Timo Heß: Was definiert, Deiner Meinung nach, unsere Persönlichkeit?

Die Persönlichkeit ist das, was das innere Wesen ausmacht. Und das innere Wesen ist definitiv nicht der Körper, der trägt es durch die Gegend. Es ist eher eine Seelenkomponente, die sich einhüllt in einen Körper. Und natürlich haben wir dann auch noch so etwas wie Gefühle, wir haben so etwas wie den Verstand – all das gehört zusammen. Ich würde mal sagen, das ist wie ein riesiger Diamant, der lauter verschiedene kleine Facetten hat und je nachdem, wo du hinschaust und wie das Licht darauf fällt, schillert er in vielen verschiedenen Farben.

Timo Heß: In Deinem beruflichen Alltag arbeitest Du mit Hochsensiblen, Hochsensitiven und Scanner Persönlichkeiten zusammen. Wie bist Du denn zu Deinem heutigen Job gekommen?

Das ist unter anderem dadurch geschehen, dass ich mich irgendwann mal mit der Frage beschäftigt habe, mit welchen Menschen ich am liebsten arbeite. Ich hatte bis dahin schon lange als Coach gearbeitet. Davor als Kommunikationstrainerin, als Sterbebegleiterin, als Unternehmensberaterin, als Heilpraktikerin und als Gesprächstherapeutin. Irgendwann macht man eine Bestandsaufnahme: Was ist das Besondere an meiner Tätigkeit? Was macht, dass ich morgens aufstehe und mich freue oder in den Kalender schaue und denke: Das wird eine tolle Woche?

Da habe ich gemerkt, dass die Menschen, die zu mir kamen, eine Gemeinsamkeit hatten. Und es stellte sich schnell heraus: Es waren die, die besonders anstrengend sind, besonders anspruchsvoll, besonders schwierig, besonders kritisch, besonders emotional, besonders feinfühlig, besonders intelligent und begabt. Da habe ich gesehen: Es sind also die Hochbegabten (die gibt es ja auch als Erwachsene) und die Vielfühler. Bei der Suche nach Angeboten für Hochsensible und hochbegabte Erwachsene bemerkte ich aber, dass es damals, vor 15 Jahren, gab es so gut wie nichts in Deutschland. Und habe ich gedacht: So, das ist und bleibt meine Zielgruppe.

Timo Heß: Also kannst Du auch aus Erfahrung sagen, dass sich eine echte Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit immer lohnt?

Natürlich. Schau mal, – wie willst du dein eigenes Leben leben, gemäß deiner eigenen Bedürfnisse, gemäß deiner eigenen Sehnsüchte, aber auch der Potenziale, und das ist ganz wichtig, auch der Potenziale, wenn du sie nicht kennst? Das gehört ja zur Persönlichkeit. Und das Doofe ist, wenn du diese Elemente deines Wesens nicht kennst, dann führt das dazu, dass es sich langsam so anfühlt wie „Das kann es doch nicht gewesen sein, da muss doch noch etwas kommen“, dann entsteht eine innere Unruhe, bis hin zu Depressionen.

Viele Menschen, die bemerken „ich lebe an mir vorbei“, bekommen Depressionen, Burnout oder körperliche Beschwerden. Wenn du aber weißt, was dich ausmacht und was deine Persönlichkeit ausmacht – emotional, intellektuell, sozial, und so weiter -, dann kannst du dafür sorgen, dass du das alles auch leben kannst.

Timo Heß: Durch viele Eindrücke von außen, beispielsweise durch Nachrichten oder Medien, aber auch aufgrund von Erwartungshaltungen in Job und Familie, nehmen wir oft andere Verhaltensmuster an – wie „echt“ sind wir denn wirklich?

Gar nicht! Das ist ganz schnell beantwortet. Das verrückte ist aber, je besser diese Konditionierung ist, und darüber sprechen wir ja gerade, desto weniger leicht merkst du, dass das nicht du bist. Aber auch dafür haben wir diese wunderbare Instanz namens Intuition in uns, die fragt: Moment mal, entspricht mir das überhaupt?

Dann setzt du dich hin und fragst dich, was lebe ich hier eigentlich? Lebe ich das, was meine Eltern von mir erwarten, oder mein Partner oder die Nachbarn? Wie oft hast du von Kollegen den Satz gehört: „Das kannst du doch nicht machen“ oder aus der Familie „Bist du verrückt!? Mach’ dich doch nicht selbstständig!“ Oder: „Wie kannst du dich auf so eine Zielgruppe fixieren? Das sind doch viel zu Wenige, da kannst du doch nur verhungern!“ All diese Sätze habe ich gehört, als ich mich auf die Hoch-X-Menschen spezialisiert habe. Und es war mir egal, ich wusste einfach, dass ich genauso leben und arbeiten möchte.

Da gibt es diese tiefe, klare Instanz, die sagt: Das ist es! Da macht es „Ding Dong“ in dir; und diese Intuition kannst du nicht überhören. Aber das Leben ist manchmal ganz schön raffiniert, wenn wir einen inneren Schweinehund haben, der sagt: „Ach, komm, hör’ einfach weg!“, dann dauert das eine Weile, aber du bekommst garantiert wieder eine Chance dein Leben nach deinen inneren Bedürfnissen zu gestalten.

