Hypervigilanz also übermäßige Wachsamkeit ist eines der wichtigsten Symptome einer Traumastörung. Sie sollte nicht mit der Hochsensibilität verwechselt werden. Diese ist im Unterschied zur Hypervigilanz eine angeborene Eigenschaft, die auf die Funktion des Nervensystems zurückgeht.

Bei der Hypervigilanz handelt es sich um eine erworbene Eigenschaft infolge traumatischer Erfahrungen.

Natürlich sind einige Personen von beidem betroffen. Im Rahmen der therapeutischen Behandlung oder der Beratung als Coach ist es jedoch sehr wichtig, die beiden Konzepte voneinander zu unterscheiden und richtig erkennen zu können. Insbesondere auch in Zusammenhang mit der zunehmenden Aufmerksamkeit, die das Phänomen Hochsensibilität in letzter Zeit zurecht bekommt, sollte die Hypervigilanz nicht vernachlässigt werden.

Ursachen und Verlauf von Hypervigilanz und Hochsensibilität

Hypervigilanz und Hochsensibilität werden oft verwechselt, weil die Betroffenen eines gemeinsam haben: In Situationen der Reizüberflutung wie beispielsweise in einem überfüllten Kaufhaus steigt bei ihnen das Erregungsniveau. Das führt zu Stress und Unbehagen.

Prinzipiell fühlen sich alle Menschen am wohlsten und können am besten mit einer Situation umgehen, wenn sie einem moderaten Maß an Reizen ausgesetzt sind. Zu wenig oder zu viel führt zu Untererregung oder Übererregung. Dabei löst Übererregung bei allen Menschen Flucht und Kampfimpulse aus. Für von Hypervigilanz oder Hochsensibilität betroffene Menschen, ist die Schwelle der Überreizung früher erreicht, als es bei anderen Menschen in der Regel der Fall ist. Sie reagieren gestresst.

Die Ursache ist bei hypersensiblen Menschen eine besondere physiologische Empfänglichkeit für Sinneswahrnehmungen. Deshalb geht die Hochsensibilität auch mit positiven Eigenschaften wie einer hohen Empathiefähigkeit und einem hohen ethischen Bewusstsein einher.

Hypervigilanz ist dagegen auf eine traumatische Erfahrung zurückzuführen.

Dabei kann es sich um ein klassisches Schocktrauma handeln, das auf ein einmaliges Erlebnis, wie etwa Opfer eines Unfalls oder Verbrechens geworden zu sein, zurückzuführen ist. Es kann sich aber auch um ein Entwicklungstrauma (Komplextrauma) handeln.

Das Komplextrauma geht auf extremen Stress in der Kindheit wie psychische oder physische Gewalt in Form von sich wiederholenden Grenzüberschreitungen oder einem autoritärem Erziehungsstill zurück. Verwahrlosung wie unzureichende Ernährung oder emotionale Verwahrlosung kann die Ursache sein.

Manchen Eltern ist es nicht möglich, adäquat auf die Gefühle ihrer Kinder zu reagieren und diese zu spiegeln. Dies ist gerade dann oft der Fall, wenn diese selbst traumatisiert sind. Besonders prägend sind die Erfahrungen im ersten Lebensjahr. Zu einem respektvollen Blick auf die Betroffenen gehört aber, dass du trotz der Probleme, die die Hypervigilanz heute bereitet, nicht vergisst, dass sie einst eine wichtige Funktion erfüllt hat. Die Betroffenen haben eine hohe Wachsamkeit entwickelt, um sich vor weiteren traumatischen Erfahrungen zu schützen.

Heute beim erwachsenen Menschen in einer friedlichen Umgebung gibt es aber für dieses Misstrauen keinen Anlass mehr. Genauso wichtig ist eine optimistische Sicht darauf, dass die derzeitige Situation mittels einer angemessenen Behandlung verbessert werden kann. Hypersensible Menschen dagegen können meist auch ohne eine Behandlung gut mit ihrer Hochsensibilität umgehen oder dies lernen und die positiven Seiten der Hochsensibilität für sich nutzen.

