Wir alle empfinden manchmal Scham. Sie ist unangenehm, hilft uns aber, die Grenzen unseres Wohlempfindens und Verhaltens zu erkennen und einzuhalten. Doch nicht immer bleibt die Scham selbst innerhalb gesunder Grenzen. Viele hochsensible und vielbegabte Menschen entwickeln toxische Scham, ein übergroßes Schamgefühl, durch ihr „Anderssein“ und die Unterscheidung von den meisten Menschen:

Wenn die Scham zum Dauerzustand wird oder zu intensiv auftritt, wird sie toxisch und kann das ganze Leben beeinträchtigen. Doch wie kannst du toxische Scham von einem gesunden Schamgefühl unterscheiden? Wo liegen die Grenzen der Scham und wie bringst du sie dorthin, wenn du erkennst, dass du an toxischer Scham leidest?

Wozu dient die Scham?

Scham ist ein extrem unangenehmes Gefühl. Sie teilt uns mit, dass wir etwas getan haben, das uns unzufrieden mit uns selbst macht. Wir verachten uns für diese Handlung oder erwarten, dass andere Menschen uns dafür verachten oder verachten werden.

Bei einem gesunden Schamgefühl liegt das daran, dass wir mit unserer Handlung eine moralische Grenze überschritten oder unsere persönlichen Werte oder auch die Werte unserer Gesellschaft verletzt haben. Dementsprechend dient das Schamgefühl dazu, uns in unsere Grenzen zurückzuverweisen und eine Wiederholung der bedenklichen Handlung zu verhindern.

Im Idealfall tritt die Scham sogar schon vor der Tat auf und bringt uns dazu die Handlung abzubrechen, bevor andere von ihr erfahren und sich verletzt oder brüskiert fühlen können. So hilft uns die Scham, Werte zu leben und ein zivilisiertes Miteinander der Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Schamgefühl und Selbsteinschätzung

Ein gesundes Schamgefühl hilft uns aber auch unsere eigenen Fähigkeiten richtig einzusetzen. Es macht uns darauf aufmerksam, wenn eine Aufgabe unsere Kenntnisse übersteigt und wir Hilfe benötigen. So verhindert es, dass wir uns durch Selbstüberschätzung gefährden. Es warnt uns, wenn wir Gefahr laufen, überfordert zu werden. Insofern ist das Schamgefühl also auch mit dem Selbstvertrauen verwandt.

Ein gesundes Selbstvertrauen ist die Grundlage für die richtige Einschätzung unserer Leistungsgrenzen und somit für das Eingreifen der Scham zum richtigen Zeitpunkt. Auch darf dich ein gesundes Schamgefühl nicht daran hindern, gegenüber einem anderen Menschen einzugestehen, dass du etwas nicht kannst, und ihn darum zu bitten, dir dabei zu helfen oder die Aufgabe einem anderen zu übertragen.

Insofern ist also auch ein gesundes Selbstwertgefühl, das Vertrauen, dass du trotz deiner Begrenzung noch Wert für dich selbst und den anderen hast, wichtig für ein gesundes Schamgefühl.

Was ist toxische Scham?

Toxische Scham besteht dann, wenn die Einschätzung der Grenzen aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dann tritt das Schamgefühl auch dann auf, wenn du etwas tust, das von deinen Mitmenschen als vollkommen in Ordnung betrachtet wird. Anstatt dich gelegentlich zu schämen, wenn du eine Grenze überschritten hast, schämst du dich fast ständig.

  • Du denkst nicht, dass du einen Fehler gemacht hast, den du in Zukunft nicht wiederholen solltest, sondern empfindest dich selbst als einen Fehler.
  • Du hast das Gefühl, dass alles an dir schlecht oder unzulänglich ist und andere Menschen dich verachten, weil du keinen Wert für sie oder die Gesellschaft hast.
  • Du glaubst es nicht wert zu sein geliebt oder für deine Arbeitsleistung bezahlt zu werden. Dieser Zustand macht es dir unmöglich, deine Grenzen richtig einzuschätzen und dich an ihnen zu orientieren.

