Selbst wenn dir der Begriff kognitive Dissonanz nicht geläufig ist – das Phänomen kennst du aus deinem Alltag. Immer wieder kommt es vor, dass die eigenen Ansprüche nicht mit der Wirklichkeit in Einklang sind. Ist das der Fall, stehst du vor einem Dilemma: Schließlich möchtest du den Zustand schnellstmöglich beheben. Das können beispielsweise die Neujahrsvorsätze sein, die bereits wenige Tage nach Jahresbeginn auf der Kippe stehen: Ist das der Fall, kommen die kognitive Dissonanz und die Reduktion der Dissonanz ins Spiel.

Was ist kognitive Dissonanz?

In der Psychologie beschreibt die kognitive Dissonanz einen negativen Gefühlszustand, der immer dann eintritt, wenn mindestens zwei Kognitionen nicht zusammenpassen. Eine Kognition ist dabei ein mentales Ereignis, wie beispielsweise deine Absichten, Erwartungen, Wünsche oder Gedanken.

Eine Dissonanz entsteht dann, wenn du zum Beispiel zwei unterschiedliche Werte hast, die einander widersprechen. Das Ergebnis: Du hast ein unangenehmes Gefühl. Da der Mensch grundsätzlich auf Harmonie aus ist, möchtest du diese Emotionen selbstverständlich vermeiden. Das erreichst du dadurch zu handeln, oder indem du deine eigenen Wünsche oder Einstellungen änderst. Auch Ausreden und Illusionen fallen in dieses Schema.

Folgende Beispiele können unter anderem der Auslöser für eine kognitive Dissonanz sein:

  • Du fährst mit dem Auto zur Arbeit, obwohl dir die Umwelt wichtig ist.
  • Du kaufst dir ein neues Handy, obwohl du eigentlich nicht genügend Geld hast.
  • Du rauchst täglich, obwohl dir deine Gesundheit wichtig ist.
  • Du isst zu viel Schokolade, obwohl du abnehmen möchtest.
  • Du bist aktiv im Tierschutz, isst aber gerne Fleisch.

Das sagt die Dissonanztheorie

Die Dissonanztheorie geht auf den US-amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger zurück. Zwar gibt es zusätzliche Theorien, doch basieren sie auf denselben Grundlagen wie Festingers Grundgedanken:

  • Zustände mit einer unangenehmen Spannung möchten die Menschen nach Möglichkeit vermeiden.
  • Der Mensch strebt nach einer Übereinstimmung in seinen Überzeugungen und Einstellungen.
  • Eine unangenehme Spannung entsteht dann, wenn Kognitionen sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Dazu können sowohl Wünsche als auch Absichten und Handlungen gehören.

Kognitive Dissonanz: Nicht nur für die Selbstachtung wichtig

Salopp ausgedrückt handelt es sich dabei um eine Strategie, das eigene Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen oder es in das gewünschte Licht zu rücken. Dadurch schrumpft die Diskrepanz und das schlechte Gewissen oder Unwohlsein nehmen ab. Aber warum setzt dein Verstand ein solch widersprüchliches Mittel ein?

In vielerlei Hinsicht ist die kognitive Dissonanz eine gute Möglichkeit, die eigene Selbstachtung zu wahren. Allerdings bietet sie weitaus mehr – denn sie hilft laut neusten Forschungen dabei, dass du gesund bleibst.

Der Mensch strebt danach, Konsequenzen zu vermeiden

Neurowissenschaftlern zufolge liegt das Dissonanzzentrum im mediofrontalen Kortex. Diese Region ist zuständig dafür, Dinge zu vermeiden, durch die nachteilige Konsequenzen für dich entstehen könnten. Dabei kann es sich um zentrale Angelegenheiten wie das eigene Verhalten hinsichtlich des Klimawandels handeln oder um scheinbar belanglose Themen. Unabhängig davon, ob im realen Leben mit Konsequenzen zu rechnen ist, geht es vorrangig darum, Harmonie zu erreichen.

Aus diesem Grund neigst du vielleicht dazu, einen Gegenstand schön zu finden, wenn er deinem Partner am Herzen liegt. Oder du stellst deine Ansichten zurück und empfindest einen Punkt als „gar nicht so wichtig oder schlimm“, um ein harmonisches Miteinander sicherzustellen. Meist geht dieser Wandel der eigenen Meinung mit einer inneren Rechtfertigung einher, durch die mitunter unliebsame Tatsachen zurechtgebogen werden.

Marketing: Kognition und Dissonanz im Alltag

Selbst im Marketing finden sich Strategien, die gezielt auf diese menschliche Eigenschaft abzielen. Ein solches Vorgehen wird generell als Low-Ball-Taktik bezeichnet. Dabei wird mit einem günstigen Angebot geworben, das mit anschließenden Zusatzkosten einhergeht. Da der Käufer die später anfallenden Kosten oftmals ignoriert, bezahlt er letztlich mehr, um die eigene Entscheidung nicht hinterfragen zu müssen. Dieselbe Möglichkeit bietet die sogenannte Foot-in-the-door-Technik. Dabei wird zuerst ein Produkt verkauft, für das anschließend passende Zusatzartikel angeboten werden. Hast du das Hauptprodukt erst einmal gekauft, möchte dein Verstand konsistent handeln und du wirst somit in deiner Kaufentscheidung bekräftigt.

