Hypervigilanz, also übermäßige Wachsamkeit ,ist eines der wichtigsten Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie sollte nicht mit der Hochsensibilität verwechselt werden. Diese ist im Unterschied zur Hypervigilanz eine angeborene Eigenschaft, die auf die Funktion des Nervensystems zurückgeht.

Bei der Hypervigilanz handelt es sich um eine erworbene Eigenschaft infolge traumatischer Erfahrungen.

Natürlich sind einige Personen von beidem betroffen. Im Rahmen der therapeutischen Behandlung oder der Beratung als Coach ist es jedoch sehr wichtig, die beiden Konzepte voneinander zu unterscheiden und richtig erkennen zu können. Insbesondere auch in Zusammenhang mit der zunehmenden Aufmerksamkeit, die das Phänomen Hochsensibilität in letzter Zeit zurecht bekommt, sollte die Hypervigilanz nicht vernachlässigt werden.

Ursachen und Verlauf von Hypervigilanz und Hochsensibilität

Hypervigilanz und Hochsensibilität werden oft verwechselt, weil die Betroffenen eines gemeinsam haben: In Situationen der Reizüberflutung wie beispielsweise in einem überfüllten Kaufhaus, steigt bei beiden das Erregungsniveau und führt zu Stress und Unbehagen.

Prinzipiell fühlen sich alle Menschen am wohlsten und können am besten mit einer Situation umgehen, wenn sie einem moderaten Maß an Reizen ausgesetzt sind. Zu wenig oder zu viel führt zu Untererregung oder Übererregung. Dabei löst Übererregung bei allen Menschen Flucht und Kampfimpulse aus. Für von Hypervigilanz oder Hochsensibilität betroffene Menschen, ist die Schwelle der Überreizung früher erreicht, als es bei anderen Menschen in der Regel der Fall ist. Sie reagieren gestresst.

🔴 Hochsensibilität ist eine angeborene Besonderheit des Nervensystems.

Die Ursache ist bei hypersensiblen Menschen eine besondere physiologische Empfänglichkeit für Sinneswahrnehmungen. Deshalb geht die Hochsensibilität auch mit positiven Eigenschaften wie einer hohen Empathiefähigkeit und einem hohen ethischen Bewusstsein einher.

🔴 Hypervigilanz ist auf eine traumatische Erfahrung zurückzuführen.

Dabei kann es sich um ein klassisches Schocktrauma handeln, das auf ein einmaliges Erlebnis, wie etwa Opfer eines Unfalls oder Verbrechens geworden zu sein, zurückzuführen ist. Es kann sich aber auch um ein Entwicklungstrauma (Komplextrauma) handeln.

Ursachen von Komplextraumata

Das Komplextrauma geht auf extremen Stress in der Kindheit wie psychische oder physische Gewalt in Form von sich wiederholenden Grenzüberschreitungen oder einem autoritärem Erziehungsstill zurück. Verwahrlosung wie unzureichende Ernährung oder emotionale Verwahrlosung kann die Ursache sein.

Manchen Eltern ist es nicht möglich, adäquat auf die Gefühle ihrer Kinder zu reagieren und diese zu spiegeln. Dies ist gerade dann oft der Fall, wenn diese selbst traumatisiert sind. Besonders prägend sind die Erfahrungen im ersten Lebensjahr.

Eine besonders hohe Vigilanz hat eine Aufgabe

Hypervigilanz darf auch respektvoll  betrachtet werden, denn sie hatte einst eine wichtige Funktion. Die Betroffenen haben eine hohe Wachsamkeit entwickelt, um sich vor weiteren traumatischen Erfahrungen zu schützen.

Heute beim erwachsenen Menschen in einer friedlichen Umgebung gibt es aber für dieses Misstrauen keinen Anlass mehr. Genauso wichtig ist eine optimistische Sicht darauf, dass die derzeitige Situation mittels einer angemessenen Behandlung verbessert werden kann.

Hypersensible Menschen dagegen können meist auch ohne eine Behandlung gut mit ihrer Hochsensibilität umgehen oder dies lernen und die positiven Seiten der Hochsensibilität für sich nutzen.

Die Hochsensibilität hat für sie nicht nur Nachteile, sondern auch viele Vorteile. Die an mancher Stelle aufgestellte Vermutung, alle hypersensiblen Menschen hätten traumatische Erfahrungen gemacht, ist also nicht haltbar.

Unterschiede von Hypervigilanz und Hochsensibilität

1. Ruhe

Hochsensibile Menschen suchen bewusst Ruhe und Zeit allein für sich und genießen diese. Sie schlafen gerne und viel, um sich nach stressigen Situationen zu erholen. Sie sorgen für ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, um einer Reizüberflutung zu entgehen.

