Hochsensible haben es oftmals vor allem im Alltag schwer. Die Aufgaben und Tätigkeiten, die für die meisten anderen Mitmenschen einfach vollkommen „normal“ sind, über die sie vielleicht gar nicht groß nachdenken, können Hochsensiblen riesige Probleme bereiten. Gerade was den Beruf betrifft, stoßen Hochsensible häufig an ihre Grenzen. Vor allem auch, weil sie mit den Schwierigkeiten, die sie mitunter haben, nicht immer auf Verständnis treffen.

Mit Hochsensibilität unter Kollegen

„Die/Der soll sich mal nicht so anstellen“. Diesen Satz hast du vielleicht auch schon einmal auf der Arbeit gehört, obwohl er hinter vorgehaltener Hand geäußert wurde. Es ist dein gutes Recht, dich darüber aufzuregen und wenn du verletzt bist, kann dir das auch niemand vorwerfen. Dennoch bist du mit deiner Hochsensibilität in einer Position, für die nicht jeder Mitarbeiter Verständnis aufbringen will und kann. Manch einer versteht es auch einfach nicht.

Es liegt daher auch ein wenig an dir, dich zu entscheiden: Willst du dich als Opfer der Umstände sehen und an deiner Hochsensibilität leiden? Oder möchtest du deine Persönlichkeit nicht lieber wertschätzen, deine Fähigkeiten als eine Art Geschenk betrachten und auch beruflich das Beste rausholen, was möglich ist? Die folgenden Tipps sollen dir dabei helfen, die Hochsensibilität mit dem Beruf in Einklang zu bringen, Stress zu vermeiden und freitags auf eine erfolgreiche Arbeitswoche zurückschauen zu können.

Eine sinnvolle Tätigkeit

Ganz egal, ob du erst noch auf der Suche nach einem Job bist und die Arbeitswelt für dich noch etwas ganz Neues ist oder ob du bereits beruflich tätig bist: Sicherlich kennst du das Gefühl, dein Geld gerne mit einer sinnvollen und erfüllenden Tätigkeit verdienen zu wollen. Na klar, sagst du vielleicht sogar, was denn sonst?

Allerdings ist das nicht für alle Menschen so selbstverständlich, wie für Hochsensible. Anderen Menschen macht es mitunter überhaupt nichts aus, stundenlang eine monotone körperliche Bewegung auszuführen oder bürokratische Arbeiten zu erledigen, die einen geistig vollkommen unterfordern. Sie sehen die Arbeit eben als Arbeit und das Geld am Monatsende reicht als Entlohnung.

Hochsensible Menschen sehnen sich aber in der Regel nach einem Beruf, der vielleicht gar nicht mal wahnsinnig viel Geld oder Aufstiegschancen bringt, der aber zum Beispiel Möglichkeiten zur eigenen Entfaltung bietet. Möglichkeiten, die Persönlichkeit zur Geltung bringen und charakterlich und geistig weiter wachsen zu können.

Einen Beruf, in dem dies nicht möglich ist, solltest du meiden. Deine (tägliche) Arbeit sollte dich weder unter-, noch überfordern. Sie sollte dich neugierig machen, heraufordern und belohnen. Vor allem solltest du dabei Spaß haben und sie eben auch als sinnvoll betrachten.

Sprich darüber am besten auch mit deinem oder deinen Vorgesetzten. Verdeutliche, dass du mit deinen Fähigkeiten, Stärken und Kompetenzen einen Beitrag leisten möchtest und dass du mit dem, was dich ausmacht unbedingt gesehen, eingesetzt und anerkannt und eben nicht nur toleriert werden willst. Und ja: Du hast das Recht, das zu äußern!

Gefahr Großraumbüro

Nichts ist für Hochsensible unangenehmer, als eine permanente und nicht unter Kontrolle zu bringende Reizüberflutung. Einer solchen bist du in beruflicher Hinsicht vor allem in Großraumbüros ausgesetzt.

