Eine Eigenschaft, die häufig – insbesondere bei zwischenmenschlichen Beziehungen – als negativ aufgefasst wird, ist die Oberflächlichkeit. Wer beispielsweise nur auf das Äußere eines romantischen Partners achtet, ist oberflächlich. Hochsensible Personen empfinden das Verhalten ihrer Mitmenschen häufig als oberflächlich. Dadurch entstehende Probleme kann man aber vermeiden. 

Was bedeutet Oberflächlichkeit eigentlich?

Im Grund bedeutet Oberflächlichkeit nur, dass eine Person entweder kein Interesse oder nicht die Fähigkeit hat, bei einer Sache in die Tiefe zu gehen. Man kann mit belanglosen Gesprächen regelmäßig viel Zeit verbringen oder fällt sehr schnell Urteile über Mitmenschen, schon nach sehr wenigen Informationen über diese.

Dadurch kommt es dann dazu, dass man mit anderen Personen, mit denen man sich eigentlich in einem engen Umfeld befinde, keine echte emotionale Verbindung entwickelt und stets auf Distanz bleibt. So erkennt man nie die wahre Persönlichkeit des Gegenübers – und lässt auch die eigene kaum durchblicken.

Auch im sonstigen Leben kann man sich rein oberflächlich verhalten. Freizeitbeschäftigungen mit wenig Tiefgang, materialistische Vorlieben, ein reiner Fokus auf den Job, nur, weil er lukrativ ist wiegen dann vor, während Spiritualität oder Mitgefühl zurücktreten. Die Probleme anderer oder das Erfahren und Genießen der schönen Seiten unserer Welt sind nicht relevant.

Was hat Oberflächlichkeit mit Hochsensibilität zu tun?

Hochsensiblen Menschen kommen andere häufig so vor, als hätten sie keinerlei Feinfühligkeit. Vielleicht erkennst du dich darin wieder: Um dich herum unterhalten sich Bekannte über Wetter und die Ergebnisse des letzten Formel 1 Rennens in Silverstone und du verstehst nicht, wie man sich so lange über solche belanglosen Themen austauschen kann.

Das liegt daran, dass dir als hochsensibler Person genau diese Dinge leichtfallen, die zum Gegenteil von Oberflächlichkeit führen. Dazu gehören:

  • besondere Einfühlsamkeit, sowohl gegenüber Fremden als auch in sexuellen Beziehungen
  • Nachdenklichkeit und Hang zu Selbstzweifeln
  • dadurch sozial eher zurückhaltend
  • besonderes Interesse an tiefgründigen Themen und Gesprächen
  • hohes Verantwortungsbewusstsein
  • Hang zur Kreativität

Smalltalk, der von anderen als die einfachste Art der Kommunikation verstanden wird, fällt dir hingegen schwer und du verstehst nicht, wie sie von solch seichten Themen so fasziniert sein können.

Auch bei zwischenmenschlichen Aspekten neigst du durch deine Hochsensibilität eher dazu, direkt eine tiefe Verbindung durch persönliches Verständnis aufzubauen. Jede deiner Handlungen ist von tiefer Empathie geprägt, während andere hin und wieder ohne Probleme ihre eigenen Interessen verfolgen und dabei die ihrer Mitmenschen hinten anstellen. Lockere Beziehungen, in denen es nur zum Sex geht, sind also nichts für dich – ein emotionales Band zu Partner oder Partnerin sind sehr wichtig.

Das kann einerseits dazu führen, dass du in einer Beziehung automatisch mehr investierst, als dein Partner – oder andererseits umgekehrt, dass du kein Interesse an einer zwanglosen Beziehung zeigst.

Insgesamt fällt dir also das Verständnis für oberflächliches Verhalten schwer, während nicht hochsensible Personen häufig so auf dich wirken, als würden sie Dinge nie so verstehen, wie du es tust. Du willst dich also lieber anstatt über das Wetter über Themen unterhalten, die dir schon seit Tagen im Kopf herumschwirren, über die du schon sehr gewissenhaft nachgedacht hast, die dich wirklich berühren.

Wo kommen die Konfliktpunkte her?

Diese Inkongruenz hängt nicht nur mit den emotionalen Besonderheiten von hochsensiblen Personen zusammen. Das besondere Verhältnis zur Oberflächlichkeit entsteht schon durch die Unterschiede in der Wahrnehmung.

Als hochsensible Person nimmst du die Welt durch deine Sinne auf andere Art und Weise wahr, als die meisten anderen Menschen. Dabei ist der Unterschied durch das Gehirn bedingt.

Nehmen wir einmal als Beispiel die Funktionsweise des Auges. Wie funktioniert Sehen? Was passiert in diesem Moment im Gehirn?  Die optischen Organe, die das Licht zum Bild umwandeln sind bei allen gesunden Menschen gleich. Die Anatomie ist bei Hochsensibilität nicht anders, als bei allen anderen Personen.