Hypervigilanz ist vergleichbar mit einem dauerhaften Fluchtzustand. Betroffene Personen sind meist nervös und versuchen dem Gefühl der Nervosität mit Aktivitäten entgegenzutreten. Sie können oft nicht gut zur Ruhe kommen oder neigen zu Schlafproblemen.

2. Körper

Hochsensible haben ein ganz besonders sensibles Körpergefühl. Auch oder gerade in ruhigen Phasen des Allein-Seins sind sie in der Lage sich mit der Welt in Verbundenheit zu fühlen.

Menschen mit Hypervigilanz verlieren oft den Kontakt zu ihren Gefühlen unter anderem auch zu ihrem Körpergefühl. Das Phänomen wird auch als Dissoziation bezeichnet. Viele erleben ein Gefühl der Einsamkeit und Leere.

3. Intuition

Hochsensible haben ein gutes Bauchgefühl, auf das sie aber leider nicht immer hören. Ihre ausgeprägte Empathie (Mitgefühl) mit anderen Menschen schlägt leicht in ungesundes Mitleiden um.

Hypervigilanz kann dazu führen, dass der Zugang zur eigenen Intuition verschüttet ist. Betroffene haben verlernt auf die Stimme ihrer inneren Weisheit zu hören und ein empathischer Umgang mit anderen fällt ihnen schwer.

4. Abgrenzung

Hochsensible Menschen haben frühzeitig gelernt, was ihrem Körper gut tut, kennen ihre eigenen Grenzen genau und sorgen dafür, dass sie auch respektiert werden. Oft fehlt ihnen jedoch der Mut dazu, da sie aufgrund von Harmoniebedürfnis Konflikte scheuen. Zudem haben Menschen mit Hochsensibilität ein sehr zartes Gespür für die Grenzen anderer und versuchen sie nicht zu überschreiten.

Da bei Hypervigilanz eine Dissoziation dazu führen kann, den eigenen Körper nicht mehr richtig zu fühlen, wissen betroffene oft nicht mehr, was ihnen guttut. Sie nehmen ihre eigenen Grenzen nicht mehr richtig wahr, sondern neigen dazu sich ständig zu überfordern. Das erschwert natürlich auch die Wahrnehmung der Grenzen anderer.

5. Empathie

Hochsensible gehen meist offen und positiv auf Begegnungen zu, solange es ihnen nicht zu viel wird. Ihre besondere Empathiefähigkeit führt dazu, dass sich andere Menschen verstanden fühlen. So sind hypersensible Menschen in der Lage meist wenige, aber sehr tiefgehende Beziehungen und Freundschaften zu führen.

Aufgrund ihrer negativen Erfahrungen sind von Hypervigilanz betroffene Menschen oft misstrauisch und versuchen das Verhalten anderer vorherzusagen, um sich vor möglichen Gefahren zu schützen. Das Aufbauen von tiefgehenden Beziehungen fällt dementsprechend schwer und kann in Co-Abhängigkeiten enden.

6. Erinnerung

Hypersensible Menschen, die nicht traumatisiert sind, können sich meist gut an ihre Kindheit erinnern. Sie haben sogar ein besonders gutes Erlebnisgedächtnis.

Menschen mit Hypervigilanz fühlen sich oft auch in Gesellschaft einsam. Erinnerungslücken insbesondere größere Lücken in der Kindheit können auf das Vorliegen eines Traumas und somit eine Hypervigilanz hinweisen.

7. Selbstschutz

Hochsensible Menschen lehnen den Gebrauch von abstumpfenden Mitteln, die ihr Körpergefühl verschlechtern ab, auch weil die Wirkungen oft deutlich stärker ist als bei normalsensiblen Menschen.

Hypervigilanz kann zu dem verzweifelten Versuch führen kann, sich mit Alkohol oder anderen Drogen und Medikamenten zu betäuben.

8. Genussfähigkeit

Hochsensible Menschen genießen angenehme Gefühle. Die Hochsensibilität kann ihnen beim Genuss zum Beispiel von Musik helfen ganz in der positiven Empfindung aufzugehen. Hochsensibilität bedeutet eine verstärkte Wahrnehmung aller – angenehmer wie unangenehmer – Empfindungen.

Bei Hypervigilanz sind intensive angenehme Gefühle für einen traumatisierte Menschen nicht unbedingt leichter auszuhalten als unangenehme Gefühle. Sie „trauen dem Frieden nicht“ oder haben verinnerlicht, Glück „nicht verdient“ zu haben. Hypervigilanz ist als eine Verstärkung der unangenehmen Emotionen insbesondere der Angst zu verstehen.