Während viele Mitarbeiter es vielleicht sogar angenehm finden, wenn neben den nervigen Druckergeräuschen, den Anschlägen der etlichen Tastaturen, den Mausklicks und den Gesprächen unter Kollegen ein wenig Radiomusik läuft, ist genau diese Musik für dich vielleicht nur noch eine zusätzliche Ablenkung. Lärm, der nachweislich sogar krank machen kann. Eine echte Störquelle also, ein zusätzlicher, nervtötender oder anstrengender Reiz.

Da du mit deinem Bedürfnis nach Stille zur besseren Konzentration aber vermutlich eher alleine dastehst, gilt es, Jobs, die an Großraumbüros gebunden sind, am besten ganz zu meiden. Denn die vielen Eindrücke über alle Sinneskanäle, wirst du als Hochsensible/r immer ungefiltert wahrnehmen. In der Regel hilft es auch nicht, zu versuchen, sich daran zu gewöhnen.

Übrigens kann auch schon ein Zweier-, Dreier- oder Viererbüro problematisch sein. Gerade dann, wenn die Schreibtische vis-à-vis aufgestellt sind und dein Gegenüber unmittelbar im Blickfeld oder sehr nah an dir dran sitzt. Ein Einzelbüro, bei dem du die Tür zu machen kannst, ist hinsichtlich der Störquellen optimal. Falls dies aber nicht umsetzbar ist und falls es vom Aufgabengebiet her möglich ist, kann auch das Arbeiten vom Home-Office aus die für dich geeignete Lösung darstellen. Schwierigkeiten damit, deinen Vorgesetzten die dafür notwendige Vertrauenswürdigkeit zu beweisen, solltest du als Hochsensible/r ja eigentlich sowieso nicht haben.

Die Mittagspause richtig nutzen

Die Mittagspause ist nach bestehendem Arbeitsrecht Pflicht. Das hat seine guten Gründe, denn Geist und Körper müssen nach mehrstündiger Arbeit einfach auch einmal entspannen können und wieder neue Energie sammeln.

So wichtig die Mittagspause für alle Berufstätigen ist, für Hochsensible stellt sie eine ganz besondere Chance dar. Denn du kannst die 30, 45 oder 60 Minuten nutzen, um dich bewusst von der Arbeit zu distanzieren und dich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Dadurch vermeidest du, der Tätigkeit überdrüssig zu werden und einen Tunnelblick zu entwickeln. Dieser lässt manche Menschen zwar produktiver werden, bei Hochsensiblen sorgt er aber nicht selten dafür, dass die Energiereserven durch zu wenig Abwechslung und Varianz schnell schwinden.

In einigen Büros ist es ganz normal, dass man sich auch in der Mittagspause über die Arbeit unterhält. Als Hochsensible/r bist du vielleicht sogar ein Ansprechpartner einiger Kollegen, da du deren Vertrauen genießt und dafür bekannt bist gut zuhören zu können und einfühlsam zu sein. Überlege dir aber gut, ob du diesen Gesprächen nicht vielleicht gezielt aus dem Weg gehst und die Zeit für dich nimmst, um etwa einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen. Schließlich belasten dich die Probleme anderer auch und deine Aufgabe im Büro ist nun einmal nicht die eines Therapeuten.

Es gibt fürs Büro übrigens auch gezielte Fitness- und Entspannungsübungen sowie wahres Brain-Food. Damit sorgst du so effizient wie möglich in kurzer Zeit dafür, dass du keine geistigen Durchhänger bekommst und dass dein Körper nicht schlapp macht und aktiv bleibt bis zum Feierabend.

Abwechslungsreiche Arbeitsphasen

Kommen wir noch einmal auf die Reizüberflutung zurück. Großraumbüros zu vermeiden ist schon einmal der richtige Weg. Allerdings ist damit auch nicht garantiert, dass du bei deinem Job nicht trotzdem ständig extrem vielen unterschiedlichen Reizen ausgesetzt bist.