Die Hochsensibilität hat für sie nicht nur Nachteile, sondern auch viele Vorteile. Die an mancher Stelle aufgestellte Vermutung, alle hypersensiblen Menschen hätten traumatische Erfahrungen gemacht, ist also nicht haltbar.

Unterschiede von Hypervigilanz und Hochsensibilität

Hypervigilanz kannst du dir ein bisschen wie einen dauerhaften Fluchtzustand vorstellen. Die Personen sind meist nervös und versuchen dem Gefühl der Nervosität mit Aktivitäten entgegenzutreten oder verlieren den Kontakt zu ihren Gefühlen unter anderem zu ihrem Körpergefühl. Das Phänomen wird auch als Dissoziation bezeichnet. Sie können nicht gut zur Ruhe kommen oder haben Schlafprobleme. Viele erleben ein Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere.

Dass das Verhältnis zu sich selbst und zum eigenen Körper gestört ist, führt zu einem schlechten Bauchgefühl. Sie wissen nicht immer, was ihnen guttut und nehmen ihre eigenen Grenzen oft nicht wahr. Das erschwert natürlich auch die Wahrnehmung der Grenzen anderer. Hypersensible Menschen dagegen suchen bewusst Ruhe und Zeit allein für sich und genießen diese. Sie schlafen viel um sich nach stressigen Situationen zu erholen und haben ein sensibles Körpergefühl.

Auch oder gerade in diesen ruhigen Phasen des Allein-Seins sind sie in der Lage sich mit der Welt in Verbundenheit zu fühlen. Sie haben daher ein gutes Bauchgefühl, auf das sie aber leider nicht immer hören. Aufgrund ihrer negativen Erfahrungen sind von Hypervigilanz betroffene Menschen oft misstrauisch und versuchen das Verhalten anderer vorherzusagen, um sich vor möglichen Gefahren zu schützen.

Das Aufbauen von tiefgehenden Beziehungen fällt dementsprechend schwer und kann in Co-Abhängigkeiten enden. Hypersensible Menschen gehen meist offen und positiv auf Begegnungen zu, solange es ihnen nicht zu viel wird. Ihre besondere Empathiefähigkeit führt dazu, dass sich andere Menschen verstanden fühlen. So sind hypersensible Menschen in der Lage tiefgehende Beziehungen und Freundschaften zu führen. Sie haben ein feines Gespür für die Grenzen ihrer selbst und anderer. Was leider nicht automatisch bedeutet, dass sie ihre Grenzen auch erfolgreich verteidigen.

Bei der Unterscheidung von Hypervigilanz kann also die Frage helfen, ob jemand Schwierigkeiten hat, seine Grenzen wahrzunehmen oder nur der Mut fehlt diese auch durchzusetzen.

Menschen mit Hypervigilanz dagegen fühlen sich oft auch in Gesellschaft einsam. Erinnerungslücken insbesondere größere Lücken in der Kindheit können auf das Vorliegen eines Traumas und somit eine Hypervigilanz hinweisen. Hypersensible Menschen, die nicht traumatisiert sind, können sich meist gut an ihre Kindheit erinnern. Sie haben sogar ein besonders gutes Erlebnisgedächtnis.

Während Hypervigilanz leider zu dem verzweifelten Versuch führen kann, sich mit Alkohol oder anderen Drogen und Medikamenten zu betäuben, lehnen viele hypersensible Menschen den Gebrauch von solchen Mitteln ab.

Intensive angenehme Gefühle sind für traumatisierte Menschen nicht unbedingt leichter auszuhalten als unangenehme Gefühle. Sie „trauen dem Frieden nicht“ oder haben verinnerlicht, Glück „nicht verdient“ zu haben.

Hypersensible Menschen dagegen genießen angenehme Gefühle.

Die Hochsensibilität kann ihnen beim Genuss zum Beispiel von Musik helfen ganz in der positiven Empfindung aufzugehen. Hochsensibilität bedeutet eine verstärkte Wahrnehmung aller – angenehmer wie unangenehmer – Empfindungen.

