Scheinerinnerungen beschäftigen die moderne Psychologie seit den 1980er Jahren so intensiv, dass die Debatte über ihre Ursache als „memory wars“ in die Fachliteratur einging. Die falschen Erinnerungen beziehen sich auf Geschehnisse, die in der Realität nie stattgefunden haben, häufig im Zusammenhang mit tatsächlichen oder ebenfalls irrealen Traumata. Scheinerinnerungen können viele Ursachen haben und es ist schwer, sie von echten Erinnerungen zu unterscheiden. Die Unterscheidung ist jedoch wichtig, denn unerkannt können Scheinerinnerungen unangenehme Folgen für alle Beteiligten haben.

Was sind Scheinerinnerungen?

Erinnerungen bestehen je nach Persönlichkeit aus einer mehr oder weniger ausgeglichenen Kombination verschiedener Sinneseindrücke, die in unserem Gedächtnis verankert sind. Dazu gehören Bilder und Geräusche sowie Gerüche und haptische Eindrücke. Auch Scheinerinnerungen setzen sich aus diesen Komponenten zusammen. Allerdings haben die Ereignisse, welche die vermeintlich erinnerten Eindrücke hervorrufen, bei einer Scheinerinnerung nie stattgefunden.

Ausgelöst werden solche unechten Erinnerungen durch eine Kombination verschiedener Einflüsse, die über einen längeren Zeitraum wirken. Ein wichtiger Punkt ist das wiederholte Eingeben falscher Informationen. Dies kann über Außenstehende geschehen, zum Beispiel mithilfe suggestiver Fragen oder der gezielten Förderung bestimmter Emotionen, es ist aber auch möglich, sich selbst falsche Erinnerungen einzupflanzen. Das geschieht beispielsweise bei Verdrängungsmechanismen. Wer sich – bewusst oder unbewusst – falsche Fakten zu einer Situation einredet, kann damit eine Scheinerinnerung erzeugen, in der die Situation sich so darstellt, wie man selbst sie erinnern will.

Tatsächlich ist inzwischen bewiesen, dass es zwischen echten und falschen Erinnerungen bei Betrachtung der neuronalen Abläufe nicht immer einen Unterschied gibt. Wer von seiner Scheinerinnerung überzeugt ist, für den ist der Vorgang des Erinnerns identisch zu dem einer echten Erinnerung. Das bedeutet auch: Wer von einer Scheinerinnerung berichtet, lügt nicht. Die fragliche Person gibt etwas wieder, das sie nach bestem Gewissen für real erlebt hält, weil ihr Gehirn die Information auf dieselbe Weise abruft wie eine tatsächliche Erinnerung.

Wer Beispiele für Scheinerinnerungen sucht, wird vor allem in den 1980er und 1990er Jahren fündig. In diesen Jahrzehnten gab es eine regelrechte Welle von Missbrauchsvorwürfen durch erwachsene Patienten in psychotherapeutischer Behandlung. Vielfach stellte sich im Nachhinein heraus, dass die Erinnerungen an den vermeintlichen Missbrauch in der Kindheit aufgrund einer Suggestion seitens der Behandelnden hervorgerufen worden waren. Im Verlauf der Therapie entwickelte sich aus dieser Suggestion eine Erinnerung an ein Trauma, das nie stattgefunden hatte.

Das bekannteste deutsche Beispiel einer solchen Suggestion gipfelte in den Wormser Prozessen (1994 bis 1997), in den 25 des Missbrauchs Beschuldigte freigesprochen wurden, nachdem man feststellte, dass die Vorwürfe auf Scheinerinnerungen beruhten. Die Kinder, die als Opfer des vermeintlichen Missbrauchs galten, waren alle von derselben Religionspädagogin intensiv befragt worden. Bei diesen Befragungen kam es zu Suggestionen seitens der Fragenden, die bei den Kindern falsche Erinnerungen an einen Missbrauch auslösten, der nie stattgefunden hatte.

Warum treten Scheinerinnerungen auf?

Klassische Situationen, in denen Scheinerinnerungen auftreten, sind Stresssituationen. Dazu gehören alltägliche Situationen, aber auch Traumata. Studien belegen, dass Menschen in Stresssituationen dazu neigen, sich auf Gegenstände zu konzentrieren, die für die jeweilige Situation konkrete Relevanz haben. Dadurch entstehende Lücken im Gedächtnis werden nachträglich ausgefüllt oder übermäßig unangenehme Passagen unbewusst verharmlost, sodass letztlich eine Erinnerung im Gehirn abgelegt wird, die nicht mit der tatsächlich erlebten Situation übereinstimmt.

Auch Zeugenaussagen sind eine Fundgrube an Scheinerinnerungen.