Timo Heß: Warum scheuen so viele Menschen davor zurück, richtig hinzusehen und zu hinterfragen, wie sie ihre Persönlichkeit ihrem Leben gemäß ausrichten können und umgekehrt?

Nun, da haben wir den inneren Schweinehund und wir haben die Komfortzone. Der innere Schweinehund sitzt in der Komfortzone auf dem Sofa und sagt dir: „Ach, lass das mal bleiben. Ist zwar alles Mist gerade, aber das kennst du wenigstens. Und wenn du jetzt etwas veränderst, könnte das doch noch schlimmer werden. Das ist doch anstrengend!“

Timo Heß: Ist dabei also die Intuition besonders wichtig? Damit man den Kopf mal ausschalten und den inneren Schweinehund zum Schweigen bringen kann?

Der Kopf ist eine Hure, der geht mit jedem Gedanken ins Bett. Aber man kann das ja ganz leicht identifizieren: wenn man diese ganzen negativen Dinge im Kopf abspielt, fühlt man sich nämlich ganz einfach schlecht, das zieht dich runter. Aber nährende Gedanken, die bauen dich auf, die motivieren dich selbst von innen heraus, nicht von außen.

Timo Heß: Wie ist eine gedankliche Kehrtwende im Alltag denn zu schaffen?

Wir haben zwei mögliche Gründe, aufgrund derer Menschen beginnen, sich zu verändern. Der eine ist, ein ganz großes JA zu haben. Also ein super klares Ziel: da will ich hin, das will ich erreichen, das sind die Werte, die ich leben will – das große Ja.

Die zweite Variante ist das ganz große NEIN. Nein, das will ich nie wieder erleben oder erfahren. Es herrscht ein riesiger Leidensdruck. Und dazwischen gibt es nichts. Es gibt nur das große JA und das große NEIN. „Ich könnte ja mal, vielleicht probieren wir es mal aus, eventuell möglicherweise ein bisschen“ – das wird nichts. Schwarz-Weiß geht, Grau geht nicht.

Timo Heß: Aber man muss sich trauen, auch hinzuhören?

Ja. Aber wie gesagt, wenn du nicht hinhörst, bekommst du es nochmal und nochmal und nochmal zugespielt. Es gibt Menschen, die hören wirklich weg. Die dröhnen sich zu mit Drogen wie Fernsehen, Internet, Job, Geld, Familie und tun alles dafür, nicht hinzuhören. Aber wenn das Außen immer lauter und lauter wird, desto wichtiger ist auch die innere Einkehr oder Kontemplation.

Um mal über Kreativität zu sprechen: gibt es einen Zusammenhang zwischen guter kreativer Arbeit und einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit? Bedingt sich das?

Eine sehr schöne Frage! Pass auf: je mehr Ballast du auf deinen Schultern herumträgst, der nicht dein eigener ist, desto weniger frei bist du, zu leben, was in dir ist. Ein lebendiger Mensch ist immer kreativ. Wer wirklich Lebenslust empfindet, der ist immer kreativ, dem fällt immer etwas ein, der kennt das Wort Langeweile nicht und ist immer neugierig. Der ist wirklich von innen heraus lebendig. Und Kreativität ist nichts anderes als wirklich, wirklich lebendiges Leben.

Timo Heß: Wie stark begleitet Dich Kreativität in Deinem Arbeitsalltag?

Von morgens bis abends. Letzte Nacht zum Beispiel, da habe ich etwas ganz Seltsames geträumt. Da gab es einen Mann, der machte barfuß einen Dauerlauf. Wer das war, das verrate ich jetzt nicht, aber du kennst ihn auch. Der machte also einen Dauerlauf auf mich zu, stoppte am Ziel und hielt mir dann einen Vortrag über sein letztes Buch. Ich selbst arbeite gerade an einem Buch über erotische Intelligenz und hinterfrage, was es ausmacht, wenn Frauen auf High Heels durch die Gegend stöckeln – und der macht seinen Dauerlauf barfüßig! Ich meine, High Heels sehen toll aus, aber du kannst nicht darin laufen, das sind Sitzschuhe. In meinem Leben habe ich nur eine einzige Frau kennengelernt, die das tatsächlich konnte. Und jetzt halt’ dich fest: deren Mutter hat mit ihr, als sie 13 oder 14 war, trainiert. Sie musste High Heels tragen, damit sie einen damenhaften, eleganten Gang hat. Das spannende ist aber, die konnte das genauso gut in Sneakers und lief Marathon. Und da schließt sich der Kreis zu Buch und Traum: Es passiert ständig irgendetwas Kreatives in mir.

Timo Heß: Und welcher Begriff beschreibt Kreativität abschließend für Dich am besten?

Lebendigkeit. Da muss ich gar nicht lange nachdenken. Lebendigkeit!


Interview von Timo Heß mit Anne Heintze für Zwischenzeilen 19. September 2016