Das kann sich nach außen in einem niedrigen Selbstwertgefühl, Co-Abhängigkeit, Perfektionismus oder auch einer Suchterkrankung auswirken.

Toxische Scham und Selbstwert

Es ist vollkommen normal, wenn du dich in manchen Bereichen deines Lebens sicherer und wertvoller fühlst als in anderen. So bist du am Anfang deines Berufslebens zum Beispiel ein wenig unsicher, was deine Arbeitsleistung betrifft. Du hast noch keine Erfahrung und siehst, dass deine Kollegen die dir gestellten Aufgaben schneller oder besser erledigen könnten als du.

  • Ein gesunder Selbstwert sagt dir aber auch, dass das eben an der größeren Erfahrung der Kollegen liegt und du mit der Zeit genauso gut werden wirst wie sie.
  • Toxische Scham führt dagegen dazu, dass du dich in allen Lebensbereichen unterlegen fühlst oder erwartest, dass du immer schlechter als die anderen bleiben wirst.

Toxische Scham und Abhängigkeit

In einer gesunden Beziehung zwischen zwei Menschen ist es vollkommen normal, dass man sich der Bedürfnisse und Wünsche des anderen bewusst ist und gelegentlich die eigenen Wünsche zurückstellt, um Bedürfnisse des anderen zu erfüllen.

  • Wenn du aber dabei deine eigenen Bedürfnisse über den Wünschen einer anderen Person vergisst oder nur noch das Bedürfnis empfindest, Lob, Bestätigung und Aufmerksamkeit von deinem Partner oder deiner Partnerin zu bekommen, hast du die Grenzen deiner eigenen Person aus den Augen verloren.
  • Das geschieht wenn toxische Scham deine Fähigkeit zerstört hat, dein Selbst zu erkennen und zu beurteilen. Dann bist du abhängig vom Feedback von außen, um dich selbst positiv wahrnehmen zu können.

Toxische Scham und Perfektionismus

Auch beim Perfektionismus entsteht ein Teufelskreis.

  • Wenn du dich unzulänglich fühlst, gehst du davon aus, dass andere Menschen bessere Leistungen erbringen als du und du daher deine Leistung verbessern musst, um den Ansprüchen zu genügen.
  • Du setzt dir selbst unrealistisch hohe Leistungsziele, die die Grenzen deiner Fähigkeiten übersteigen.
  • Bei jeder kleinen Kritik am Ergebnis und jedem Fehler, den du entdeckst, hast du das Gefühl, versagt zu haben, und legst die Messlatte noch etwas höher.
  • So übersteigen deine Erwartungen an dich selbst bald auch die Fähigkeiten von anderen, die möglicherweise zu Anfang tatsächlich etwas besser waren als du.

Du musst zwangsläufig immer wieder versagen und hast keine Erfolgserlebnisse mehr. Dadurch sinkt dein Selbstwertgefühl immer weiter und die toxische Scham wächst.

Wie entsteht toxische Scham?

Die Ursache der toxischen Scham ist meistens in der Kindheit zu finden. Als Babys sind wir alle den Menschen um uns unterlegen gewesen. Wir mussten unsere Fähigkeiten erst im Laufe der Kindheit und Jugend entwickeln und erlernen. Dabei haben wir alle Niederlagen, Verletzungen und Scham über unsere Unterlegenheit erlebt. In einer gesunden Kindheit werden diese Erfahrungen durch Erfolgserlebnisse, Trost und Lob von Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen ausgeglichen. Sie lehren das Kind, zu erkennen, wo seine Grenzen sind und kalibrieren dadurch das Schamgefühl. Doch allen Eltern unterlaufen Erziehungsfehler. Dabei kann es sowohl auf aktive als auch auf passive Weise zu einer falschen Kalibrierung des Schamgefühls und in der Folge zu toxischer Scham kommen.

