Du kämpfst mit Reizüberflutung und im Alltag wird dir schnell alles zu viel? Dir wurde schon häufiger gesagt, du seist „zu empfindlich“? Du hast ein intensives Gefühlsleben, dass dich manchmal aus der Bahn wirft? Manchmal erhalten Betroffene beim Arzt tatsächlich die Diagnose bipolar, also „manisch-depressiv“ und werden daraufhin medikamentös therapiert. An die Möglichkeit einer Hochsensibilität wird dabei immer noch viel zu selten gedacht. Dabei ist eine bipolare Störung deutlich von Hochsensibilität zu unterscheiden.

Bipolare Störung und Hochsensibilität: Die Unterschiede

Im Gegensatz zur bipolaren Störung ist Hochsensibilität keine psychische Erkrankung.

Schon aus diesem Grund wird sie nicht von Medizinern diagnostiziert. Bei der bipolaren Störung liegt eine Stoffwechselstörung im Gehirn vor, die medikamentös ausgeglichen wird. Oft machen diese Patienten zusätzlich eine Psychotherapie, um mit der Krankheit leben zu lernen. Eine bipolare Störung tritt nicht plötzlich bei einem vorher völlig gesunden Menschen auf, sondern entwickelt sich schleichend. Hochsensibilität ist angeboren oder hat sich später erst entwickelt, oft nach traumatischen Erfahrungen.

Hochsensibilität ist keine Erkrankung.

Das emotionale Erleben hochsensibler Menschen ist deutlich intensiver als das der durchschnittlichen Bevölkerung, sowohl was Freude, Liebe oder Begeisterung angeht als auch was Traurigkeit, Kummer oder Schmerz betrifft. Diese Veranlagung führt zu Stimmungsschwankungen bei den Betroffenen, was wiederum fälschlicherweise als bipolare Störung interpretiert werden kann.

Hochsensibilität wurde von der Medizin bislang kaum erforscht.

Als offizielle Diagnose ist sie nicht anerkannt, was auch nicht nötig ist, da es keine Krankheit ist. Ob es sich bei dem Phänomen um ein Persönlichkeitsmerkmal oder eine Besonderheit innerhalb der Reizverarbeitung des Gehirns handelt, ist bislang unklar. Viele Hochsensible sind auch licht- oder geräuschempfindlich.

Bipolare Störung und Stimmungsschwankungen

Das gemeinsame Merkmal von bipolaren Störungen und Hochsensibilität sind die ausgeprägten Stimmungsschwankungen. Bei der bipolaren Störung sind diese Schwankungen jedoch so extrem, dass die Erkrankten ohne medizinische Behandlung nur sehr eingeschränkt im Leben zurechtkommen.

Bipolare Störung: Es gibt zwei Typen

Typ 1

Beim Typ 1 sind die Schwankungen besonders heftig und die Phasen der Hochstimmung dauern besonders lange. In einer solchen sogenannten „Manie“ leiden die Betroffenen an Größenwahn und können die Konsequenzen folgenschwerer Handlungen nicht überblicken. Sie geben z.B. exzessiv Geld aus, betreiben Glücksspiel oder stürzen sich in Affären. In manchen Fällen kommen Verfolgungswahn oder Halluzinationen hinzu. Eine Manie kann bei Bipolaren vom Typ 1 mehrere Monate andauern. Wenn das Urteilsvermögen zurückkehrt und der Umschwung in eine tiefe Depression erfolgt, liegt das eigene Leben häufig in Trümmern.

Typ 2

Beim Typ 2 der bipolaren Störung sind die Schwankungen geringer ausgeprägt, wechseln sich jedoch schneller ab. Die auftretenden Hochs und Tiefs dauern jeweils wenige Stunden oder Tage an. Die Schwankungen treten dabei unabhängig von den Erlebnissen der Betroffenen auf. Das bedeutet auch, dass selbst Ruhephasen und das Vermeiden von Stress die Stimmungsschwankungen nicht wesentlich abschwächen können.

Stimmungsschwankungen bei Hochsensiblen

Wie du siehst, kann es auf den ersten Blick beim Typ 2 sehr leicht zu Verwechslungen der Symptome einer bipolaren Störung mit den ganz normalen Merkmalen einer Hochsensibilität kommen.
Ein entscheidender Unterschied ist, dass die Stimmungsschwankungen hochsensibler Menschen durch Innen- und Außenreize ausgelöst werden. Es gibt also immer etwas, das die Gefühle in ihnen anstößt oder verstärkt.
Vor ihren Mitmenschen müssen sich Hochsensible häufig anhören, dass sie „zu nah am Wasser gebaut“ seien oder einfach „zu empfindlich“ wären. Hochsensible Menschen fühlen sich schnell reizüberflutet und erschöpft.
Es kostet sie viel Kraft, sich von den vielen Reizen und Gefühlen abzugrenzen, die von außen auf sie eindrängen. Nach einer anstrengenden Situation fällt es ihnen oft schwer, Abstand zu gewinnen und wieder neue Kräfte zu schöpfen.

