Wenn wir ein schmerzhaftes Erlebnis verdrängen, mag es zwar aus unserem Bewusstsein verschwinden, doch weg ist es deswegen noch nicht.

Es niestet sich im Unterbewusstsein ein, fremd, exotisch, wie ein Drachenbaby.

Dieser kleine Drache wirkt ungefährlich. Er wächst jedoch mit dem Maß unserer Verleugnung des Schmerzes. Je bestimmter wir so tun als gäbe es keinen Schmerz, als würde der kleine Drache nicht existieren, desto größer werden Schmerz und Drache.

Je länger wir so tun, als ob alles in Ordnung wäre, unseren Schmerz also nicht zulassen, desto mehr stärker wird der Drachen. Manche Menschen nähren so ihren Drachen jahrzehntelang bis er so mächtig ist, dass er die Eisdecke des Unterbewusstseins durchbricht und mit schnaubenden Nüstern ins Bewusstsein platzt.

Die alten Schmerzen, das alte Trauma ist plötzlich auferstanden. Tot geleugnet auferstehen alle Erinnerungen, Schmerz und Wut und Verzweiflung und Trauer überrollen uns lawinenartig. Der Damm ist gebrochen, der Drache entfesselt. Er tobt, er will endlich gesehen werden, endlich ernst genommen, verstanden, bemitleidet werden. Jetzt hat er endlich unsere Aufmerksamkeit.

Das ist gut. Jetzt besteht eine reelle Chance den monströsen Drachen zu „bekämpfen“.

Wenn wir denn aufhören vor ihm davonzulaufen, uns umdrehen und seinen Anblick mit zittrigen Beinen ertragen, geschieht etwas Merkwürdiges: Er beginnt kleiner zu werden!

Ein paradoxes Wunder nimmt seinen Lauf: der Drache, der durch unsere Verleugnung immer mächtiger wurde, verliert an Macht, weil wir uns ihm zuwenden.

So können wir uns näher an ihn heranwagen und mit der Annäherung schrumpft der Drache und schwindet unsere Angst. Mit dem letzten Rest an Furcht, berühren wir ihn leibhaftig, spüren seine Kraft, aber sie ist nicht mehr gegen uns gerichtet. Die gefangene Energie des Schmerzes ist nun freigesetzt und fließt mit voller Kraft. Unsere Zuversicht wächst und es kommt der Moment, wo wir uns ohne Zögern auf den Rücken des Drachen schwingen und losreiten oder fliegen, oder was immer Drachen so machen.

Er mit uns, oder wir mit ihm?

Es spielt keine Rolle mehr, wir und er sind Eins.

Namasté
Ananda