Nicht nur der Stress eines bezeugten Ereignisses, auch der Druck einer offiziellen Befragung kann dazu führen, dass Erinnerungen immer wieder überprüft und (oft in bester Absicht) angepasst werden, sodass falsche Erinnerungen entstehen. Es gibt heute Experimente, die zeigen, dass es möglich ist, einem Menschen eine falsche Erinnerung einzugeben, die er nach bestem Gewissen als Wahrheit wiedergibt.

In einer bekannten Reihe von Experimenten der Forschungsgruppe um Psychologin Elizabeth Loftus wurden die Probanden zu tatsächlichen und einem imaginären Ereignis aus ihrer Kindheit befragt. Bei dem imaginären Ereignis handelte es sich um einen Besuch in einem Einkaufzentrum, bei dem die Befragten angeblich ihren Eltern verloren gegangen waren. Mithilfe suggestiver Fragetechniken war es möglich, ein Viertel der Versuchspersonen von der Richtigkeit dieser Erinnerung zu überzeugen und dadurch eine Scheinerinnerung hervorzurufen. Bei späteren Experimenten durch andere Arbeitsgruppen wurden die Gedächtnisspuren von echten und falschen Erinnerungen gegenübergestellt. Die Zahl der Probanden, bei denen die in den Studien eingegebenen Scheinerinnerungen vergleichbare Spuren wie die von echten Erinnerungen zeigten, schwankt zwischen 15 und 30 Prozent.

Scheinerinnerungen im therapeutischen Kontext

Suggestive Fragen, die falsche Erinnerungen hervorrufen können, treten nicht nur im Bereich von Zeugenaussagen auf. Die meisten Fälle von Scheinerinnerungen, die heute bekannt sind, haben ihren Ursprung in der Psychotherapie oder ähnlichen Behandlungsmethoden. Das hängt damit zusammen, dass im Rahmen einer Therapie viele Faktoren aufeinandertreffen, die das Entstehen einer falschen Erinnerung begünstigen. Dazu gehört in erster Linie die permanente Wiederholung der scheinbaren Erinnerung. Je häufiger das Gedächtnis zu den imaginären Vorfällen befragt wird, desto bereitwilliger gibt es Informationen preis, nach denen die Person sucht, die versucht, sich zu erinnern.

Außerdem ist eine Logik innerhalb der Scheinerinnerung notwendig.

Diese kann im Zuge einer Psychotherapie dadurch entstehen, dass die therapierende Person Fachwissen zu dem möglichen Trauma einfließen lässt. Standartfälle und Beispiele können vom Patienten adaptiert und zu vermeintlich eigenen Erinnerungen zusammengesetzt werden.

Hinzukommt, dass ein gewisses Vertrauen in die Quelle der falschen Fakten die Entstehung einer Scheinerinnerung begünstigt. Da in einer Therapie zwischen Patient und Therapeut ein intimes Verhältnis besteht, ist es für den Therapeuten leicht möglich, den Patienten von Umständen zu überzeugen, die nicht seinem Gedächtnis entspringen.

Tatsächlich kommt es nur in einem Bruchteil der Therapien zu Scheinerinnerungen und viele davon sind auf unseriöse Arbeit zurückzuführen. Die meisten psychotherapeutischen Behandlungen erfüllen ihren Zweck und stellen eine große Hilfe für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten und Erkrankungen dar. Das Problem, wegen dem es immer noch hin und wieder zu Fällen von Scheinerinnerungen an Traumata und ähnliches kommt, ist, dass sich auch in Fachkreisen hartnäckig der Glaube hält, ein Trauma rufe in vielen Fällen eine Amnesie hervor, die durch eine Therapie aufgearbeitet werden könne.

Traumata werden – vor allem in der Psychoanalyse – als Ursache für später auftretende psychische Störungen angenommen. Davon ausgehend, dass Traumata verdrängt werden, suchen viele Therapeuten bei ihren Patienten nach einer solchen Ursache und wenden dabei unter Umständen bewusst oder unbewusst suggestive Fragetechniken an. Diese können bei häufiger Wiederholung der durch Suggestion hervorgerufenen Vorstellung zu einer Scheinerinnerung führen.

Die Frage, ob es möglich ist, ein Trauma nachhaltig zu verdrängen oder ein möglicherweise verdrängtes Trauma durch gezielte Befragung an die Oberfläche zu bringen, führte zu hitzigen Debatten in Fachkreisen, die als „memory wars“ in die Literatur eingingen. Noch heute wird das Thema zum Teil heftig diskutiert. Allerdings beinhaltet der wissenschaftliche Konsens inzwischen, dass Traumata in der Regel nicht verdrängt, sondern im Gegenteil oft lebhafter und unkontrollierter erinnert werden als andere Ereignisse. Der emotionale Stress des Traumas kann an sich zu Scheinerinnerungen führen, allerdings in den weitaus meisten Fällen nicht zu einer Amnesie, die ein Hervorholen der Erinnerungen nötig macht.

