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Leben mit Depressionen: Die dunkle Nacht der Seele

Immer wieder fragen mich Klientinnen und Klienten, ob denn viele außergewöhnliche Menschen unter Depressionen leiden

Sehr viele hochbegabte, hochsensible und hochsensitive Menschen kennen diese Zustände: Sie fühlen sich kraftlos, sie stellen alles in Frage, ihnen fehlt die Lebensmotivation, sie suchen den Sinn des Lebens, sie sind zutiefst innenmüde und finden keinen Ausweg aus dieser Stimmung.

In ihrer Seele ist es Nacht

Ehrlicherweise muss ich sagen, selbst wenn man nie nie sagen sollte, dass ich fast keinen  außergewöhnlichen Menschen (sprich hochbegabt, hochsensibel, hochsensitiv) kenne, der diese depressiven Lebensphasen nicht mehr oder weniger intensiv erlebt hat.

Ich selbst hatte zwischen meinem 14. und 34. Lebensjahr enorm depressive Phasen in unterschiedlicher Intensität. Mal war es ein „Weltschmerz“, ein „Zu Tode betrübt“und manchmal eine absolute Lebensmüdigkeit bis hin zur Todessehnsucht. Ich plante mehrmals mein Leben zu beenden, beschäftigte mich intensiv mit den philosophischen Aspekten des Freitods, las Jean Amery und andere „Freitodaktivisten“, und diskutierte mit Philosophen über das Recht, sein Leben zu leben oder es aus freiem Willen, ohne Affekt-Effekte, zu beenden.

Aber jedes Mal, wenn ich in äußerst ernsthafter Absicht mein Lebensende plante und den Selbsttod zielgerichtet und todsicher durchführen wollte (und ich war wirklich sehr gründlich dabei), geschahen merkwürdige „Zufälle“, die mein Lebensende verhinderten. Zuerst wollte ich am 5.5.1975 mit 14 Jahren mein Leben beenden (ja, ich weiß genau, was dazu führte). Nach Magenauspumpen im Krankenhaus war ich zwar am Leben, aber nicht wirklich lebendig. Viel später war ich zweimal klinisch tot. Ich wurde reanimiert. Ich hatte dabei Nahtoderfahrungen, durfte aber zurück ins Leben und erkennen:

Das Leben hatte offensichtlich etwas anderes mit mir beabsichtigt

Das führte dazu, dass ich akzeptierte, dass es irgendeinen Sinn in meinem Leben geben muss. In den Nahtoderfahrungen  erlebte ich, dass das Sterben an sich vollkommen angstfrei geschehen kann. Ich wusste auch, dass es eine Existenz danach gibt. Ich wusste, ich bin NICHT mein Körper, mein Verstand oder meine Gefühle. Ich erfuhr, dass es ein Sein gibt, das sich nicht in irdische Worte fassen lässt. Ich war vollkommen WACH. Ich sah, fühlte, hörte, dass es eine Aufgabe für mich gibt, und dass ich nicht das Recht habe, meine Gaben abzulehnen.

Als ich das endlich verstanden hatte, mit 34 Jahren, haben die Depressionen mein Leben vollständig verlassen. Ich hatte nie wieder massive depressive Verstimmungen oder tiefe Depressionen, seltenst erlebe ich Zweifel an meinem Dasein und ich nehme es heute einfach an, so wie es ist.

Wenn ich das meinen Klienten erzähle, fragen sie oft, ob es möglich ist, so eine Erkenntnis auch ohne die tiefste Nacht der Seele zu erlangen.

Ja, so schlimm muss es nicht sein

Ich meine auch: Es gibt keine Abstufungen im depressiven Empfinden im Sinn eines objektiven „schlimm oder nicht so schlimm“. Jeder Mensch empfindet das anders, sehr individuell. Diese Lebensmüdigkeit, diese Erschöpfung, diese Sehnsucht nach freiem Sein empfindet jeder anders.

Dann, wenn es gelingt, nicht gegen die eigene innere Bestimmung zu kämpfen, sondern sie anzunehmen als das, was sie dir an Aufgaben mitgibt,- dann kann die Seele aus der Nacht ins Morgengrauen auftauchen und schließlich in den hellen Tag.

Außergewöhnliche Menschen haben oft außergewöhnliche Erfahrungen. Sie befinden sich damit außerhalb der Norm und mit ihren Empfindungen auch oft außerhalb dessen, worüber man spricht. Wenn Mut entsteht und Masken fallen und Menschen dazu stehen, dass sie gute und schlechte Tage haben und, dass sie Abstand und Ruhe brauchen, dass sie Nein sagen dürfen und ihre Überzeugungen vertreten können, dann kann der Mensch so entfalten, wie er gemeint ist.

Ich schreibe das so offen hier, weil ich weiß, dass viele Menschen hier lesen, die ähnliches erleben oder erlebt haben.

Ein Gespräch ist mir ganz besonders in Erinnerung. Es ging um die Scham über die eigene Depression. Dieser Mensch schämte sich zutiefst, dass er, obwohl er wirklich sehr klug und sensibel und intelligent und attraktiv und erfolgreich war und ist, immer wieder depressive Lebensphasen durchlebte. Über diese hat er aber nie mit jemandem sprechen können. Wegen der tiefen Scham.

Wie lange, wie viele Jahre, habe ich mich geschämt dafür, dass ich trotz meiner Fähigkeiten und meines Wissens nicht in der Lage war, meine Depressionen in Schach zu halten. Ich schämte mich zutiefst ob dieser Unfähigkeit. Ich habe jahrelang alles getan, um meine depressiven Phasen zu verheimlichen. Und selbst als sie offensichtlich wurden nach einem Suizidversuch, habe ich alles getan, um meine Motivation zu bagatellisieren und zu verheimlichen. Ich war Weltmeister im Stehaufmännchen sein. Ich war perfekt darin eine Maske zu installieren.

Was hat es mir gebracht? Nichts. Am Ende hat alles nur dazu geführt, dass ich Masken, Rollen und Funktionen loslassen musste und konnte.

Zurück zur Ausgangsfrage meiner Klienten: ja, die allermeisten Menschen, die zu mir kommen kennen Depressionen und mitternachtsschwarze Empfindungen.

Wenn aber ein Mensch seine Selbstwerdung annimmt und sich nicht mehr dagegen wehrt, wie er gemeint ist, wenn er seine Begabungen leben kann, dann gibt es diese dunklen Seelennächte nicht mehr.

Ich behaupte nicht, dass es leicht ist, seine Bestimmung anzunehmen. Ich behaupte aber, dass es viel schwerer ist und sehr viel mehr Kraft erfordert, diese abzulehnen.

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Sig

 

 

 

 

 

 

 

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