Selbstbild und Fremdbild:  Nur wenn beide Seiten der Medaille glänzen, stehen dir alle Türen offen. Nehmen dich andere Menschen wirklich so wahr, wie du bist? Wenn nicht, wirst du besser zurechtkommen, wenn du dein Selbstbild und die Fremdbilder von dir mehr aufeinander zubewegst.

In diesem Artikel erfährst du, wie die Diskrepanzen entstehen, wann sie gefährlich werden; und wie du Selbstbild und Fremdbild durch Selbstreflexion näher zueinander führst.

Selbst-Wahrnehmung und Fremd-Beurteilung

„Selbstbild“ nennen Psychologen die Summe der Vorstellungen, aus denen sich unser Bild über uns selbst zusammensetzt: Wie beurteilen wir selbst unsere Anlagen und Fähigkeiten, unsere Stärken und Schwächen?

Diese Selbst-Beurteilung trifft bei Individuen, die in sozialen Gemeinschaften leben, ständig auf Fremdbilder: Mit diesem Begriff fassen Sozial- Psychologen die Summe der Eindrücke zusammen, die sich andere Menschen von uns machen (und wir uns von anderen Menschen machen) – wobei diese Eindrücke gewöhnlich recht undifferenziert zu „einem Fremdbild“ zusammengefasst werden, mit eher positiver oder eher negativer Konnotation.

Wenn Selbstbild und Fremdbild auseinanderklaffen, hat das Auswirkungen auf das seelische Befinden einer Person und auf ihre Interaktionen in und mit der Gemeinschaft:

  • Wenn sich ein Mensch für schwach und verletzlich hält, wird er nur zögerlich handeln und sich keine „großen Aufgaben“ zutrauen
  • Wenn dieses Selbstbild stimmt und mit dem Fremdbild übereinstimmt, werden auch andere diesen Menschen schonen und ihm die Bewältigung großer Aufgaben nicht zutrauen
  • Wenn dieses Selbstbild stimmt, das Fremdbild aber „nur von Stärke spricht“, wird dieser Mensch überfordert, bis er seine Aufgaben nicht mehr bewältigen kann und im „Burn-out“ landet
  • Sollte dieser Mensch jedoch nicht so schwach sein, wie sein Selbstbild und die daraus entwickelten Fremdbilder vorgeben, lebt er in ständiger Unterforderung, die ebenfalls seelisch krank machen kann (es gibt auch einen „Bore-Out“, der genau diese Unterforderung beschreibt)

Diese Wechselwirkungen von Selbstbild und Fremdbild können mit allen menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten durchgespielt werden – wobei du sehr schnell das gewaltige persönliche und gesellschaftliche Potenzial der Diskrepanzen von Selbst- und Fremdbild erahnen wirst. Jetzt geht es aber erst einmal um die Entstehung dieser Bilder:

Wie und womit „malen“ wir das Bild von uns selbst, wie formen andere ihr Bild von uns?

Selbstbild und Fremdbild an Beispielen

Das Bild, das ein Individuum von sich selbst „in sich trägt“, formt sich seit frühester Kindheit aus all den Erfahrungen, die die betreffende Person bei der Interaktion mit ihrer Umwelt und mit anderen Menschen macht:

  • Wenn sich ein Erwachsener über ein kleines Kind beugt, nimmt das Kind diesen Menschen als groß wahr
  • Wenn eine 14-jährige erwachsene weibliche Körper vor allem aus Mode-Illustrierten kennenlernt, nimmt sie sich selbst als dick wahr

Wenn jemand größer als ein vierjähriger Steppke ist, heißt das aber noch lange nicht, dass er auch objektiv zu den großen Menschen zählt. Wenn ein Teenie sein Körperbild nach stark krankheitsgefährdeten Magermodels formt, lässt das keine logischen Rückschlüsse auf Figur und Gewicht dieses Mädchens zu.

Unsere Bilder von anderen formen wir ebenfalls aus Erfahrungen; wenn keine Zeit zum längeren Annähern und Überdenken des Eindrucks ist, greifen wir dabei auf erlernte Pauschalurteile zurück:

  • Kevin wird wegen „bildungsferner Herkunft“ schon vor den Bewerbungsgesprächen aussortiert, weshalb sein 170er-IQ dem Konkurrenten zugute kommt
  • Der Mann im Monteuranzug ist für uns ein „Working Man“ ohne akademische Ausbildung, auch wenn dieser hochintellektuelle Künstler gerade mit dem „Praemium Imperiale“ ausgezeichnet wurde
  • Das Bild, das andere von dir haben, wird auch erst einmal durch solche Kleinigkeiten beeinflusst – wobei der erste Eindruck mehr als hartnäckig ist

Und so weiter – schon die „objektiven“ Bilder, die wir uns von uns selbst und anderen machen, sind also höchst störanfällig. Dazu sind sie auch noch unser ganzes Leben im Wandel, weil jede neue Erfahrung die Sicht auf bestimmte Dinge etwas verändert.

