Wie oft wird danach gefragt, wessen Schuld etwas ist? Die Suche nach dem „Schuldigen“ an einem Missgeschick, einem Schaden verschlingt Unmengen an Ressourcen, Zeit und Energie. Meistens wird der „Täter“ nicht gefunden. Deswegen fühlt sich ein „Geschädigter“ weiterhin als „Opfer“, gelähmt und ohnmächtig.

Genauso dürfen wir uns die Frage stellen, wie sinnvoll es ist, sich schuldig zu fühlen. Doch helfen Schuldgefühle hier wirklich weiter? Und gibt es überhaupt Schuldgefühle? Oder geht es vielmehr darum, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst?

Schuld und Schuldgefühle

Das Wort „Schuld“ ist häufig religiös konnotiert und wird gern in Verbindung mit „Strafe“ gebraucht. Diese Assoziation führt bei denen, die Schuldgefühle verspüren, dazu, dass sie in ihren Handlungsoptionen sehr eingeschränkt sind. Eine Last liegt auf ihren Schultern, weil sie Angst vor der Bestrafung haben.

Für die Empfindung von Schuldgefühlen spielt es übrigens überhaupt keine Rolle, ob derjenige tatsächlich „schuldig“ oder in Wahrheit das Opfer der Schuld eines anderen ist.

Dies führt zu einem zentralen Missverständnis im Umgang mit Schuldgefühlen:

Schuld ist gar kein Gefühl!

Schuld scheint eine Tatsache zu sein. Jemand hat etwas Verbotenes getan, absichtlich oder aus Versehen Dinge beschädigt, einen Unfall verursacht oder jemanden gekränkt. All diese Punkte sind Ereignisse, Handlungen, die in der Vergangenheit geschehen, aber nicht rückgängig zu machen sind.

Sicher ist es wichtig, Schäden zu beheben oder wenigstens zu kompensieren. Aber es ändert nichts daran, dass der Schaden entstanden ist.

Zur Feststellung dieser Tatsachen bedarf es keinerlei Gefühle. Schuldgefühle, die diejenigen empfinden, die falsche oder ungeschickte Handlungen begangen haben, sind in Wirklichkeit gar keine Schuldgefühle, sondern Reue, Mitleid und vor allem Scham.

Und vor allem:

Es sind GEDANKEN, BEWERTUNGEN, VERURTEILUNGEN.

Die wir uns selbst zufügen, unabhängig, wie relevant diese Auslöser eigentlich sind.

Wichtig ist zu erkennen, dass all diese Gedanken und die daraus entstehenden Gefühle auf die Vergangenheit gerichtet sind. Sie spielen bei der Bewältigung der Gegenwart oder gar der Zukunft keine konstruktive Rolle. Im Gegenteil – sie paralysieren und verhindern dadurch eine positive Einstellung gegenüber dem Kommenden.

Schuld oder Verantwortlichkeit

Wer versucht, trotz niederschmetternder Erfahrungen oder zufälliger Unfälle nicht das Opfer seiner eigenen Gefühle zu werden, sollte sich mit dem Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung auseinandersetzen. Während Schuldgedanken und daraus reduzierende Reue und ein schlechtes Gewissen zumeist zu sehr drückenden Gefühle führen, erwächst aus der Erkenntnis, für das eigene Leben selbst verantwortlich zu sein, eine grandiose Stärke.

Schuld und Verantwortung werden leider sehr oft miteinander vermischt und missverständlich verwendet. Dabei liegt der Unterschied ganz offensichtlich auf der Hand:

War der Umstand, durch den es zur Schuld gekommen ist ,noch eine aktive Handlung, erweist sich die Suche nach dem Schuldigen als eine äußerst passive Angelegenheit. Denn man stochert in der Vergangenheit herum, an der es nichts mehr zu verändern gibt.

Zudem bekennt sich ein „Schuldiger“ ungern freiwillig zu seiner Schuld und wird deswegen alles daran setzen, nicht als solcher erkannt zu werden. Vielleicht gibt es nicht einmal „den einen Schuldigen“. Vielleicht ist ohnehin alles nur ein Gedankenkonstrukt, das sich einfach nicht beweisen lässt. Vielleicht neigst du zu übergroßer Selbstkritik, die weit von der Realtität entfernt ist?