Die Gefühle anderer Menschen färben auf Hochsensible ab.

Das bedeutet, dass sie so empathisch und einfühlsam auf ihre Mitmenschen reagieren, dass sie Wut, Trauer oder Ärger der anderen Person ebenfalls fühlen. Diese Gefühle wirken manchmal noch stundenlang in ihnen nach, sodass es schwer sein kann, wieder zu sich selbst zu kommen.
Da hochsensible Menschen alle Sinneseindrücke verstärkt wahrnehmen, können Erlebnisse in der Natur, das Betrachten eines Kunstwerks oder das Hören eines Musikstücks sie sehr stark berühren.

Die eigenen Emotionen spüren Hochsensible sehr intensiv.

Auch dabei können die Gefühle schnell auf und ab schwanken. Tränen der Traurigkeit wechseln sich mit Euphorie und Glücksgefühlen ab. In der Redensart »Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt« können sich viele Hochsensible wiederfinden. Es fällt ihnen schwer, ihre Gefühle vor anderen Menschen zu verbergen. Auch ihr Körpergefühl ist stark ausgeprägt.

Krankheiten nehmen Hochsensible teilweise schon an sich wahr, bevor der Arzt sie diagnostizieren kann.

Kein Wunder also, dass die Stimmung bei Hochsensiblen sehr stark und mehrmals am Tag schwanken kann. Ihre Sensibilität können sie schließlich nicht einfach abschalten. Erschöpfungszustände, die auf eine Reizüberflutung zurückzuführen sind, können vom Arzt mit einer depressiven Phase verwechselt werden.
Da die meisten Menschen ihre Umwelt und auch die eigenen Gefühle weniger intensiv wahrnehmen als eine hochsensible Person, können stark ausgeprägte, positive Emotionen von einem Arzt oder Psychologen mit der manischen Phase einer bipolaren Störung verwechselt werden.

Wer ist hier eigentlich krank?

Hochsensibilität ist von der Wissenschaft bislang kaum erforscht worden. Es handelt sich bei ihr um eine individuelle Besonderheit und keine Krankheit.
Der Leidensdruck, den manche Hochsensible verspüren, hat seine Ursache häufig im Alltag. Von ihrer Umgebung wird hochsensiblen Menschen oft wenig oder gar kein Verständnis entgegengebracht. Gutgemeinte Ratschläge oder die eigene Ratlosigkeit führen die Betroffenen dann zu Ärzten, die ebenfalls wenig über Hochsensibilität wissen oder diese nicht anerkennen.

Der Alltag in unserer modernen Leistungsgesellschaft ist durchgetaktet und schnell.

In der Arbeitswelt wird gleichbleibende Leistungsfähigkeit erwartet. All das erhöht den Druck auf hochsensible Personen noch zusätzlich, denn sie benötigen Ruhepausen und Rückzugsräume, um ihre Kräfte wiederzuerlangen und zu sich selbst zurückzufinden.
Hochsensible sind ebenso leistungsfähig wie andere Menschen, doch sie funktionieren anders. Daher ist es wichtig, dass sie um ihre Besonderheiten wissen und lernen, für ihre Grenzen einzustehen.

Wenn Hochsensible zu wenige Pausen im Alltag machen, steigt ihr Stresspegel.

Doch die moderne Arbeitswelt macht es den Menschen schwer, nach ihrem eigenen Rhythmus zu leben und ihre Bedürfnisse zu respektieren. Dabei ist die Empathie von Hochsensiblen eine wertvolle Ressource für die Gesellschaft. Niemand kann sich derart tief in andere Menschen hineinversetzen und sich auf deren Stimmungen einlassen, wie Hochsensible.
Die besondere Gabe der Hochsensibilität sollte nicht als Schwäche angesehen, sondern als Stärke erkannt werden.
Ein hochsensibler Mensch benötigt keine Therapie mittels Psychopharmaka – im Gegensatz zu bipolar Erkrankten. Dennoch müssen die Betroffenen erst lernen, mit ihrer Hochsensibilität umzugehen und sich Freiräume zur Erholung in ihr Leben einbauen.
Mehr über Hochsensibilität findest du in meinem Buch: „Ich spüre was, was du nicht spürst.“
Herzlichst
Anne