Damit deine Zugänglichkeit, Umgänglichkeit, deine kognitive Leistungsfähigkeit, deine Schaffenskraft und die Kreativität nicht leiden und sich langfristig Erschöpfungszustände breit machen, solltest du noch auf eine andere Sache achten. Reizerfüllte Arbeitsphasen sollten sich bestenfalls mit relativ reizarmen Arbeitsphasen und Pausen abwechseln. Das entspricht auch dem allgemeinen Wesen der meisten Hochbegabten: Sie können sehr intensiv und konzentriert arbeiten, brauchen nach einer gewissen Zeit aber eben immer wieder Erholungsphasen, um neue Energie zu tanken und Kreativität durch Ruhe zu atmen.

Du kannst die ruhigeren Phasen dann auch immer wieder nutzen, um zwischendurch etwa mal eine Zeit lang die Augen zu schließen und dich auf deine Atmung zu konzentrieren, um abzuschalten. Oder um ein paar Minuten lang Tagträumen nachzuhängen. Das verbessert nicht nur dein Auffassungsvermögen und deine Kreativität. Mit Hilfe von Tagträumen kannst du, Psychologen zufolge auch früher diverse Probleme erkennen.

Ist eine Teilzeitbeschäftigung finanziell machbar, kann diese durchaus eine sinnvolle Lösung für Hochbegabte darstellen. Denn das Verhältnis zwischen Arbeit und Erholung entspricht damit ganz einfach besser den hochsensiblen Bedürfnissen. Mache dir immer wieder bewusst: Deine Gesundheit ist das kostbarste Gut, das du besitzt und du solltest es nicht wegen einem Beruf in Gefahr bringen.

Von Qualität, Quantität und inhaltlicher Tiefe

Der letzte wichtige Punkt, den ich dir mitgeben möchte, bezieht sich noch einmal auf die Art deiner beruflichen Tätigkeit. Als Hochsensible/r ziehst du vermutlich den meisten Sinn aus deiner Arbeit, wenn du nicht nur hinter ihr stehst, sondern sie auch gut machst. Je weniger Druck du von deinem Chef bekommst, desto produktiver bist du in der Regel. Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit und Pflichtbewusstsein sollten eher zu deinen Stärken, als zu deinen Schwächen gehören.

Eng damit zusammen hängt aber auch, dass du selbst mit deiner Arbeit vielleicht nicht ganz so schnell zufrieden bist, wie deine Kollegen mit deren Arbeit. Du hast vielleicht gar perfektionistische Züge, obwohl deine Arbeitsergebnisse den Anforderungen deines Arbeitgebers eigentlich genügen würden.

Damit du über deine Arbeit aber nicht zu viel nachgrübeln musst und ständig mit dir selbst unzufrieden bist, ist es wichtig, dass du einen Job hast, in dem es eher auf Qualität, als auf Quantität ankommt. Du kannst dich dann mit einigen wenigen Sachen intensiv beschäftigen und musst nicht an vielen Baustellen gleichzeitig bauen, um diese, in deinen Augen halbfertig zurückzulassen. Mit mehr Zeit für eine Sache kannst du deine Liebe zum Detail ausleben und genauer sein und wirst dabei weniger gehetzt.

Optimal ist es, wenn diese Tätigkeit dann auch noch eine gewisse inhaltliche Tiefe aufweist. Das befriedigt deine Neugier und deinen Drang, Dinge zu hinterfragen und wirklich zu verstehen. Du kannst dich ganz natürlich fortbilden und weiterentwickeln und das jeden Tag. Dafür wirst du sogar bezahlt. Wichtig: Bei all dem sollte keine absolute Fehlerlosigkeit von dir erwartet werden. Du arbeitest schon genau und konzentriert genug. Mehr als das geht eben nicht.