Bist du sehr sensibel und deine größte Stärke ist Empathie? Dann kennst du sicherlich das Problem, dass du dich schnell von der Stimmung deines Umfeldes mitziehen lässt. Leider sind nicht immer alle Menschen um dich herum gut gelaunt.

Damit es dir gut geht und deine Empathie nicht zu einer gesundheitsgefährdenden Schwäche wird, kannst du lernen, wie du deine eigenen Gefühle von den Gefühöen anderer unterscheidest. Nur so macht dich die „Dicke-Laune-Luft“ deiner Umwelt nicht genauso krank wie Passivrauchen.

Können Menschen überhaupt fremde Gefühle haben?

Grundsätzlich ist es nicht möglich, geistigen Inhalt von einem Organismus kognitiv in einen anderen zu transferieren. Auf der emotionalen Wahrnehmungsebene hingegen ist es durchaus möglich, Gefühle fremder Menschen zu adaptieren. Eine sehr sensible Person erfasst an Stimmenlage, Mimik, Gestik, Wortwahl oder Aura die emotionale Lage des Gegenübers. Wenn diese Empathie nicht bloß zu Mitgefühl führt, sondern sich nicht von dem eigenen Fühlen unterscheiden lässt, wird jeder Empath massiv darunter leiden. Das wird einfach zu viel.

Beim Mitgefühl wünschst du jemandem das Beste, aus seiner Situation herauszukommen. Übernimmst du die Emotionen aber unreflektiert, bist du passiv und leidest selbst.

Eine einfache Beispielsituation: Du passierst in der Fußgängerzone einen Obdachlosen. Hättest du ein ganz normales Mitgefühl, würdest du kurz denken, dass er dir leid tut und dann weiterhin gut gelaunt zu deiner Verabredung gehen. Bist du aber sehr empathisch veranlagt, trüben sein Anblick und seine traurige Stimmung dein Gemüt. Im schlimmsten Fall kann es sogar dazu führen, dass du dich ebenso hoffnungslos-leer fühlst wie der Obdachlose.

Oder wir nehmen eine andere Situation: Bestimmt hast du schon einmal in einem Team gearbeitet, in dem ein Mitglied nur negative Aussagen getätigt hat. Wenn du hochsensitiv bist und damit empfänglich für die Stimmung anderer, hat dich das vielleicht soweit heruntergezogen, dass du am Ende auch keine positiven Seiten mehr sehen konntest.

Natürlich gibt es nicht nur solche Beispiele. Du lässt dich ebenso schnell von guter Laune anstecken und verfällst in die gleiche Euphorie wie dein Gegenüber. Auch dies kann schädlich für dich sein. Du verlierst dich in den Träumen anderer, statt dein eigenes Leben zu leben.

Identifiziere den Ursprung deiner Stimmung

In diesen Beispielen erkennst du genau, von wem die Stimmung ausgeht. In der Realität eines akuten Momentes aber verschwimmen die Gefühle anderer manchmal dermaßen schnell mit deinen eignen, dass du sie als fremd entlarven musst, damit du angemessen reagieren kannst. Stelle dir dazu einige Fragen zur Selbstreflexion:

  1. Macht es Sinn, dass du fühlst, wie du fühlst? Oder war die Situation gerade noch ganz anders und du hattest zum Beispiel gute Laune?
  2. Entwickelst du gerade ein Verhalten, das „so gar nicht zu dir passt“? Du agierst ungewöhnlich und wie fremdbestimmt.
  3. Sorgt die Ausstrahlung deines Gegenübers generell für ein Gefühl von Ratlosigkeit in dir?
  4. Spürst du einen großen Einfluss durch jemanden auf die Gesamtsituation?
  5. Frag dich, ob sich deine Haltung, Mimik oder Wortwahl plötzlich verändert (hat). Vermutlich spiegelst du dann einen anderen Menschen wider.
  6. Lächelst du unpassend? Irgendwoher muss dieses Bedürfnis zu Lächeln kommen; ein fremdes Gefühl ist sehr wahrscheinlich.
  7. Oder im Gegenteil: Du wirst urplötzlich traurig, obwohl es überhaupt keinen Anlass zu geben scheint und du auch an nichts Trauriges gedacht hast.
  8. Vermeidest du ab und zu Blickkontakte? Es kann sein, dass du deine fremden Gefühle aufrechterhalten willst oder eigene Gefühle nicht zulassen magst/kannst.
  9. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass deine Aussagen nicht zu deinem Gesichtsausdruck oder deiner Tonart passen? Menschen mit sensiblen Antennen bemerken, wenn du nicht mit dir eins bist.
  10. Spürst du, dass deine Familie um einige Themen einen großen Bogen macht. Vielleicht gibt es ein Familiengeheimnis?
  11. Merkst du, dass du deine eigenen Ziele vernachlässigst, da du andere Gefühle und Erwartungen übernommen hast?

