Liebe, Harmonie, Verständnis und Hilfsbereitschaft sind in unserer Gesellschaft herzlich willkommen. Wut jedoch will keiner.

Wobei eine, nicht weniger wichtige Emotion, geradezu unerwünscht ist die Wut. Wut hat in der Gesellschaft wenig Platz, sie wird als schlecht dargestellt und mit dem Stempel der Aggression versehen. Viele empfinden die Wut als unangenehm und unangemessen, sehen sich selbst als schlechten Menschen, da sie diese Wut in sich spüren. Dabei hat sie eine sehr wichtige Funktion und gehört ebenso zu unseren Emotionen, wie die Freude.

Warum die Wut so wichtig ist

Warst du schon einmal so richtig wütend? Hast gespürt, wie sich die Wut in deinem Bauch ausbreitet und sich nach oben Luft machen will? Ein Prozess, der sich ausbreitet und raus will, damit man sich Luft verschafft und sich anschließend wieder frei und gut fühlt.

Was passiert, wenn die Wut unterdrückt wird, wie es sehr viele Menschen tun?

Der Prozess besteht weiterhin, die Wut will raus aber die Wut findet keinen Ausgang, man schluckt sie regelrecht hinunter. Es gibt viele Gründe die eigene Wut hinunter zu schlucken: Angst nicht verstanden zu werden, Scheu seine Meinung zu sagen oder man verurteilt sich selbst die Gefühle zu haben und redet sich ein überzureagieren, dass alles eigentlich nur halb so schlimm ist.

Gibst du deiner Wut keinen Raum sich freizumachen, verschwindet sie nicht, du merkst selbst wie schwer es ist, sie runter zu schlucken. Das ist daran zu erkennen, wie du deine Zähne zusammenbeißt, manche werfen sogar einen Gegenstand in eine Ecke oder knallen Türen. Ein Zeichen von unterdrückter Wut.

Die Wut will ebenso gelebt werden wie Freude und Liebe, damit sie anschließend wieder gehen kann. Bleibt sie vorhanden, ist sie immer noch da, auch wenn sie nicht so intensiv zu spüren ist und sie sammelt sich an, was bedeutet, dass sie mehr und mehr größer wird.

Unterdrückte Wut und die Folgen

Es muss nicht sein aber es kann. Wer seine Wut unterdrückt und das über einen längeren Zeitraum, schädigt sich selbst. Es kann sogar so weit führen, dass sich eine Depression entwickelt oder Aggressionen entstehen. Nehmen wir das Beispiel an einem Arbeitsplatz. Deine Kollegin oder dein Kollege erhält eine Gehaltserhöhung aber du nicht, obwohl du länger im Büro bist und dein Aufgabengebiet umfangreicher ist, was passiert?

Du bist wütend, was verständlich ist. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten, du gehst zu deinem Chef und lässt deinem Ärger, deiner Wut, Raum sich freizumachen oder du schluckst sie und schweigst.

Im zweiten Fall bleibt die Wut vorhanden, du spürst den ganzen Tag wie sie in dir rebelliert und das noch nach Feierabend. Abends bist du noch wütender und gehst vielleicht in ein Fitness Studio um die Wut abzutrainieren, was kurzfristig helfen kann. Abends liegst du im Bett und deine Gedanken kreisen wieder um deine Arbeit und du spürst sie wieder – die Wut. Die nächsten Tage gehst du ungern zur Arbeit, weil alles so ungerecht ist.

Vielleicht holst du dir einen Krankenschein, weil du es deinem Chef mal richtig zeigen willst, so merkt er vielleicht auch, was er an dir hat. Eine Endlosschleife, in der du nur einem schadest, dir selbst, weil du jeden Tag mit deiner Wut einen Kampf ausfechtest.

Hinter Wut steht Verletzlichkeit

Auch wenn die Wut schnell als Aggression abgestempelt wird, hat die Wut eine ganz andere Funktion und einen völlig anderen Hintergrund. Wut ist eine Emotion mit großer Energie die aus einem Gefühl der Verletzlichkeit entsteht, wie bei dem Beispiel der Gehaltserhöhung. In diesem Beispiel bist du verletzt, fühlst dich mit deiner Arbeit nicht wertgeschätzt, daraus entsteht die Wut.

Eine Aggression hat einen anderen Hintergrund, Aggression will verletzen, schaden zufügen. Eine Emotion, die aus einer längst vergangenen Wut entstanden ist, die keinen Raum hatte sich freizumachen.

Man kann sagen, dass hinter der Wut ein Schutzmechanismus steht, um sein eigenes Herz und sich selbst zu schützen, Grenzen zu setzen.

Ein Weg sich selbst zu erkennen

Demnach ist die Wut keine explosionsartige Aggression, nur wenn sie lange geschluckt wurde, kann es dazu führen. Sie ist ein Weg sich selber zu schützen und die eigenen Grenzen zu setzen. Je öfter du deine Wut ans Licht bringst und sie äußerst, umso klarer wirst du deine eigenen Grenzen sehen und kennen. Was nicht bedeutet das du schreien oder mit Gegenständen werfen sollst, vielmehr in der entsprechenden Situation handeln, reden, dir Luft machen, weshalb du wütend bist.

In dem Beispiel der Gehaltserhöhung könnte ein Gespräch mit dem Chef folgen, in dem du ihm mitteilst, was dich beschäftigt. Daraufhin wirst du Klarheit haben und deine Grenzen gesetzt haben.

Wenn du auf deine Wut reagierst, wird sie immer klarer und reiner werden, der Knoten der Emotionen von Ohnmachtsgefühl, Trauer, Schmerz, Verletzlichkeit und vieles mehr, verfliegt und macht Platz für Stärke und Autorität.

Hör also auf deine starken Emotionen: Auf alle – auch auf die Wut, denn auch sie will dir etwas sagen und will wahrgenommen werden.

Sig