Ist es dir schon einmal passiert, dass du in einer schwierigen Zeit oder Situation auf einen Fremden triffst, dem du dein Herz ausgeschüttet hast, einfach, weil er gerade da war? Dann hast du höchstwahrscheinlich einen Menschen mit großer Empathie kennengelernt. Typisch für das Mitfühlen ist, dass man einfach zuhört und gegebenenfalls eine emotionale Unterstützung bietet – auch ohne Worte. Da hilft eine Hand auf der des anderen oder reicht eine stumme Umarmung.

Auf der anderen Seite gibt es die Menschen, die auf einen emotionalen Ausbruch anders reagieren. Sie informieren sich nicht genauer über die Umstände, antworten nur mit Allgemeinplätzen, wie „die Zeit heilt alle Wunden“, erzählen von eigenen Problemen oder bemitleiden dich. Das alles ist auf jeden Fall nicht empathisch, denn diesen Menschen geht es nicht darum, deine Gefühle zu spüren, sondern einen eigenen Input oder Gedanken einzubringen.

Das nervt dann einfach nur.

Vielleicht kann dieser Mensch es aber auch einfach noch nicht anders, weil ihn niemand darauf hingewiesen hat, dass dieses Verhalten keine Empathie ist. Es lohnt sich vielleicht, diesen Menschen aufzuklären und ihm die folgenden Gedanken näherzubringen.

Wege zu einer ausgewogenen Empathie und Mitgefühl

Nicht jeder Mensch zeichnet sich durch ein ausgeprägtes Mitgefühl aus. Gerade unsere leistungsorientierte und schnelllebige Zeit bringt unter Zeitgenossen mitunter Zynismus und eine gewisse Kälte hervor. Aber wie immer gilt: Wo eine Seite überwiegt, entsteht auch eine Gegenbewegung. Daher gibt es mehr und mehr Empathen und damit wächst das Streben nach mehr Mitgefühl und Wärme.

Es gibt Methoden und Übungen, wie du lernen kannst, dich bewusst steuernd und für dich ausgewogen in Menschen hineinzuversetzen. Dabei ist der Wunsch, mit einer ausgeprägten Empathie gut umgehen zu lernen, schon der entscheidende Schritt. Alles danach sind sogenannte „Baby Steps“, die dich Schritt für Schritt dabei unterstützen, eine gute Dosierung für dein Mitgefühl zu entwickeln.

Die folgenden Strategien und Gedankenspiele können dir helfen:

  • Neugierde entwickeln: Kinder haben keine Scheu, Neues zu entdecken. Sie gehen offen mit neuen Situationen um und sind wissbegierig, ohne sich hierbei eine Begrenzung zu setzen. Wenn wir uns ein Beispiel an ihnen nehmen und uns für neue Erfahrungen öffnen, sind wir schon einen guten Schritt weiter.
  • Gedankliche Rollenspiele ausprobieren: Setze dich in ein Café und beobachte die Menschen um dich herum. Versuche, dich in sie hineinzuversetzen und Szenarios auszudenken, was sie hierhergeführt haben könnte. Verstricke dich aber nicht in deine Gefühle. Betrachte sie auch aus emotionaler Distanz.
  • Entspannung suchen: Vielleicht kannst du abschalten bei einem langen Spaziergang oder einem entspannten Tag auf der Couch mit abgeschalteten Telefon und Fernseher.
  • Ablenkung finden: Möglicherweise lenken dich aber auch kreative Aktivitäten ab, die als Ventil für „zu viele“ Gefühle dienen können.

Deine ausgeprägte Empathie zu schulen, ist nicht besonders schwierig, solange der Wille da ist. Es gibt aber auch spezielle Schulungen, mit denen du dein Empathieempfinden steigern kannst. In unserem Buch „Die Gabe der Empathen“ stellen wir dir einige hilfreiche Methoden vor, wie du den Umgang mit den Emotionen von anderen gut managen kannst und wie du wichtige und nötige Grenzen für dich ziehen kannst. Wenn du die nötigen Bewältigungsmechanismen zur Hand hast, kann Empathie unglaublich bereichernd sein. Denn aus Mitgefühl entsteht Gemeinschaft.

Mitfühlen statt mitleiden: Echte Empathie

Stelle dir vor, du beobachtest von deinem Fenster aus regelmäßig, wie ein Kind auf dem Schulhof von seinen Mitschülern gehänselt und ausgeschlossen wird. Was du dabei spürst, sind Schmerz – und Mitleid. Das bedeutet im Wortsinn das Mitleiden mit einem anderen. Du hast genau das Gefühl dieses Menschen, du spürst genau den Schmerz und die Verzweiflung, die dieses Kind dort unten nun ertragen muss.

Und das Schlimmste daran: Du kannst nichts ändern.

Weder an deinen Gefühlen noch an den vermeintlichen Empfindungen dieses Schülers. Diese Szene könnte aus dem Alltag eines mitfühlenden Menschen stammen, der noch nicht gelernt hat, zwischen Mitfühlen und Mitleiden zu unterscheiden.

Was aber unterscheidet Mitgefühl von Mitleid? Ganz klar: Im ersten Fall fühlst du mit jemandem mit und im zweiten bemitleidest du einen Mitmenschen einfach nur. Entscheidend ist also die emotionale Ebene, auf der du jemandem begegnest.

Warum niemand etwas von Mitleid hat

Stelle dir vor, du befindest dich gerade in einer schweren Lebenskrise und jemand sagt dir, dass er mit dir leidet. Was genau empfindest du dabei? Trost? Vermutlich profitierst du von dieser Aussage überhaupt nicht, sondern hast noch viel eher das Gefühl, dass deine Lage aussichtslos und düster ist. Mitleid wirkt auf dich als Betroffenen so, als gäbe es nichts mehr, das jemand für dich tun könnte und so entsteht auch schnell das Gefühl, das an der aktuellen Situation nichts zu ändern ist.

Und wie ginge es im Gegenzug der Person, die dich bemitleidet?

Genauso. Sie hat das Gefühl, nichts tun zu können und spürt tiefen Schmerz. Davon aber hat niemand etwas, weder die bemitleidete Person, noch jene, die Mitleid spürt und/oder mitteilt. Mitleid ändert nichts und greift nicht ein. Mitleid ist einfach da und tut weh.

Herzlichst
Anne