Du siehst schon: Es gibt ganz verschiedene Arten von fremden Gefühlen. Allen gemeinsam ist aber, dass sie normalerweise nur übergangsweise auftreten. Dennoch kann diese Übergangszeit recht lange und erschöpfend dein. Die fremden Gefühle verschwinden wieder, wenn sich deine Situation ändert und wenn du eine Distanz zum Auslöser schaffst. Du musst aber zuvor unbedingt daran arbeiten, diese unbewussten Übernahmen in dein Bewusstsein zu holen, damit du ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert bist.

So kannst du vorgehen:

  1. Im Alltag hast du zwischen Arbeit, Hobby und Familie kaum die Muße, dich mit den eben genannten Fragen ernsthaft auseinanderzusetzen. Solltest du aber erste Anzeichen erkennen, dass du ein fremdes Gefühl lebst, nimm dir eine kleine Auszeit. Selbst wenn du nur eben schnell ins Badezimmer gehst und dir kaltes Wasser über die Pulsadern laufen lässt:  jede Identifikation führt zu einer Unterbrechung, die dir gut tun wird.
  2. Meditation und Yoga können dir helfen zu lernen, dich auf deine innere, emotionale Mitte zu konzentrieren. Wenn du auf diese Erfahrung zurückgreifen kannst, wirst du langfristig aus unberechenbarer Empathie gesundes Mitgefühl entwickeln können.
  3. Beachte, wie die Menschen sind, mit denen du dich umgibst. Lass um dich sein, wer dir gut tut: Liebevolle Menschen, die dich nicht ausnutzen, dir Kraft schenken und dich nicht herunterziehen. Suche nach Beziehungen, die positiv aufgeladen sind.
  4. Der Arbeitskollege schreit wieder durch den Flur? Lass dich nicht dazu verleiten, ebenfalls einen Wutausbruch zu bekommen. Sage dir selbst: ER ist sauer. Indem du sein Gefühl so konkret ihm zuordnest, distanzierst du dich.
  5. Versuche, deine Gefühlswelt kennenzulernen und eine sensible Antenne für dich selbst zu entwickeln. Sie sollte genauso feinfühlig sein, wie deine Sensoren, die nach außen gerichtet sind.
  6. Mache, was dir guttut und generiere Erfahrungen, von denen du lange zehren kannst. Sie wirken wie eine Rüstung, an der negative Einflüsse abprallen.
  7. Behalte deine Empathie unbedingt bei, aber löse dich vom Fühlen fremder Emotionen. Erkenne, dass du diese Erfahrungen nicht gemacht hast, die zu der Stimmung deines Gegenübers geführt haben.
  8. Habe Mitgefühl, weil du verstehen kannst, wie schlimm das gewesen sein muss oder wie sehr sich jemand auf ein Ereignis freuen kann.

Verstehe, dass es einen Unterschied gibt zwischen Fühlen und Gefühl

Verinnerliche, dass ein Gefühl nicht universal gleich wahrgenommen wird. Du darfst und kannst es dir vorstellen, aber brauchst es nicht zu mitzufühlen. Das Gefühl eines anderen hat für dein eigenes Leben keine Bedeutung, denn du fühlst garantiert ganz anders als alle anderen Menschen, die du je getroffen hast.

Einmalig, unverwechselbar, kostbar.

Mehr über Empathie, Hochsensibilität und Gefühle:

Lies mehr dazu in unserem Buch: Anne Heintze und Harald Heintze: Die Gabe der Empathen: Wie Sie Ihr Mitgefühl steuern und sich und andere stärken.

Alles Liebe
Anne & Harald