Hypervigilanz ist als eine Verstärkung der unangenehmen Emotionen insbesondere der Angst zu verstehen. Auch sie hatte trotz des Leidens, das sie verursacht, in der Vergangenheit der Betroffenen eine Funktion. So kann Misstrauen zum Überleben von Opfern von Gewalt in der Kindheit einen bedeutenden Beitrag geleistet haben. Für erwachsene Überlebende von Gewalt in der Kindheit, stellt sie aber eher ein nicht mehr funktionales Überbleibsel ihrer Vergangenheit dar.

Sie leben jetzt in einer Welt, die glücklicherweise nicht den Erfahrungen entspricht, die sie in der Kindheit machen mussten. In einer sicheren Lebenssituation können eine Therapie und gegebenenfalls weitere unterstützende Angebote zum Beispiel durch Selbsthilfegruppen die Lebensqualität bedeutsam verbessern.

Viele Menschen verwechseln ihre Hypervigilanz mit der in den Medien immer häufiger zu findenden Hochsensibilität.

Gerade sie identifizieren sich oft mit der Hochsensibilität und nutzen den Begriff, um sich zum Beispiel aus unangenehmen Situationen herauszuziehen. Sie haben manchmal das Gefühl etwas mit ihnen sei „nicht richtig“.

Die meisten Menschen, die tatsächlich hypersensibel sind, fühlen sich dagegen einfach anders und sehen, dass Hochsensibilität Vor- und Nachteile hat. Auch sie beschäftigen sich gerne mit ihrer Hochsensibilität, weil sie etwas über sich wissen und ihren Lebensstil möglichst optimal an ihre Bedürfnisse anpassen wollen.

Da Menschen mit Hypervigilanz ganz andere Formen von Unterstützung benötigen als hypersensible Menschen ist die Unterscheidung der beiden Konzepte wichtig. Der einzelne Mensch ist aber immer als Individuum zu betrachten. Sowohl Hypervigilanz als auch Hochsensibilität treten in unterschiedlichen Ausprägungen auf. Und auf viele Menschen trifft beides zu. Auch hypersensible Menschen können traumatische Erfahrungen machen und eine Folgestörung mit einer Hypervigilanz entwickeln.

Zusammenhang mit dem Autismus-Spektrum

Genauso wichtig wie die Unterscheidung von Hypervigilanz und Hochsensibilität ist eine Unterscheidung vom Autismus-Spektrum. Auch Menschen mit Autismus reagieren oft gestresst auf Überreizung und fühlen sich in Menschenmengen und geselligen Situationen mit mehreren Menschen unwohl. Es fällt ihnen schwer, das Verhalten und Empfinden anderer Menschen nachzuvollziehen.

Hypersensible Menschen dagegen zeichnen sich gerade durch eine besonders ausgeprägte Empathiefähigkeit aus.

Menschen mit Hypervigilanz können das Verhalten anderer oft gut vorhersagen, da sie lernen mussten sich zu schützen.

Der Zugang zu den eigenen und den Gefühlen anderer ist ihnen zwar manchmal versperrt, aber im Allgemeinen ist das Verhalten anderer für sie nachvollziehbar.

Menschen mit Autismus haben dagegen manchmal Probleme das Denken und Verhalten von Menschen ohne Autismus nachzuvollziehen.

Das für Autismus typische stereotype Verhalten (Stimming) ist bei Hypersensibilität nicht zu beobachten. Tatsächlich fallt aber eine Überempfindlichkeit für Gerüche, Geräusche und Berührungen also eine Hochsensibilität für Sinneswahrnehmungen bei vielen Menschen mit Asperger-Syndrom auf.

Der Zusammenhang von Asperger-Syndrom und Hochsensibilität ist noch nicht geklärt. Verbände von Menschen mit Asperger-Syndrom äußern allerdings die Vermutung, dass Hochsensibilität bei Menschen mit Asperger-Syndrom häufiger vorkommt. Sie betonen auch, dass autistisch zu sein nicht etwa ein Mangel an bestimmten Fähigkeiten, sondern eine Andersartigkeit ist.

Herzlichst
Anne