Ockhams Rasiermesser ist eine Grundregel für die Auswahl einer Erklärung für ein Phänomen aus mehreren sachlich gleichwertigen Begründungen. Die Ursprünge der Idee reichen bis ins Altertum zurück, sie wurde dann ausführlicher von Wilhelm von Ockham im Mittelalter dargestellt und in der Neuzeit von verschiedenen Philosophen aufgegriffen.

Du kannst Ockhams Rasiermesser aber auch sinnvoll im Zusammenhang mit Beratungstätigkeiten und Entwicklungen von Systemen wie Software verwenden.

Wer war der Namensgeber Wilhelm von Ockham?

Wilhelm war ein Philosoph und Theologe, der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in England und auf dem Kontinent wirkte. Sein Name bezieht sich auf seinen Herkunftsort in der englischen Grafschaft Surrey. Er wird zu den bedeutendsten Gelehrten seines Ordens der Franziskaner und überhaupt seiner Zeit gezählt. In seinem Roman „Der Name der Rose“ nahm Umberto Eco die historische Figur des Wilhelm von Ockham als Namensgeber und Inspiration für die Hauptfigur des Buches, den Mönch Wilhelm von Baskerville.

Eine der grundlegenden Lehren Wilhelms war die Idee der Sparsamkeit im Umgang mit theoretischen Annahmen. Eine größere Mehrheit gleich welcher Ideen Voraussetzungen soll nach Wilhelm nur mit gutem Grund verwendet werden. Das Ziel dieser Haltung ist es, überflüssige Begriffe zu vermeiden, die für eine Erkenntnis der Situation nicht notwendig sind und keinen Beitrag leisten. Damit steht Wilhelm in direkter Nachfolge von Denkern wie Odo Rigaldus, der ebenfalls als Franziskanermönch im 13. Jahrhundert wirkte und den Nährboden für Wilhelms Ideen gelegt hatte.

Schon dieser Umriss der Ideen Wilhelms sollte dir den Eindruck vermitteln, dass sein Ansatz gerade heute von Bedeutung ist, da wir in unserer Zeit mit immer größerer Komplexität umgehen müssen.

Die Vorgeschichte vom Ockhams Rasiermesser

Überlegungen über den Gegensatz von Einfachheit und Vielfalt sind viel älter als die mittelalterliche Formulierung Wilhelms. Vieles in der griechischen Philosophie baut auf der Idee auf, die Natur wähle immer den einfachsten Weg. Damit ging auch eine Skepsis gegenüber Naturwissenschaft auf der Grundlage von Erfahrung und Experimenten einher.

Ockham bestreitet diese Behauptung der grundlegenden Einfachheit der Natur. Diese Skepsis wird auch durch die moderne Physik gestützt. Wilhelms Ansatz läuft darauf hinaus, dass nicht die Natur selbst als einfach angenommen werden kann, aber deine Beschreibung sollte so einfach wie möglich sein.

Was besagt das Prinzip des Ockhamschen Rasiermessers genau?

Wenn mehrere gleich gute Erklärungen für einen Sachverhalt vorliegen, ist die einfachste Erklärung vorzuziehen. Einfachheit bedeutet hier, dass die Anzahl der Variablen und Annahmen klein ist und die Zusammenhänge zwischen diesen nur wenige Schritte erfordern.

Umformulierungen und Zugänge

Wilhelms Prinzip ist ein Grundsatz für die Wahl von Annahmen zur Erklärung von beobachteten Phänomenen. Eine sachlichere Bezeichnung wäre Sparsamkeitsprinzip, das Rasiermesser weckt aber bildlichere Vorstellungen und ist auch fest etabliert, weshalb wir diesen Begriff weiterverwenden.

Im 17. Jahrhundert wurde Wilhelms Idee wieder aufgegriffen und auf die Kurzform gebracht, Wesenheiten sollten nicht ohne Grund vermehrt werden. Aus dem Zusammenhang muss dann klar werden, dass es sich um Annahmen handelt, aufgrund derer du Aussagen über Existierendes triffst. Die Idee ist also eine Regel für die wissenschaftliche Beschreibung von Erscheinungen. Sie betrifft gerade nicht die Frage, was genau existiert. Dieses wird als gegeben hingenommen und es wird von Wilhelm selbst festgestellt, dass eben auch nicht Notwendiges existiert.

Welche irreführenden Deutungen von Ockhams Rasiermesser gibt es?

Grundlegende Ideen mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten werden oft auf Situationen oder auf Arten angewendet, die eindeutig nicht korrekt sind und auch nicht dem Sinne des Erfinders entsprechen. Ockhams Rasiermesser ist da keine Ausnahme, sondern geradezu ein Paradebeispiel für dieses Problem.

Zum Ersten ist die Formulierung des Rasiermessers keineswegs von Ockham selbst. Sie baut auf einer neuen Fassung aus dem 17. Jahrhundert auf. Die Wortwahl selbst stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Was nun das Bild des Rasiermessers betrifft, gibt es korrekte und falsche Auslegungen. Unnötige Annahmen sollen wegrasiert werden. Irreführend ist es aber, Dinge wegrasieren zu wollen, wenn diese nur nicht notwendig zu sein scheinen. Das sollte auch unmittelbar klar sein, dass es einfach nicht stimmt, dass nur Notwendiges existiert. In dieser Allgemeinheit wird der Fehler selten gemacht, in kleinerem Umfang in speziellen Fällen allerdings sehr wohl.

