Was unterscheidet Mitleid von Mitgefühl?

Stell dir vor, du beobachtest von deinem Küchenfenster aus regelmäßig ein Kind auf dem Schulhof, das von seinen Mitschülern gehänselt und ausgeschlossen wird. Was du dabei spürst, ist Schmerz. Schmerz und Mitleid. Mitleid ist mitleiden mit einem anderen Menschen. Du hast das Gefühl, du spürst genau den Schmerz und die Verzweiflung, die dieses Kind dort unten auf dem Schulhof nun ertragen muss. Und das Schlimmste daran: Du kannst nichts ändern. Weder an deinen Gefühlen noch an den vermeintlichen Gefühlen dieses Kindes.

Das könnte der Alltag eines ungelösten Empathen sein, eines mitfühlenden Menschen, der noch nicht gelernt hat, zwischen Mitfühlen und Mitleiden zu unterscheiden.

Dabei nutzt uns Mitleid wirklich nicht und ist ein belastendes Gefühl, das aus der Hilflosigkeit heraus entsteht. Was aber unterscheidet Mitleid von Mitgefühl? Ganz klar: Im einen Fall fühlst du mit jemandem mit und im anderen Fall bemitleidest du einen Mitmenschen einfach nur. Entscheidend ist also die emotionale Ebene, auf der du jemandem begegnest.

Deshalb profitiert niemand von Mitleid

Wenn du dir ausmalst, dass du dich gerade in einer schweren Lebenskrise befindest und jemand teilt dir mit, dass er oder sie mit dir zusammen leidet. Was genau empfindest du dabei? Trost? Vermutlich profitierst du von diesem Mitgefühl überhaupt nicht, sondern hast noch viel eher das Gefühl, dass deine Lage aussichtslos und düster ist – Denn alle Welt bemitleidet dich. Mitleid wirkt auf dich als Betroffene/r so, als gäbe es nichts mehr, das andere für dich tun könnten und so entsteht auch selbst schnell das Gefühl, das scheinbar nichts zu ändern ist.

Und wie ginge es der Person, die wiederum dich bemitleidet? Genauso. Sie hat das Gefühl, nichts tun zu können und spürt tiefen Schmerz. Davon aber profitiert niemand – Weder die bemitleidete Person, noch jene, die Mitleid spürt und/oder mitteilt. Mitleid ändert nichts und Mitleid greift nicht ein. Mitleid ist einfach da und tut weh.

So erkennst du Mitleid

Mitleid ist nicht immer nett und hat auch etwas damit zu tun, dass die Mitleidenden oft erleichtert darüber sind, dass sie nur Zuschauer sind und die Situation von außen beurteilen können. Das heißt, dass du dich zwar einen Moment lang betroffen fühlst, in Wahrheit aber ganz glücklich darüber bist, dass du nur beobachtest.

Hast du diese Überlegung schon einmal in Betracht gezogen? Vielleicht ist Mitleiden auch eine Ablenkung. Denn nicht selten führt empathisches Mitleiden mit einem anderen Menschen im Umkehrschluss dazu, dass die eigene Situation als sehr viel vorteilhafter empfunden wird.

Mitleid ist also alles andere als hilfreich und oft sogar ein ziemlich schlechter Ratgeber. Aber nicht alle Menschen nehmen bewusst empathisch wahr und leiden mit. Andere versetzen sich sogar unbewusst intensiv in die Lage der Betroffenen und spüren so das Leid der anderen. Sie sind emotional tief verstrickt und entwickeln in einigen Fällen sogar eine eigene Traurigkeit über die Situation.

Mitleid trägt aber fast immer auch Hoffnungslosigkeit in sich. Wer Mitleid spürt, glaubt oft auch, dass es keinen Weg gibt oder dass das Leid begründet ist und denkt, dass es keinerlei Hilfe und Hoffnung mehr gibt. Für empathische Menschen, denen mit Mitleid begegnet wird, kann das fatal sein. Sie spüren die Hoffnungslosigkeit ihres Gegenübers und können dann von dessen Anteilnahme nicht profitieren. Wer möchte schon als besonders bemitleidenswert empfunden werden? Niemand wünscht sich, eine tragische Figur für andere zu sein, die jedem leid tut.

Weshalb Mitgefühl positiv zu bewerten ist

Erst einmal gilt: Wer überhaupt nicht mitfühlen kann, ist grundsätzlich nicht mit sehr viel Emotion und Sensibilität ausgestattet, gefühlsblind oder zumindest unempathisch. Das macht aber nichts. Das ist unsere Welt und wir Empathen dürfen lernen, das zu akzeptieren. Manche Menschen können das Leid anderer völlig von sich fern halten. Das ist ein gesunder Selbstschutz und nicht zu verurteilen, denn diese Personen haben diese Form der Widerstandsfähigkeit wunderbar entwickelt und das ist gut so.

Der Großteil der Bevölkerung aber kann mitfühlen, viele sind gar Vollempathen. Und das ist auch gut so, denn davon profitieren vor allem die Menschen, denen wir uns zuwenden.