1. Die aktive Entstehung

Bei der aktiven Variante der Entstehung von toxischer Scham reagieren die Eltern oder andere Bezugspersonen auf Fehler, Niederlagen und Enttäuschungen des Kindes mit aktiv das Selbstwertgefühl schädigenden Handlungen. Dabei kann es sich um Spott oder Auslachen für seine Unwissenheit oder Ungeschicklichkeit handeln. Es kann aber auch gut gemeinter Leistungsdruck oder Strenge aufgrund überzogener Erwartungen in Bezug auf die Fähigkeiten des Kindes sein. Oder es kann sich um ausgeprägten emotionalen oder körperlichen Missbrauch handeln. In jedem Fall erhält das Kind immer wieder die Rückmeldung, dass seine Leistungen unzulänglich sind und mehr von ihm erwartet wird, als es zu leisten in der Lage ist.

2. Die passive Entstehung 

Bei der passiven Bildung von toxischer Scham, bleibt die Reaktion der Eltern aus. Sie sind abwesend und wissen nichts von der erlebten Niederlage oder ignorieren sie. Möglicherweise ist die Niederlage des Kindes auch, dass es die Aufmerksamkeit und Zuwendung seiner Bezugspersonen nicht gewinnen kann. Seine Bedürfnisse bleiben unerfüllt. Im Kindesalter haben wir noch nicht die Reife zu erkennen, dass ein Fehler auch bei einem oder mehreren Erwachsenen liegen kann. Daher schließt das vernachlässigte Kind, dass die Gründe für sein Versagen oder die mangelnde Aufmerksamkeit seiner Eltern bei ihm liegen. Es beginnt sich als Fehler zu sehen.

Was kannst du tun, um der toxischen Scham zu entkommen?

Machen wir uns nichts vor: Ihr zu entkommen ist ein langwieriger Prozess. Doch du kannst es schaffen!

Der erste Schritt zur Heilung ist, sich der toxischen Scham bewusst zu werden. Das ist oft nicht einfach, da wir unangenehme Gefühle lieber verdrängen, als uns ihnen zu stellen. Wenn dir die Gedanken „Ich bin ein Fehler.“, „Ich bin wertlos.“, „Ich verdiene es nicht, geliebt zu werden.“ oder „Ich kann nichts gut genug.“ bekannt vorkommen, solltest du dich einmal intensiv mit deinen dahinter stehenden Gefühlen und ihren Ursachen und Folgen beschäftigen.

Suche dir eine vertrauenswürdige Person, mit der du über diese Dinge sprechen kannst. Oft bringt es schon Besserung, einmal offen zu der bisher versteckten Scham zu stehen.

Auch eine intensive Auseinandersetzung mit den Verletzungserfahrungen aus der Kindheit hilft weiter. Wahrscheinlich tun dir diese Erlebnisse auch in der Erinnerung noch weh. Mit deinem erwachsenen Verstand kannst du sie und die Reaktionen deiner Bezugspersonen jedoch neu und realistischer bewerten.

Du kannst dir darüber klar werden, dass der Fehler nicht bei dir, dem noch unreifen und hilfsbedürftigen Kind, gelegen ist. Möglicherweise haben deine Bezugspersonen Fehler gemacht. Möglicherweise waren sie aber auch einfach überfordert oder haben es zwar gut gemeint, hatten aber nicht die Fähigkeiten, mit der Situation richtig umzugehen. Jeder Mensch hat Schwächen und Fehler aber auch Stärken. Das gilt für deine Eltern genauso wie für dich selbst.

Sie, du, wir alle sind einzigartige und komplexe Personen und jeder von uns hat unersetzlichen Wert, auch wenn er manchmal Dinge tut, für die er sich schämt.

Herzlichst
Anne Heintze