Die Konsequenzen

Die Wormser Prozesse sind ein Beispiel, welche Folgen Scheinerinnerungen haben können. Ungerechtfertigte Verdächtigungen oder Verurteilungen im juristischen Kontext ziehen nicht nur hohe Kosten nach sich, sondern vor allem persönliche Folgen für die Beteiligten. Schwerwiegende Anschuldigungen haben negativen Einfluss auf die Beschuldigten. Neben den psychischen Auswirkungen wird auch das Verhältnis zum privaten Umfeld schwer und oft nachhaltig geschädigt. Nicht selten hat ein Verfahren dieser Art lange vor dem Urteil negative Auswirkungen auf Beruf und Freundeskreis.

Auch diejenigen, bei denen Scheinerinnerungen auftreten, müssen mit teilweise schwerwiegenden Folgen rechnen. Dadurch, dass eine Scheinerinnerung für das Gehirn ab einem gewissen Punkt nicht von einer echten Erinnerung zu unterscheiden ist, reagieren Körper und Psyche, als habe das vermeintlich Erinnerte sich tatsächlich zugetragen. Die Folgen gehen im schlimmsten Fall bis hin zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) – aufgrund eines Ereignisses, das in der Realität nie erlebt wurde.

Glücklicherweise ist es möglich, Scheinerinnerungen aufzuarbeiten.

Wichtig für Betroffene ist, das Vertrauen in das eigene Gedächtnis wiederzuerlangen. Es ist ein langwieriger Prozess, bei dem neben Selbstvertrauen auch die ursprüngliche Erinnerung wiederhergestellt wird.

Das größte Problem ist, die Scheinerinnerung als solche zu erkennen. Meist ist der Zeitraum, den es braucht, um eine falsche Erinnerung zu entwickeln, deutlich kürzer, als der, in dem sie als falsch entlarvt wird. Bei einer Befragung von 2002 gaben die Teilnehmer im Schnitt einen Zeittraum von zwei Monaten für die Entwicklung ihrer Scheinerinnerung an, während sie fünf Jahre brauchten, um die Erinnerung als falsch zu identifizieren.

Erinnerungen können überprüft werden

Das menschliche Gehirn ist ein Wunder der Datenverarbeitung, aber hin und wieder zu kontrollieren, ob alles richtig verarbeitet wird, ist vor allem im Bezug auf das Gedächtnis einen Blick wert. Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens Scheinerinnerungen entwickeln. Die meisten halten sich in kleinem Rahmen und sind in der Regel harmlos, zum Beispiel wenn wir vergangene Ereignisse oder verstorbene Personen romantisch verklären.

Wenn es um einschneidende, vielleicht sogar traumatische Ereignisse geht, lohnt sich eine Überprüfung der Erinnerung – vor allem, wenn jemand unter dieser Erinnerung leidet.

Eine Scheinerinnerung zu erkennen ist schwierig…

… weil sie ab einem gewissen Punkt neuronal gleich zu realen Erinnerungen ablaufen. Hinweise, dass man sich falsch erinnert, können vor allem in der Entwicklung der Erinnerung liegen. Extrem belastende Erinnerungen, die vor einem bestimmten Zeitpunkt keine Rolle gespielt haben, dürfen kritisch hinterfragt werden – vor allem, wenn sie zunächst nur mühsam und erst mit der Zeit flüssiger und detaillierter zutagekommen. Das Gedächtnis muss sich erst an die unbekannten Informationen gewöhnen, die ihm bei Entwicklung einer Scheinerinnerung zugeführt werden. Erst mit der Zeit kann die vermeintliche Erinnerung flüssig abgerufen werden.

Außerdem können in Scheinerinnerungen Absurditäten und faktische Widersprüche auftreten.

Der Rechtspsychologe der Wormser Prozesse, Prof. Max Steller, berichtet beispielsweise von Kindern, die angaben, „die Soldaten des Bundeskanzlers kamen anmarschiert, um sie zu missbrauchen.“ Solche übermäßig unwahrscheinlichen oder nachweisbar unmöglichen Erinnerungen machen die Überprüfung leichter, treten allerdings nicht bei allen Scheinerinnerungen auf.

Tatsache ist, dass Scheinerinnerungen schwer zu identifizieren sind.

Wenn Zweifel an einer Erinnerung bestehen, ist es daher unbedingt ratsam, eine Fachperson aufzusuchen. Insbesondere traumatische Erinnerungen, egal ob falsch oder echt, sollten unbedingt mit psychologischer Unterstützung betrachtet werden. Auf diese Weise schützt du dich und dein Umfeld vor belastenden sozialen und gesundheitlichen Folgen.

Herzlichst
Anne