Wer gelöst empathisch mitfühlt, fühlt sich nicht machtlos und zeigt dabei deutlich „Ich sehe deine schwierige Lage und ich spüre deinen Schmerz.“ Gerade das ist, was Menschen in schweren Lebenskrisen brauchen. Sie suchen instinktiv nach jemandem, der ihnen wieder neue Hoffnung gibt und sie auffängt. Da wird dann deine empathische Gabe wirklich wertvoll.

Das bedeutet natürlich trotzdem nicht, dass eine Lage immer umzukehren ist oder eine Situation wirklich eine echte Lösung bereithält. Wer gerade einen geliebten Menschen verloren hat, der wird an dessen Tod nichts ändern können. Der Mensch fehlt, hinterlässt große Trauer und eine Phase des tiefen Schmerzes. Aber auch dann kann man als Empath vertraute Menschen durch diesen Moment begleiten, ohne dabei Mitleid, sondern stattdessen gesundes Mitgefühl, zu empfinden.

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So zeigst du Mitgefühl

Mitgefühl baut immer auf Verständnis auf. Du fühlst etwas und verstehst die Lage der/des anderen ohne sie zu ver- oder beurteilen. Das fällt dir als reifem Empathen leicht. Dabei machst du die fremden Emotionen aber nicht zu deinen und beginnst selbst zu leiden, sondern bist einfach nur da und verstehst. Du hörst zu. Und du machst – wenn es sich anbietet und gewünscht ist – Vorschläge zur Linderung des Schmerzes. Du bist Hoffnung und verkörperst eine starke Schulter. Deshalb musst du aber keinesfalls stärker sein oder scheinen als du tatsächlich bist.

Mitfühlend empathisch zu sein heißt auch, dass du akzeptierst, wenn dein Gegenüber gar keine Hilfe von dir möchte. Vielleicht ist es noch zu früh oder es ist einfach der falsche Zeitpunkt oder der andere möchte einfach leiden und sucht keine ernsthafte Lösung. Das gilt es zu akzeptieren. Außerdem gibt es für manche Situation gar keine Lösung und gar keine Linderung. Sie sind und bleiben dann eben exakt so schmerzhaft, wie sie zunächst erschienen und können nicht relativiert werden. Auch nicht beim zweiten oder dritten Hinsehen.

Es ist dann also durchaus möglich, dass Hilfe nicht umsetzbar ist und jeder Versuch kläglich scheitern würde. Wenn du Mitleid zeigst und dich kümmerst und engagierst – erfolglos, dann erscheint der betroffenen Person ihr Schicksal noch dramatischer, schließlich habt ihr „alles versucht“ und nichts hat geholfen. Reifes empathisches Mitfühlen hingegen legt Optionen dar, die entweder zu einem (Teil)Ergebnis führen oder auch nicht, sie zeigen aber immer, immer Handlungsoptionen auf. Reifes Mitgefühl heißt auch, dass du Verständnis hast, dass jemand vielleicht ärgerlich, traurig oder verzweifelt ist und du dein eigenes Verhalten diesem Umstand anpasst.

Deshalb muss Mitgefühl ernst gemeint sein

Nur zeigen, dass dich etwas empathisch berührt, hilft nicht. Und außerdem ist schnell spürbar, ob wir ernsthaft betroffen sind oder nur so tun als ob wir es wären. Versetze dich noch einmal in die Lage des ausgeschlossenen Mädchens auf dem Schulhof. Bei Mitgefühl würdest du irgendwann über deinen Schatten springen und das Mädchen ansprechen, um ihm vielleicht Hilfe anzubieten oder um ein Gesprächspartner zu sein. Das würde darauf hindeuten, dass dein Mitfühlen ehrlich ist.

Was aber ist, wenn das Mädchen dankend ablehnt und all deine Vorschläge sofort zerredet. Es behauptet, es bräuchte keine Hilfe und käme ganz alleine klar. Außerdem solltest du dich nicht einmischen und überhaupt gehe dich das überhaupt nichts an. Wie käme diese Reaktion bei dir an? Ist sie negativ zu bewerten? Nein, ganz und gar nicht. Schließlich stellst du bei echtem Mitgefühl gar keine Erwartung an dein Gegenüber.

Niemand muss deine Hilfe annehmen. Und auch Dankbarkeit ist kein Gefühl, dass jemand empfinden müsste, dem du geholfen hast. Denn bei Mitgefühl geht es nie darum, dass DU dich besser fühlst. Dein Gewissen und deine Emotionen sind dabei irrelevant und zurück gestellt.

Als Empath kannst du Mitgefühl also nicht genug haben, denn es belastet weder dich noch deine Mitmenschen. Im besten Fall bietet es Lösungsansätze und einen klaren und kühlen Kopf, wo andere von ihren Emotionen zu stark belastet sind. Mitgefühl stellt keine Erwartungen. Aber vermeide Mitleid. Es nützt niemandem. Weder dir als Empath, noch dem Menschen, mit dem du leidest.