Wie immer können die Grenzen fließend sein und ein Mensch kann auch von beidem Phänomenen betroffen sein, was die Unterscheidung erschwert.

Hypervigilanz war einmal sinnvoll, denn die hatte trotz des Leidens, das sie verursacht, in der Vergangenheit der Betroffenen eine Funktion. So kann Misstrauen zum Überleben von Opfern von Gewalt in der Kindheit einen bedeutenden Beitrag geleistet haben.

Für erwachsene Überlebende von Gewalt in der Kindheit, stellt sie aber eher ein nicht mehr funktionales Überbleibsel ihrer Vergangenheit dar. Sie leben jetzt in einer Welt, die glücklicherweise nicht den Erfahrungen entspricht, die sie in der Kindheit machen mussten. In einer sicheren Lebenssituation können eine Therapie und gegebenenfalls weitere unterstützende Angebote die Lebensqualität bedeutsam verbessern.

Viele Menschen verwechseln ihre Hypervigilanz mit der in den Medien immer häufiger zu findenden Hochsensibilität.

Sie identifizieren sich oft mit der Hochsensibilität und nutzen den Begriff, um sich zum Beispiel aus unangenehmen Situationen herauszuziehen. Sie haben manchmal das Gefühl etwas mit ihnen sei „nicht richtig“.

Die meisten Menschen, die tatsächlich hypersensibel sind, fühlen sich dagegen einfach anders und sehen, dass Hochsensibilität Vor- und Nachteile hat. Auch sie beschäftigen sich gerne mit ihrer Hochsensibilität, weil sie etwas über sich wissen und ihren Lebensstil möglichst optimal an ihre Bedürfnisse anpassen wollen.

Da Menschen mit Hypervigilanz ganz andere Formen von Unterstützung benötigen als hypersensible Menschen ist die Unterscheidung der beiden Konzepte wichtig.

Der einzelne Mensch ist aber immer als Individuum zu betrachten. Sowohl Hypervigilanz als auch Hochsensibilität treten in unterschiedlichen Ausprägungen auf. Und auf viele Menschen trifft beides zu. Auch hochsensible Menschen können traumatische Erfahrungen machen und eine Folgestörung mit einer Hypervigilanz entwickeln.

Zusammenhang mit dem Autismus-Spektrum

Genauso wichtig wie die Unterscheidung von Hypervigilanz und Hochsensibilität ist eine Unterscheidung vom Autismus-Spektrum.

  • Auch Menschen mit Autismus reagieren oft gestresst auf Überreizung und fühlen sich in Menschenmengen und geselligen Situationen mit mehreren Menschen unwohl. Es fällt ihnen schwer, das Verhalten und Empfinden anderer Menschen nachzuvollziehen.
  • Hypersensible Menschen dagegen zeichnen sich gerade durch eine besonders ausgeprägte Empathiefähigkeit aus.
  • Menschen mit Hypervigilanz können das Verhalten anderer oft gut vorhersagen, da sie lernen mussten sich zu schützen. Der Zugang zu den eigenen und den Gefühlen anderer ist ihnen zwar manchmal versperrt, aber im Allgemeinen ist das Verhalten anderer für sie nachvollziehbar.

Menschen mit Autismus haben dagegen manchmal Probleme das Denken und Verhalten von Menschen ohne Autismus nachzuvollziehen.

Das für Autismus typische stereotype Verhalten (Stimming) ist bei Hochsensibilität nicht zu beobachten. Tatsächlich fallt aber eine Überempfindlichkeit für Gerüche, Geräusche und Berührungen also eine Hochsensibilität für Sinneswahrnehmungen bei vielen Menschen mit Asperger-Syndrom auf.

Der Zusammenhang von Asperger-Syndrom und Hochsensibilität ist noch nicht geklärt. Verbände von Menschen mit Asperger-Syndrom äußern allerdings die Vermutung, dass Hochsensibilität bei Menschen mit Asperger-Syndrom häufiger vorkommt. Sie betonen auch, dass autistisch zu sein nicht etwa ein Mangel an bestimmten Fähigkeiten, sondern eine Andersartigkeit ist.

Es ist mir wichtig, dass du diese Unterscheidungsmöglichkeiten kennst, damit du dich und gegebenenfalls Menschen in deinem Umfeld nicht fälschlicherweise als hochsensibel einschätzt, nur weil Hochsensibilität derzeit als Massenphänomen dargestellt wird.

Bei Hypervigilanz aufgrund einer Posttraumatischen Belastungsstörung mit großem Leidensdruck ist möglicherweise eine Theapie angezeigt. Versage dir diese nicht. Nimm dein Leid nicht auf die leichte Schulter. Sei vorsichtig mit einer schnellen Selbstdiagnose.

Herzlichst
Anne