Aus einem Guru-Dialog zwischen Joy und Ananda über das Sein und Wirken eines (modernen) Gurus, jenseits der im Westen weit verbreiteten Vorurteile.

Was ist ein moderner Guru?

 


 

JOY:

Wie würdest du Guru definieren und charakterisieren? Im englischen hört man immer wieder „the one, who provides knowledge“ zu gut deutsch derjenige, der Wissen bereitstellt.

ANANDA:

„Wissen bereitstellen“ klingt nett und so selbstlos , aber niemand stellt Wissen bereit. Das Internet mag Information bereitstellen, Wissen jedoch, ist für jeden jederzeit verfügbar und braucht nicht bereitgestellt zu werden. Wenn ich danach gefragt werde, drücke ich es jedes Mal anders aus. Heute sage ich, dass ich es als meine Aufgabe sehe, individuelle Hindernisse aufzuzeigen, die dem Abrufen von Wissen entgegenstehen.

JOY:

Ein weiterer wichtiger Unterschied der (meines Erachtens) gemacht werden sollte, ist der zwischen disciple und student. Ein Guru hat Schüler die ihm (blind vertrauend), seiner Weisung folgen. Während ein Lehrer Schüler hat, die studieren, aber mehrheitlich nicht folgen (höhö, – ansonsten wäre die Welt erleuchtet). Also Guru hat „Folgende“ und ein Lehrer hat „Schüler“, würdest du mir da zustimmen?

ANANDA:

Das mir disciple und student sehe ich genauso. Eine Guru-Schüler-Beziehung ist uns hier im Westen so wesensfremd, dass es wohl nur sehr wenige davon gibt.

JOY:

Würdest Du sagen, dass ein Lehrer oder Guru sich meist nicht selbst Guru oder Meister nennt, sondern so genannt wird? Die „Meister“ bleiben selbst Schüler ihrer Meister, selbst nach ihrem Tod hinaus. In manchen Literaturen wird das so begründet, dass die Gurus so „Ego“ vorbeugen. Bzw. die meisten sich selber Guru und Meister betitelnden Menschen nennen sich mit „stolz“ Meister/Guru, was sich ja eigentlich mit den yogischen Werten widerspricht, weil Stolz eine weitere Anhaftung ist.

ANANDA:

Frag mal einen indischen Guru wie er sich bezeichnet und erzähl mir seine Reaktion, das wird bestimmt lustig. Ich bin mir sicher, dass er kein Problem damit hätte, sich als Guru zu bezeichnen. Im Westen ist man als potenzieller Guru vorsichtig, sich als solcher zu bezeichnen, denn die Nichtgurus (Schüler, Follower, Facebook- und Newsletter-Abonnenten, Satsang-Teilnehmer angehende Yogis und Yoginis, … ) haben meist große Schwierigkeiten mit diesem Ausdruck, der Guru selbst jedoch nicht. Das Ego kann auf alles stolz sein, auch darauf, dass man sich NICHT als Guru bezeichnet, auch wenn man einer ist. Und wie du schon sagst, die Schwierigkeit liegt eher an der Anhaftung. Stolz ist machtlos, wenn niemand da ist, der ihn ernst nimmt.

JOY:

Dagegen zu argumentieren wäre, dass es auf der Endstufe der Erleuchtung egal wäre, ob Guru oder nicht. Aber auf der Endstufe der Erleuchtung müsste auch nichts weiter gesagt werden, weil dann alles ist wie es ist und dafür bedarf es keine Worte. Ich kenne nur wenige (ich glaube niemanden), der frei von Stolz behaupten kann er/sie sei Guru / Meister.

ANANDA:

Argumente sind Treibstoff für den Verstand, ich gehe sparsam damit um

JOY:

Ein weiterer Unterschied zwischen Guru und „spirituellen Coaches“ und das ganze andere moderne Gehabe ist wahrscheinlich auch noch, dass ein Guru nicht (direkt) kommerziell ausgerichtet ist. D.h. er haftet nicht an Reichtümern oder „haben“ und „nicht haben“ an, während Coaches mehrheitlich (gefühlt) daran anhaften und ein kommerzielles Interesse verfolgen. D.h. ein Guru sieht Spiritualität nicht als Business, sondern als Zweck zum Zweck. Was meinst du ?

ANANDA:

Du sagst es, „er haftet nicht daran“, was nicht heißt, dass er nicht damit Geld verdient. Im Westen gibt es nämlich keine Guru Gewerkschaft, keine tägliche Ausspeisung in unzähligen Ashrams, kein Volk, das den Menschen, die ihre ganze Aufmerksamkeit der Spiritualität widmen, respektvoll Gaben gibt und keine Guru Rentenvorsorge. Ach ja und wir hatten bisher auch noch nie „Heutzutage“, das heißt, der Westen befand sich noch nie in einer Situation, in der es Thema war, wie Gurus ins Sozialgefüge passen, daher verlangt der westliche Guru, egal wie er sich bezeichnet, Geld. Seine Aufgabe ist es, nicht WEGEN des Geldes Guru zu sein.

Danke für deinen bereichernden Beitrag Joy und lustig, dass wir beide einen Namen gewählt haben, der dasselbe bedeutet – Freude und Wonne, und genau das wünsche ich dir weiterhin.

Namaste,
Ananda


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