Das war bloß noch nicht alles – denn mit Objektivität hat die Entstehung von Selbst- und Fremdbildern in Wirklichkeit nur sehr wenig zu tun:

Warum decken sich Selbstbild und Fremdbild häufig nicht?

Die objektiven Eigenschaften, Anlagen und bereits ausgebildeten Fähigkeiten, die eine bestimmte Person charakterisieren und diese Person zu einem unverwechselbaren Individuum machen, werden „personale Identität“ genannt. Diese personale Identität ist ein psychologischen Konstrukt; eine ideelle Vorstellung, die nur wenig Bezug zum realen Leben der meisten Menschen aufweist. Eine personale Identität müsste von objektiven, unabhängigen Menschen in objektiven, unabhängigen Tests ermittelt werden, und das nach jeder neuen Erfahrung aufs Neue.

Die personale Identität, die in unserem Leben tatsächlich eine Rolle spielt, wird sehr viel mehr von unserem Selbstbild und den diversen Fremdbildern unserer Person bestimmt – die zur objektiven personalen Identität den entscheidenden Unterschied aufweisen, dass sie zu recht großen Anteilen durch subjektive Einstellungen bestimmt werden:

Gerade wurde gezeigt, welche Fallen schon bei den Rückschlüssen aus realen Erfahrungen lauern. Weil unser Bild von uns und anderen aber immer unvollständig ist (weil kein Mensch alles „erfahren“ kann, was auf dieser Welt möglich ist), schwebt über dieser ganzen Selbst- und Fremdbild-Entstehung noch eine generelle Mega-Falle: Je schwieriger es für den jeweiligen Menschen ist, bei der Entwicklung eines Selbst- oder Fremdbilds auf objektive Kriterien zurückzugreifen, desto eher wird die tatsächliche Wahrnehmung durch Wünsche, vorgefasste Meinungen („Vorurteile“), von anderen übernommenen Idealen ergänzt – bis ein Bild entstanden ist, mit dem wir (vermeintlich) etwas anfangen können.

Überprüfe dein Selbstbild und altes Fremdbild aus der Kindheit

Wo es an Erfahrungen, Wissen, Nachdenken fehlt, werden Grundzüge herangezogen, die wir in der Kindheit gelernt haben. Manche dieser Grundzüge haben aber schon unsere Eltern falsch von ihren Eltern übernommen, andere wurden uns in der Schule zusammenhanglos verzerrt oder von außerschulischen Autoritäten falsch beigebracht, die nächsten kamen in unserer Kindheit als wissenschaftliche Neuerung daher und wurden erst 50, 60 Jahre später als Fehleinschätzung oder auch als schlichter Betrug entlarvt.

In der Realität haben wir es deshalb oft mit einem Bild von uns selbst zu tun, das seit der Kindheit durch zahlreiche (bewusste oder unbewusste) „Angriffe“ durch uns selbst und durch andere gestört und dabei oft erheblich „verformt“ wird.

Dieses Selbstbild trifft nun auf Fremdbilder…

… die auch nicht viel mit der Realität zu tun haben müssen – weil der Mensch, der sich da gerade ein Bild von uns macht, bei seiner Wahrnehmung ebenso oft von Vorurteilen und Fehlinformationen beeinflusst wird. Außerdem spielen bei der Bewertung anderer Personen Gefühle gleich eine zweifache Rolle: Die Gefühle, die der (erste) Eindruck der anderen Person in uns weckt und die Gefühle, die durch den Kontakt mit dieser Person befriedigt werden sollen.

Unsere Selbstwahrnehmung wird wiederum ständig mehr oder weniger stark durch die Fremdbilder beeinflusst, die andere uns spürbar oder durch Äußerungen entgegenbringen. Und unser Selbstbild kommt auch noch sehr oft wie eine Art „Voranmeldung“ daher, die unweigerlich ein ganz bestimmtes Fremdbild heraufbeschwört. Als wenn all das noch nicht schwierig genug wäre, kommt dann noch dazu, dass mitunter das gesamte Selbstbild der Gesellschaft nicht mit dem Empfinden des Einzelnen übereinzustimmen scheint, und dass diese (vermutete) Abweichung die persönliche Selbsteinschätzung in erheblichem Maß beeinflussen kann.

Ist es da ein Wunder, dass Selbstbild und Fremdbild eines Menschen in der Regel nicht deckungsgleich sind? Sicher nicht, eine gewisse Diskrepanz von Selbstbild und Fremdbild ist vielmehr fast unvermeidlich und ziemlich normal.