Das Rasiermesser darf also erst dann angesetzt werden, wenn Theorien oder Erklärungen mit dem gleichen sachlichen Wert gefunden worden sind. Gleichwertig kann sich hier auch auf Kriterien wie Genauigkeit oder irgendwelche anderen Qualitäten beziehen, die im konkreten Fall von Interesse sind.

Das Prinzip des Ockhamschen Rasiermessers ist nicht geeignet und auch keinesfalls dafür vorgesehen, über die Existenz eines Objekts oder gar Menschen zu urteilen und sei es auch nur in kleinstem Ausmaß. Das Rasiermesser ist nur für die möglichen Beschreibungen und Erklärungen vorgesehen.

Von wem wurde die Idee nach Wilhelm von Ockham weiterentwickelt?

Eine so nützliche und allgemeine Idee hat üblicherweise eine lange Vorgeschichte, in der sie langsam konkreter und expliziter herausgearbeitet wird. Später findet diese Formulierung manchmal mehr, manchmal weniger Interesse, was mit den gerade vorherrschenden Strömungen zu tun hat.

Der Reformator Martin Luther in der frühen Neuzeit hatte Interesse an Ockhams Rasiermesser. In derselben Tradition steht auch der Physiker Isaac Newton, der in seiner Forschung vom Grundsatz ausging, nicht mehr Gründe für natürliche Erscheinungen anzunehmen, als sowohl wahr als auch ausreichend für eine Erklärung sind.

Im 20. Jahrhundert wurden die Philosophen Charles S. Pierce, Bertrand Russell und indirekt auch Karl Popper von den Ideen Ockhams beeinflusst. Popper nahm die Haltung ein, von einer wissenschaftlichen Theorie könne nicht die Wahrheit, sondern nur ihre Inkorrektheit bewiesen werden. Solange kein Experiment bekannt ist, das die Theorie widerlegt, bleibt sie provisorisch aufrecht. Jedes einzelne widerlegende Experiment reicht allerdings aus, die Theorie zu Fall zu bringen. Ockhams Rasiermesser legt nahe, eine Theorie mit weniger Annahmen zu bevorzugen, weil eben weniger solche Annahmen überhaupt widerlegt werden können.

Aspekte der Nutzung von Ockhams Rasiermesser

  • Das Rasiermesser stellt eine ständige Erinnerung an das Eliminieren unnötiger Annahmen dar.
  • Weniger Annahmen bedeutet auch, dass die Theorie leichter falsifizierbar ist. Umgekehrt kannst du beobachten, dass mehr Annahmen auch mehr Möglichkeiten bedeutet, dass mindestens eine davon falsch ist.
  • Wilhelms Idee befindet sich im Einklang mit dem grundlegenden Interesse etwa der modernen Naturwissenschaft, Erscheinungen auf möglichst wenige Prinzipien, Annahmen und Regelmäßigkeiten zurückzuführen. Ein Beispiel dafür ist die Theorie des Elektromagnetismus, die alle Erscheinungen von Licht, elektrischem Strom und Magnetismus umfasst. Diese Theorie gilt als eine der Großtaten der Physik des 19. Jahrhunderts.

Anwendungen von Ockhams Rasiermesser

Wilhelms Idee lässt sich natürlich weiterführen und auf konstruktives Vorgehen anwenden. Damit landest du bei Ideen wie KISS oder „keep it simple, stupid“, was auf das Bevorzugen von einfachen Lösungen hinausläuft. Statt eine Theorie für vorgegebene Erscheinungen zu suchen, wird hier für den Bau von Systemen wie Softwarepaketen einfachen Regeln der Vorzug gegeben.

Die wenigen Annahmen und Voraussetzungen können in diesen Anwendungen frei gewählt werden. Sie führen zu Lösungen, die einfacher beschreibbar, korrigierbar und erweiterbar sind. Sie sind in fast allen Fällen auch weniger fehleranfällig.

Ockhams Rasiermesser im Beratungskontext

Am Anfang einer Beratung steht eine Analyse des Ist-Zustands, auf der alle folgenden Tätigkeiten aufbauen. Ockham fordert dich dazu auf, unnötige Begründungen oder gar Interpretationen wegzulassen. Gerade weil die gesamte Gesellschaft immer komplexer wird, ist das Isolieren von wesentlichen Punkten umso wichtiger. So arbeitest du die zentralen Punkte heraus.

Beratung bedeutet aber auch, deinen Klienten beim Aufbau von für ihn geeigneten Strukturen zu unterstützen. Wie in der schon erwähnten Softwareentwicklung ist hier das Rasiermesser vielleicht noch effektiver als in der Analyse, da ein einfacherer Aufbau dieser Strukturen von Anfang an gewählt werden kann. Ockhams Idee legt nahe, dass ein Beschreiben und Kontrollieren dieser Struktur auch besser möglich sein wird.

Die heutigen technischen Möglichkeiten stellen eine ständige Verführung dar, aufwendige und komplexe Lösungen für das Versprechen von mehr Möglichkeiten zu wählen. Ockhams Rasiermesser stellt ein Gegenmittel dazu in den Raum, das dich daran erinnert, dass du mehr Variablen und Systemteile zuerst einmal erfassen und dann auch noch kontrollieren musst. Wenn schon die Beschreibung eine Herausforderung darstellt, sieht es mit den weiteren Schritten erst recht nicht gut aus.

Herzlichst
Anne Heintze