Zu einer hohen Sensibilität der Sinne kommt es also erst durch die besondere Verarbeitung der jeweiligen Reize im Gehirn. Da die aufgenommenen Informationen nicht gefiltert werden, kommt bei hochsensiblen Personen weit mehr in der bewussten Wahrnehmung an. Im Grunde bekommst du also einfach nur mehr von deiner Umwelt mit, also die meisten deiner Mitmenschen.

Dadurch lebst du – übertrieben gesagt – in einer etwas anderen Realität, was letztendlich dazu führt, dass es in unserer Gesellschaft, die von nicht hochsensiblen Menschen geprägt ist, immer wieder zu Schwierigkeiten oder Konflikten kommt.

Die unterschiedliche Einstellung zur Oberflächlichkeit kommt eben auch dadurch zu Stande. Durch die oft erhöhte Nachdenklichkeit, das gute soziale Gedächtnis und die niedrigere Reizschwelle führt Hochsensibilität dazu, dass betroffene Personen als „anders“ aufgenommen werden und sich im Umkehrschluss selbst unverstanden fühlen.

Zwischenmenschliche Zusammenstöße

Wenn du zum Beispiel einen Bekannten nach vielen Jahren wieder triffst und dich noch genau an Gespräche von damals erinnern kannst, dann kann es sein, dass die andere Person davon überrascht ist, da sie keinerlei Erinnerungen mehr daran hat. Für dich wirkt es dann so, als sei dein Gegenüber oberflächlich, da sie solche wichtigen Ereignisse in der Freundschaft entweder vergessen oder nicht einmal registriert hat.

Ähnlich kann es zu Konflikten mit Mitmenschen kommen, wenn der bereits erwähnte Smalltalk, dem eine wichtige gesellschaftliche Rolle zukommt, von dir nicht beachtet wird. Dabei ist es im Grunde nur ein Missverständnis: Selbst, wenn du dich gerne mit einer anderen Person unterhalten würdest, ist das Thema als solches vielleicht nicht interessant für dich. Dein Gegenüber fasst es dann unter Umständen so auf, als wärst du nicht an einem Gespräch interessiert – obwohl das Problem eigentlich nur das oberflächliche Thema als solches war.

Wie kann man damit umgehen?

Zu Beginn eines gesunden Umganges mit der eigenen außergewöhnlichen Begabung steht die Erkenntnis. Sobald du realisierst, dass du eine hochsensible Person bist, kannst du viele Dinge, die dir bereits widerfahren sind, erst richtig verstehen und somit einordnen. Da nur etwa 10 Prozent der Menschen hochsensibel sind und sich auch nur wenige dessen bewusst sind, kann man leider nur selten mit Verständnis rechnen. Falls du dich in vielem, was du hier gelesen hast, wiedererkennst, könnte es sein, dass du eine hochsensible Person bist. Probiere doch einmal, zu welchem Ergebnis die Persönlichkeit-Tests auf dieser Seite bei dir kommen.

Auf der einen Seite kannst du natürlich versuchen, die positiven Seiten zu sehen. Dein starker Gerechtigkeitssinn und der Blick fürs Detail führen dazu, dass dir Ungleichheiten hinter einer oberflächlichen Fassade nicht entgehen. Sowohl im Freundeskreis als auch im Arbeitsleben ist das ein willkommener Charakterzug.

Oberflächlichkeit wird ohnehin als negative Eigenschaft empfunden, auch wenn die Schwelle bei den meisten Menschen wesentlich höher liegt, als bei hochsensitiven Personen. Du solltest also auf keinen Fall versuchen, dein Verhalten so umzustellen, dass dich jeder andere als rein oberflächlich sieht.

Smalltalk positiv nutzen

Am Beispiel Smalltalk kann man auch gut zeigen, dass nicht alles, was dir eventuell oberflächlich erscheint, auch gleich schlecht sein muss. Die Grundannahme, dass bei jedem Gespräch der Inhalt das ist, worauf es wirklich ankommt, ist hier häufig die Problemursache. Es kommt nämlich oft gar nicht auf das an, was gesagt wird – sondern nur darauf, WIE es gesagt wird.

Tonfall und Körpersprache, ebenso wie die Tatsache, dass man überhaupt miteinander redet, haben hier eine viel größere Bedeutung. Zumindest der Smalltalk zu Beginn eines Gespräches – welches stellvertretend für alle zwischenmenschlichen Begegnungen stehen soll – hat eher die Funktion, sich abzutasten, anstatt direkt Themen innerhalb der Privatsphäre anzustoßen.

Es ist eine Kunst für hochsensible Menschen, die Grenzen der sozialen Oberflächlichkeit bewusst auszutesten um schnell verstehen zu können, ob und wann man mit dem Gegenüber in tiefgründigere Themen abtauchen kann. Durch geschickte Anwendung der Aufmerksamkeit, die durch die Hochsensibilität gewonnen wird, kann man Smalltalk mit etwas Übung sogar geschickter ausnutzen, als die meisten anderen Menschen.