Die Selbstbild-Fremdbild-Inkongruenz kann aber auch so stark ausgeprägt sein, dass sie den Betroffenen selbst und/oder seine Umgebung beeinträchtigt: Wenn das Selbstbild stark negativ vom Fremdbild abweicht, kann das dadurch veränderte Verhalten selbstverstärkend wirken, Depressionen verursachen, Anlass für eine Lebenskrise geben.

Wenn Fremdbild und Selbstwahrnehmung deutlich voneinander abweichen, leidet das Selbstbewusstsein. Der Mensch lebt am besten und kann auch seine Ziele am besten verwirklichen, wenn das Selbstbewusstsein möglichst intakt und gesund ist.

Falschen Selbstbildern auf die Spur kommen: Warum es mit dem üblichen „Feedback“ oft nicht getan ist

Bereits 1955 haben die amerikanischen Sozialpsychologen Harry Ingham und Joseph Luft an der University of California, Los Angeles ein Kommunikationsmodell zum Selbst- und Fremdbild entwickelt.

Das nach den Entwicklern „Johari Fenster“ genannte Modell illustriert kurz und einleuchtend, dass die Wahrnehmung/Einschätzung anderer Personen schon deshalb so schwierig ist, weil diese Medaille in Wirklichkeit vier Seiten hat.

Johari Fenster

Das Johari-Fenster

Das Johari Fenster wird oft zur Arbeit mit Teams genutzt, die ständig und recht eng zusammen arbeiten. Wenn dadurch in der betreffenden Runde eine vernünftige Kommunikation über Selbstbilder und Fremdbilder angeregt werden kann, kann diese die Bilder und das gegenseitige Verständnis für diese Bilder sicher verbessern und vielleicht auch unter den Team-Mitgliedern neues Vertrauen aufbauen, was dann die Zusammenarbeit vereinfacht.

Wenn jedoch bei einem Teil der Team-Mitglieder überhaupt kein Interesse besteht, sich mit der eigenen Selbstwahrnehmung oder möglichen Fehlern in der eigenen Fremdwahrnehmung zu beschäftigen, wird es schwierig mit der Korrektur falscher Selbst- oder Fremdbilder.

Dann kannst dann aber immer noch am eigenen Selbst- und Fremdbild arbeiten – was dir den „Umzug“ in eine wertschätzendere Umgebung erheblich erleichtern kann.

Prüfe deine Selbstwahrnehmung durch Feedback

Dazu wird meist als erste Maßnahme vorgeschlagen, sich Feedback von anderen einzuholen. Eine prima Idee, wenn du in deiner Umgebung Menschen zur Verfügung hast, die in einer wertschätzenden Art ihr Bild deiner Person mit deinem Selbstbild vergleichen und dich mit konstruktiver, fördernder Kritik zu Korrekturen deines Selbstbilds anregen.

Wir leben jedoch in einer streng arbeitsgeteilten Welt, in der dir nicht unbedingt die Menschen als Berater zur Verfügung stehen, die sich mit dem Spezialgebiet auskennen, in dem dein Selbstbild gerade gerückt werden muss.

Das ist jedoch nicht schlimm, weil die Menschen, die dir Feedback geben, ohnehin nicht dazu da sind, „dir ein neues Selbstbild zu bauen“. Sondern sie tun nicht mehr, als deine Fähigkeit der Selbstreflexion zu trainieren, und das kannst du auch sehr gut selbst in die Hand nehmen:

Du kannst z. B. das Johari-Fenster nutzen, um auf deiner ganz persönlichen Forschungsreise deine Eigenwahrnehmung zu ergründen.

  • Du kannst weitere Informationen zum Thema lesen, das auch in vielen berühmten Romanen berührt wird.
  • Du kannst mit allen möglichen Menschen in deiner Umgebung über Selbstreflexion philosophieren.
  • Du kannst dir neue Umgebungen suchen, in denen du z. B. mit Achtsamkeitsübungen lernt, die Erwartungen Außenstehender an dich besser zu erkennen.
  • Du kannst dich den Fundamenten der Logik annähern, um unbegründete Selbstzweifel (und Ängste) aus dem Weg zu räumen.
  • Du kannst dich mit den menschlichen Bedürfnissen beschäftigen, die sowohl im Rahmen der Selbstwahrnehmung als auch beim Entwurf von Fremdbildern eine große Rolle spielen.
  • Du kannst mehr über Kommunikation lernen, damit auch ankommt, was du zu dir selbst und anderen sagen willst; dieser hervorragende Wikipedia-Artikel bietet einen guten Einstieg.

Mach dich einfach auf, du musst ohnehin „deinen persönlichen Weg“ finden – sich selbst besser kennenzulernen, ist auf jeden Fall spannend und sehr lohnend! Wenn du lernst, dein Selbstbild und das Fremdbild deiner Person selbst zu beeinflussen, stehen dir alle Wege offen in dieser Welt.

Herzlichst
Anne