Kognitive Dissonanzen: Wo liegt der Auslöser?

Handelst du rein gefühlsmäßig unmoralisch oder inkompetent, entsteht eine Dissonanz. Ein weiterer möglicher Auslöser dafür sind negative Konsequenzen aufgrund deines Verhaltens oder deiner Handlung. Die Sozialpsychologen haben erkannt, dass du in diesem Fall einen Prozess durchläufst, der sich in vier Schritten zusammenfassen lässt:

  • Du spürst den Widerspruch zwischen deiner Handlung und deiner Einstellung oder deinen Werten.
  • Die Handlung oder das Verhalten sowie deine Einstellung sind allesamt freiwillig.
  • Dein Verstand spürt, dass beide nicht zusammenpassen, obwohl du aus deinem freien Willen heraus gehandelt hast. Das Ergebnis ist eine physiologische Erregung.
  • Du machst dein eigenes Verhalten für dieses unangenehme Gefühl verantwortlich.

Um das entstandene Gefühl zu regulieren, versuchst du automatisch das Problem zu beheben. In vielen Situationen ist es ein unbewusster Vorgang, bei dem du nach einer Begründung dafür suchst, weshalb es genau so passieren musste. Typischerweise geschieht das dadurch, dass du Sachverhalte schönredest oder andere Dinge abwertest. Ein klassisches Beispiel dafür sind Raucher, die mögliche gesundheitliche Risiken beschönigen. Aber auch schlechte Kaufentscheidungen werden auf diese Weise aufgewertet.

So löst du kognitive Dissonanz mit MKKC® auf

Viele Prozesse hinsichtlich der kognitiven Dissonanz erfolgen beinahe automatisch. Um die Dissonanz zu reduzieren, bleiben deinem Verstand in der Regel drei Möglichkeiten:

  • Du löst das Problem, indem du handelst.
  • Du änderst deine Absichten und Wünsche oder deine Einstellung zu einem Thema.
  • Du dämpfst das unangenehme Gefühl durch Ruhe, Sport oder ausgleichende Aktivitäten. Das Problem daran: Meist werden dafür Alkohol, Tabak oder Drogen verwendet.

Konkret bedeutet das: Du veränderst dein Verhalten, damit es zu deinen Werten oder deiner Einstellung passt. Die Alternative ist es, deine Einstellung so zu verändern, dass sie zu deinem Verhalten passt. Natürlich ist Ablenkung ebenfalls eine Möglichkeit zur Dissonanzreduktion.

Dissonanz vorbeugen im metakognitiven Coaching

Eine weitere Möglichkeit, sich selbst auszutricksen, ist die Dissonanzvorbeugung. Dabei handelt es sich um Argumente, die du dir vorbeugend zurechtlegst. Besonders häufig ist dieses Verhalten bei anstehenden Ereignissen zu erleben, die das positive Selbstbild stören könnten. Versuchst du beispielsweise, ein Ziel zu erreichen und schaffst es nicht, erscheint das Scheitern weniger dramatisch. Dazu gehören zum Beispiel schlechte Prüfungsergebnisse, die durch zu wenig Schlaf, besondere Umstände oder andere Kleinigkeiten gerechtfertigt werden.

Obwohl dieses Vorbeugen den Vorteil mit sich bringt, dass du dir einen Fehlschlag nicht allzu sehr zu Herzen nimmst, hat sie auch einen Nachteil: Im Extremfall führt diese Strategie zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, die dich selbst sabotieren.

Kognitive Dissonanzen sind eine Zwickmühle für das Gehirn

Dein Gehirn kommt mit den Spannungszuständen, die die Folge einer kognitiven Dissonanz sind, leider nicht gut zurecht. Aus diesem Grund beschließt es, das Problem selbst zu lösen. Das Ergebnis ist, dass dein Gehirn versucht, die Diskrepanz in Eigenregie zu beheben, ohne deinen bewussten Verstand mit einzubeziehen.

Das funktioniert meist folgendermaßen: Anstatt nach einem Ausweg zu suchen, findet es Gründe dafür, dass alles beim Alten bleibt. Denn Veränderungen weichen von einem gewohnten Schema ab und konnten vor vielen Jahren zu einer lebensbedrohlichen Gefahr führen. Obwohl das heute nur noch selten der Fall ist, weicht das Gehirn nicht von seinen Mustern ab.

Das Problem dabei ist, das dieses Vorgehen nicht immer zur objektiv besten Lösung für dich führt. Tatsächlich ist meist das Gegenteil der Fall: Dissonanzreduktion oder -vorbeugung können in vielen Fällen zur Selbsttäuschung führen. So unterlaufen die mitunter Fehler in der Beobachtung oder Beurteilung von Situationen.

Die letzte Konsequenz ist die Selbstsabotage. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass du dich selbst aufmerksam beobachtest und regelmäßig hinterfragst, ob deine Werte mit deinen Handlungen Hand in Hand gehen. So bist du diesen internen Prozessen spürbar weniger ausgeliefert.

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Herzlichst
Anne