ändern können, wenn sie sich in die Hände eines Mannes begeben, um eine Beziehung mit ihm zu führen. Falls nicht, bleiben sie für immer dazu verdammt, niedere Dienste zu verrichten. Aus eigener Kraft können sie sich vorgeblich nicht lösen.

Manche Frauen werden sich vielleicht nicht damit identifizieren können, denn immerhin wollen moderne Frauen auch unabhängig sein, was immer sie auch tun. Doch wenn du ehrlich zu dir selbst bist, gibt es gewisse Aufgaben, die du lieber einem Mann überlässt, oder? Viele Männer gehen immer noch arbeiten, um die Familie mit Geld zu versorgen, während die Frau zu Hause bleibt und sich um Haushalt und Kinder kümmert.

Diese Einstellung arbeitet im Grunde gegen die Gleichberechtigung, für die so viele Frauen in vergangenen Jahrzehnten so eisern gekämpft haben, denn nur durch sie ist ein emanzipiertes Leben möglich geworden. Das bedeutet aber auch, dass Frauen nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten haben.

Wer das nicht mag, steckt in einer Form des weiblichen Narzissmus fest und sucht sich in der Regel nicht selten unbewusst einen erfolgreichen männlichen Narzissten aus, der aber emotional verkümmert, kontroll- und machtsüchtig ist.

Einem solchen Narzissten gefällt es, eine unterwürfige Frau zu haben, die sich ganz seinen Wünschen und Bedürfnissen hingibt und ihre eigenen aufgibt. Erfolgreiche Narzissten wurden nach demselben Muster geprägt, befindet sich jedoch auf der anderen Seite der Medaille. Für ihn sind Männer die Macher, während Frauen sich unterzuordnen und zu fügen haben.

Warum ist das Aschenputtel-Syndrom also negativ behaftet?

Das Aschenputtel-Syndrom unterbindet das emanzipierte Denken und damit auch die Weiterentwicklung von Frauen. Diese kommen erst gar nicht auf die Idee, sich nicht nur dem Haushalt und anderen weiblich anmutenden Arbeiten zu widmen, sondern auch darüber hinaus Fähigkeiten zu erlernen. Wir leben nicht mehr in den alten Zeiten der Märchen, sondern in einer modernen Welt. Deshalb sollten Frauen sich nicht zur das Ziel setzen, zu heiraten und Kinder zu bekommen, sondern auch anderen Wünsche wahr werden zu lassen, zum Beispiel berufliche.

Selbst wenn deine Tochter einen Mann heiratet, kann sie dennoch für ihre eigenen persönlichen Ziele eintreten und so leben, wie sie es möchte. Wer unter dem Aschenputtel-Syndrom leidet, wird das aber unterbewusst gar nicht wollen. Diese Frauen bleiben zu Hause und wollen vom Mann behütet und beschützt werden.

Das hat einen weiteren negativen Aspekt, denn wenn sich Frauen vom Mann oder Lebensgefährten abhängig machen, nehmen sie nicht nur dem Partner, sondern auch sich die Luft zum Atmen. Daher entwickelt sich das Aschenputtel-Syndrom meistens zu einem Damokles-Schwert, das permanent über der Beziehung schwebt. Wir leben in der Realität und nicht in einem Märchen.

Unsichere Frauen ohne Selbstwertgefühl, sind kaum in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen.

Zwar kommen wir alle einmal in die Situation, beschützt werden zu wollen, allerdings sollten das eher Ausnahmefälle sein. Es ist schön, an missglückten Tagen umarmt zu werden und nette Worte zu hören, die einen wieder aufbauen. Doch das sollte wirklich nur ein Ausnahmefall bleiben und nicht zur Regel werden.

Es gibt noch einen Grund, warum das Aschenputtel-Syndrom mit negativen Aspekten verbunden ist. Frauen, die darunter leiden, werden ihre individuellen Ziele niemals erreichen. Das wiederum sorgt dafür, dass sie unglücklich werden, frustriert sind und noch unterwürfiger werden.

Der Unterschied zwischen weiblichem und offenem, meist männlichem Narzissmus

Wenn es um Narzissmus geht, wird zwischen weiblichem, verdecktem und männlichem, offenem Narzissmus unterscheidet. Männer präsentieren sich dabei in der Regel mit offenem Narzissmus. Sie sind der Überzeugung, großartig zu sein und zeigen das auch immer wieder in der Öffentlichkeit, während sie sich zu Hause jedoch kontrollierend und manipulierend verhalten. Weiblicher Narzissmus hingegen definiert sich eher über äußerliche Attraktivität und findet im Verborgenen statt.

Deshalb können Laien diese Form meist nicht sofort erkennen. Weiblicher Narzissmus zeigt sich durch große Gegensätze. Nach außen hin wird der perfekte Schein demonstriert, im Inneren der Frauen breiten sich jedoch Leere und Depressionen aus. Das hat zur Folge, dass es zu Fantasien in Bezug auf ihre Großartigkeit kommt, denn Unsicherheit und Selbstzweifel können nicht ausgehalten werden. Mit diesen Fantasien schützen sie sich selbst.

Weiblicher Narzissmus wirkt für andere überlegen und stark. Betroffene Frauen treten äußerlich perfekt auf. Das zeigt sich an einer makellosen Optik, großer Einsatzbereitschaft und dem Bemühen, tunlichst Fehler zu vermeiden. Wer sich jedoch die Mühe macht, dahinter zu blicken, entdeckt, wie sehr diese Frauen leiden. Äußerlichkeiten pflegen sie zwar, die innerlichen Gefühle und Bedürfnisse übersehen sie jedoch geflissentlich. In Wahrheit ist ihr Selbstbewusstsein am Boden. Für weiblichen Narzissmus sind Bewunderung und Anerkennung von anderen essenziell. Alle Erfolge und positiven Entwicklungen im Leben werden der Optik zugeschrieben.

Wenn Aschenputtel als Erwachsene keinen Partner findet oder geschieden wird

Nach einer Scheidung stellen betroffene Frauen häufig fest, dass die finanziellen Mittel nicht reichen, um ein eigenständiges Leben zu führen. Dasselbe gilt auch für ihr emotionales Potenzial. In Panik suchen sie umgehend nach einem neuen Mann, mit dem sie sich wieder in ihre alte Rolle zurückkatapultieren. So durchbrechen sie niemals diesen in der Kindheit erlernten Teufelskreis.

Wie kannst du vermeiden, dass deine Töchter vom Aschenputtel-Syndrom betroffen sind

Du bist Mutter oder Vater und hast eine oder mehrere Töchter? Erkläre ihnen immer wieder, wie wichtig es ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Zeige ihnen, dass es für sie eine existenzielle Bedeutung hat, zunächst im Beruf Fuß zu fassen, ehe sie heiraten und Kinder bekommen.

Doch auch wenn du Mutter oder Vater von Söhnen bist, solltest du ihnen vermitteln, dass der Haushalt nicht grundsätzlich nur von Frauen geführt wird. Sie sollten ebenfalls mit anpacken. Mädchen hingegen dürfen gerne zu „männlichen“ Tätigkeiten herangezogen werden. Als Erwachsene sollten sowohl deine Töchter als auch deine Söhne in der Lage sein, ihre Ziele eigenständig zu erreichen. Nur so gelingt der Weg in eine glückliche Zukunft und Beziehung.

PS. Ich wurde immer zur Unabhängigkeit von Männern erzogen. Auch das hat seine Schattenseiten. Aber dazu in einem anderen Artikel später mehr