Während du also auf der Suche nach Schuld eine passive Haltung zu deinem Leben einnimmst, gibt dir Verantwortung wieder das Heft des Handelns zurück in die Hand. Du bist derjenige, der für dein Leben zuständig ist. Jetzt, in diesem Moment. Du und kein anderer. Das bedeutet für dich, dass du nicht mehr darauf zu warten brauchst, dass irgendjemand deine Probleme löst. Denn das ist ab sofort deine Aufgabe.

Freiheit und Verantwortung

Das Wort „Freiheit“ ist immerzu in aller Munde. Jeder will unbedingt „seine Freiheit“. Was aber bedeutet „Freiheit“ für dich? Dass du tun und lassen kannst, was du willst, so lange du niemandem schadest? Dürfen die anderen das dann auch? So lange sie dir nicht schaden?

Was heißt hier „schaden“?

Freiheit ist ein schöner Wert, doch für viele nur in dem Maße erstrebenswert, wie sie nicht die Konsequenzen ihrer Handlungen tragen – Verantwortung übernehmen müssen.

Doch welche Freiheit soll das sein?

Die Freiheit unter verschiedenen Handlungsmöglichkeiten zu wählen, ohne für die Auswirkungen der Handlungen verantwortlich zu sein? Freiheit ohne Verantwortung existiert nicht. Umgekehrt heißt das für dich, übernimmst du Verantwortung für dein Leben, eroberst du dir Freiheit zurück und wirst dein eigener Herr.

Vielleicht hört sich das zuerst sehr hart und kaltherzig an.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Es ist ein Ansporn, eine wirkliche Chance, das eigene Leben zu gestalten und endlich etwas daraus zu machen. Für sich selbst Aufgaben zu bewältigen und an ihnen zu wachsen. Gerade weil Verantwortung nicht von außen kommt, sondern deinem eigenen Willen entspringt. Das ist die Definition von Freiheit.

Leider begegnen einem immer wieder Menschen, die entweder nicht in der Lage dazu sind oder es aus Gründen der Bequemlichkeit gar nicht einsehen, Verantwortung zu übernehmen. Sie sprechen zwar von nichts anderem als von ihrer Verantwortung, sind aber unauffindbar, wenn echte Probleme in der realen Welt gelöst werden müssen. (Sehr prominent vertreten sind an dieser Stelle bekanntlich Politiker.)

Dabei wäre dieses fehlende Verantwortungsbewusstsein möglicherweise allein dadurch zu beseitigen, dass man auf die Verwechslung von Schuld und Verantwortung hinweisen würde. Natürlich will niemand „schuld sein“. Frei und damit verantwortlich vielleicht schon.

Die Moralfalle Schuld

Søren Kierkegaard war der erste Philosoph, der erkannte, dass der Mensch frei sei und dies bedeute, dass er bei Entscheidungen auf sich und sein Selbst angewiesen sei. Durch seine Wahl schließe er das Zufällige aus und übernehme deshalb Verantwortung dafür, dass er es ausgeschlossen habe. Diese Notwendigkeit zur Freiheit mache die Suche nach dem Sinn des Lebens aus.

Vereinfacht gesagt: Durch das Übernehmen der Verantwortung für deine Entscheidungen, erschaffst du dir Sinn, deine eigene Welt.

In seinem Werk „Entweder – Oder“ notiert Kierkegaard deshalb:

„Das Gute ist dadurch, dass ich es will, und sonst ist es gar nicht.“

Durch genau diese Erkenntnis, dass nämlich jeder Mensch frei sein und für sich Gutes erreichen kann, indem er Verantwortung für sein eigenes Leben übernimmt, entkommst du der ewigen Moralfalle namens Schuld. Wer nämlich ununterbrochen in der Vergangenheit auf der Suche nach Schuldfragen herumstöbert, ist außerstande, sich auf das Eigene zu konzentrieren und sich somit verantwortlich für das eigene Handeln zu fühlen.

Oder anders ausgedrückt: Wenn du dich ausschließlich damit beschäftigst, was andere über dich denken, erfüllst du die Erwartungen der anderen. Das ist das Gegenteil von Verantwortung und Freiheit.

Vergangenheit oder Zukunft?

Was du immer ändern kannst, ist dein Leben jetzt und in der Zukunft. Darum sind Schuld und Verantwortung eigentlich das Gegenteil: Die Schuldfrage will Vergangenes erklären, während sich die Verantwortung auf die Gestaltung der Zukunft bezieht.

