Findest du, du bist faul und wenig kritikfähig? Nimmst du alles persönlich und meinst, du kannst in keinem Team arbeiten? Wenn dazu auch Selbstausbeutung kein Fremdwort für dich ist, könnte es sein, dass du ein typischer Perfektionist bist, zu denen sich viele Hochsensible zählen. Auch ich habe viele Jahre lang unter meinem Perfektionismus gelitten, weil er mir entsetzlich viel Stress verursacht hat. Ich habe ihn mir selbst gemacht. Als ich das erkannt hatte, wurde es langsam besser.

Wusstest du, dass es zwei Arten von Perfektionisten gibt?

Sie unterscheiden sich in ihrer Motivation. Eines steht auf jeden Fall fest: Zu viel Perfektionismus im Job ist nicht zielführend, macht dich unglücklich und andere auch. Lass und den Perfektionismus bei der Arbeit genauer anschauen.

Was die Welt unter Perfektionismus versteht

In der Welt der Personalverantwortlichen oder übertrieben anspruchsvollen Eltern scheint Perfektionismus ein Sammelbegriff für tolle Eigenschaften zu sein. Etwa engagierte und absolut leistungswillige, jederzeit auch leistungsstarke und vor allem sehr verlässliche Menschen. Doch ist das wirklich so? Das scheinen die Normen zu sein, nach denen Perfektionisten zu streben scheinen.

Jedoch kann es sein, das andere unbewusste Motive dahinterstehen. Viele Perfektionisten möchten sich etwas beweisen und vor allem Hochsensible möchten meist etwas Negatives dadurch abwenden. Einfach nur der pure Wille, ein Ziel zu erreichen ist in den seltensten Fällen der Grund für den hohen, Stress erzeugenden Anspruch an sich selbst.

Ist dir schon aufgefallen, dass es oft die etwas chaotischen Typen sind, die so liebenswert erscheinen? Das es meistens die kreativen Leute sind, die tolle Sachen erfinden und das es vor allem die improvisierenden Führungskräfte sind, die zu findigen Unternehmern aufsteigen? Diese Menschen sind selten Perfektionisten. Diese findest du oft in Berufen wie Controlling oder im Ingenieurwesen.

Und das ist gut! Es gibt einfach Berufe, in denen es absolut keine Fehler geben darf! Für alle anderen Jobs ist Perfektionismus doch eher hinderlich, vor allem, wenn er ausschließlich den Arbeitsrhythmus regiert.

Der intrinsische Perfektionismus

Perfektionisten sind unterschiedlich motiviert. Es kann sein, dass die Motivation intrinsisch ist. Diese ist die innere, im Menschen selbst entstehende Motivation. Vielleicht kennst du sie ja? Sie führt dazu, dass du bestimmte Tätigkeiten einfach gerne machst, sie machen dir Freude, du empfindest sie als sinnvoll und interessant.  Bei der intrinsischen Motivation ist entscheidend, dass es keinen anderen Grund gibt für diese selbst initiierte Motivation als die eigenen Ansprüche.

Sobald die eigenen inneren Ansprüche durch externe Einflussnahme beeinflusst wurden, ist die Existenz von echter intrinsischer Motivation schon wieder fraglich. Natürlich sind wir alle nicht frei von Einflüssen von außen, einmal durch unsere Gene und natürlich auch als Ergebnis unserer Umwelt und Erziehung. Aber sagen wir es so: Wenn du für dich selbst alles perfekt machen willst, ist das eine nach innen gerichtete und in dir entstehende Perfektion, die ich den intrinsischen Perfektionismus nenne. Diese Form von Perfektion gilt erst einmal als gut. Denn du hast dann eine hohe Erwartungshaltung an dich selbst. Das ermöglicht es dir, sehr hoch gesteckte Ziele zu erreichen. Du willst stets wachsen und nicht stehen bleiben und bist immer daran interessiert, dich weiterzuentwickeln. Du hast quasi ein Bild von dir im Kopf, das du versuchst, zu erfüllen.