Der Opferstatus

Viele Menschen wollen unbedingt, dass sich jemand, der ihnen Schaden zugefügt hat, zu seiner Tat „bekennt“. Derjenige, der verletzt hat, muss eingestehen, dass er schuldig ist und bereut.

Besser noch: der Täter soll selbst so sehr an seiner Schuld leiden, wie sein Opfer unter der Tat. Etwas altmodisch ausgedrückt: Der Täter muss seine Schuld sühnen. In grauer Vorzeit, als Religionen die Moral beherrschten, mag durch Reue, Buße und Bestrafung eine Art Genugtuung bei Opfern zu spüren gewesen sein.

Wie man anhand von Missbrauchsfällen, aber auch schlichtweg misslungenen Eltern-Kind-Beziehungen erkennen kann, helfen weder das Eingeständnis des Täters, noch seine Verurteilung bzw. Reue, so lang sich das Opfer weiterhin als Opfer fühlt und sich dementsprechend verhält.

Denn was zeichnet ein Opfer vor allem aus?

Seine Passivität, sein Leiden, der Blick in die Vergangenheit und häufig auch die Unmöglichkeit, das Geschehene wirklich zu begreifen.

Psychologen versuchen daher in Therapien einen gewissen Grad an Eigenständigkeit beim Opfer herzustellen. Dies geschieht durch gezielte Aufarbeitung und Benennung der Tat. Ohne die Mitarbeit des Opfers ist jedoch auch der Psychologe machtlos. Man versinkt im Leiden. Mitarbeit des Opfers ist hierbei ausdrücklich als mentale Ausrichtung auf die Zukunft zu verstehen. Nur durch die Abwendung von der passiven Gegebenheit der Vergangenheit entsteht wieder Möglichkeit.

Warum sind wir so gern Opfer?

Zwar wirkt es widersinnig zu behaupten, jemand verharre in seinem Opferstatus, da dies ja auch bedeutet, dass er sich an sein Leiden klammert. Doch beinhaltet der Status eines Opfers auch eine gewisse Bequemlichkeit. „Man kann ja doch nichts ändern.“ Oder: „So war das doch schon immer bei mir. Niemals gelingt mir etwas.“

Dies sind typische Opfermentalitäten. Aus ihnen spricht der Komfort der Passivität und Angepasstheit an die Erwartungen anderer.

Anzeichen für ein Verharren im Opferstatus:

  • Wenn du nichts ändern kannst, brauchst du nichts zu tun. Jemand anders ist eben schuld.
  • Wenn sich nichts ändert, bleibst du bei deinen Gewohnheiten. Da der Mensch nun einmal ein Gewohnheitstier ist, fühlt er sich bei allem, was ihm vertraut ist, wohl – und sei es bei seinem Dasein als Opfer.
  • Verantwortung ist anstrengend. Du müsstest dir deine eigenen Gedanken machen und selbst entscheiden. Etwas, das viele Menschen gar nicht gewohnt sind, vielleicht noch gar nicht gelernt bzw. verstanden haben.
  • Opfer erfahren Mitleid. Das klingt banal, ist aber so. Mitleid ist eine sehr wohltuende Art von Aufmerksamkeit, die der Eitelkeit eines jeden sehr schmeichelt. Darum sollte man sich gut überlegen, ob man in der aktuellen Situation wirklich auf das Mitleid anderer angewiesen ist.

Beantworte dich selbst

Verantwortung zu übernehmen hat ganz viel damit zu tun, sich selbst auf eigene Fragen eine Antwort zu geben. Du wartest nicht darauf, dass jemand dich bei der Hand nimmt, dir die Welt erklärt und dir sagt, was du tun sollst. Du suchst selbst Antworten auf die Fragen, die dich beschäftigen.

Kommst du beispielsweise nicht darüber hinweg, was dir jemand angetan hat, hörst du auf, darauf zu warten, dass dieser dein Leid anerkennt oder sich bei dir entschuldigt. Es wird nicht geschehen.

Also gib dir selbst die Antwort, die du erwartest: Lass nie wieder zu, dass jemand dich so verletzt! Du hast selbst in der Hand, wen du an dich heranlässt und wen nicht! Du entscheidest, in Eigenverantwortung, was du empfindest und wie sich das auf dein Leben auswirkt. Dein Glück bestimmst du selbst! Schuld wird irrelevant, wenn du für dich Verantwortung trägst.