Was erst einmal so positiv klingt, kann sich schnell als Falle herausstellen und massiven Stress erzeugen. Während du damit beschäftigt bist, dich immer weiter zu optimieren, erlernt dein Gehirn eine ganz fatale Gleichung:
Erfolg = Selbstwert!
Leistung =Selbstwert

Ein anderes Problem ist der Ausschluss deiner Umwelt. Es kommt immer wieder vor, dass dieser Typ Perfektionist narzisstische Tendenzen zeigt, auch bei hochsensiblen Menschen. Er ist dann stark mit sich beschäftigt, fast schon fixiert und kann sich nur akzeptieren, wenn seine Selbstoptimierung gelingt. Sich wirklich mögen, kann er nicht. Selbstliebe und Selbstfürsorge sind für diesen Perfektionisten Fremdwörter.

Der extrinsische Perfektionismus

Die andere Art Perfektionismus ist durch externe Faktoren motiviert, daher nenne ich ihn den extrinsischen Perfektionismus. Hierbei wird fleißig nach Beifall gesucht und oft betrieben, was als fishing for compliments bezeichnet wird: Es geht um Anerkennung und Lob von anderen. Eng damit verbunden ist eine weitere – eher negativ konnotierte – Eigenschaft: Der Kontrollsucht.

Die Menschen mit extrinsischem Perfektionismus sind manchmal auch so perfektionistisch, weil sie anderen keine Angriffsfläche bieten wollen. Sie möchten sich vor einer Blamage schützen, vor jeder Art von Kritik und Ärger mit Kollegen und Vorgesetzten. In Familien mit Kindern von schlagenden Eltern kommt diese Form oft vor. Perfektionismus wird zu einem Schutzschild.

Das große Problem bei diesem, zu Recht als negativem Perfektionismus bezeichneten Typen ist, dass es eine Endlosschleife aus nach etwas streben, sich stressen und dann doch scheitern gibt. Im Grunde stecken also beide Typen in einer – wenn auch anderes motivierten – Perfektionismus-Falle, die massiven Stress erzeugt.

Der positive Perfektionismus: Die Gewissenhaftigkeit

Perfektionismus kann aber auch absolut positiv sein. Dann erzeugt er keinen Stress. Dieser gesunde Perfektionismus wird Gewissenhaftigkeit genannt. Sehr gewissenhafte Menschen haben erfüllte hohe persönliche Ansprüche, sind prima selbstorganisiert, verfügen über eine gesunde Fehlertoleranz und gehen nur angemessene leistungsbezogene Zweifel.

Der Perfektionismus, der wirklich belastenden Stress erzeugt, entsteht durch ein Missverhältnis zwischen „Soll“, „Ist“ und „Muss“. „Soll“ steht für das ideale Ergebnis. Das „Ist“ ist die persönliche Realität. Das „Muss“ entsteht dann, wenn das „Soll“ mit Ängsten besetzt ist.

Eine natürliche Diskrepanz zwischen „Soll“ und „Ist“ ist für den psychisch gesunden Menschen leicht zu ertragen und motiviert ihn dazu, sich weiterzuentwickeln. Ein Perfektionist, der an ungesundem Perfektionismus leidet, erträgt diese Spannung nicht, weil für ihn das (nie vollständig realisierbare) „Soll“ ein permanenter Vorwurf ist, noch nicht perfekt zu sein. Es geht dem Perfektionisten nicht um die Perfektion an sich, sondern um die damit verbundene bombensichere Unantastbarkeit.

Aber Achtung: Es gibt auch den Perfektionismus als Maske

Es gibt Menschen, die immer wahnsinnig beschäftigt aussehen. Sie scheinen (!) alle ihre Aufgaben mit unglaublicher Präzision und Gewissenhaftigkeit auszuüben. Doch nicht selten ist hier der Perfektionismus nur vorgetäuscht. Teilweise drücken sich diese Leute vor größeren Aufgaben oder vor wichtigeren Punkten auf ihrer To-Do-Liste.

Einige unter ihnen sind sogar faul und manche sogar planlos. Du kennst doch sicherlich diese Kollegen, die immer eine Sache machen und dafür ewig brauchen. Dafür bleibt ein und der selbst Task grundsätzlich übrig und das soll jemand anders machen. Nicht selten sagen sie Sätze wie „ich würde das ja machen, aber ich will noch eben dieses hier vernünftig erledigen und das braucht eben seine Zeit, bis es perfekt ist.“ Diese Erkenntnis bedeutet nicht, dass die Menschen bewusst ihre Fehler maskieren. Auch das ist oftmals ein antrainiertes Verhalten, mit dem Unangenehmes vermieden werden soll.

Warum Perfektionismus kontraproduktiv ist

  • Wenn du versuchst, etwas perfekt zu machen, gibst du Fehlern keine Chance. Durch Fehler lernst du jedoch besonders gut und nachhaltig. Wer keine Fehler macht, lernt langsamer oder gar nicht.
  • Du beraubst dich jeder Gelegenheit, kreativ zu sein. Kreativität kann nur entstehen, wenn du den sicheren Pfad beziehungsweise vorgefassten Plan verlässt.
  • Improvisation bleibt für dich ein Fremdwort. Das kann dazu führen, dass eine Sache oft 20 Jahre falsch oder übermäßig kompliziert erledigt wird.
  • Durch Perfektionismus versuchen Leute, es Menschen recht zu machen, die sie vielleicht noch nicht einmal kennen. Du lebst am Ende ein fremdgesteuertes Leben. Du bist nicht mehr sein Regisseur, auch wenn es den Anschein macht.
  • Nicht zuletzt bleiben echte Lebensfreude, Neugierde und die Lust, zu experimentieren auf der Strecke. Das ist schade, weil dich diese Dinge schneller zum Ziel bringen können, als sturer Perfektionismus.

Die Gefahr durch zu viel Planung

Es gibt jede Menge verschiedene Planungstools: Arbeitsbücher, Checklisten, Online-Programme, Apps. Wunderbar für Perfektionisten. Sicherlich können sie besonders chaotischen Menschen helfen. Diejenigen, die die Kunst des Planes jedoch wirklich beherrschen, sind die Perfektionisten.

Leider beherrschen sie es nicht nur gut, sondern es bereitet ihnen auch unsagbare Freude. To-Do-Listen Abhaken und neue erstellen – minutiös, wenn ich bitten darf – ist Balsam für die Perfektionisten-Seele! Ein Task abhaken ist der ersehnte innerer Schulterklopfer! Wunderbar. Nur entsteht dadurch ein neues stressiges Problem: Planen kostet Zeit. Und während sinnvolles planen am Ende Zeit spart, vergeudet nicht aufhörendes, detailverliebtes Planen kostbare Zeit. Das Ergebnis kann auch sein: Du fängst NIE an!

Darum ist es besser, wenn Perfektionisten sich vornehmen, direkt anzufangen.

Mache dir dein Ziel klar und fange einfach mal an.

Das klingt für dich nach einer Horrorvorstellung, oder? Kochen ohne Rezept oder Möbel aufbauen ohne Anleitung? Dann fange im Kleinen an. Das nächste Mal, wenn du zum Joggen losgehst, überlegst du dir weder die Strecke vorab, noch, wann du wie lange deine Sprintintervalle einschiebst. Mache es nach Gefühl und du wirst sehen, das macht Spaß und du wirst am Ende vielleicht viel weitergelaufen sein, als sonst.

Falls nicht, kannst du immer noch an deinem Vorgehen feilen. Übertrage deine neuen Erkenntnisse in andere Lebensbereiche. Deine Mitmenschen und werden den Wandel zu schätzen wissen.

Herzlichst
Anne