Es gibt verschiedene Denkmodelle zum Thema Wahrnehmung. Der Ansatz östlicher Philosophien besagt, dass wir unsere Aufmerksamkeit zu den Erscheinungen hinlenken, der westliche Ansatz dagegen, dass diese in unser Bewusstsein hineinkommen. Aus der Bhagavad Gita stammt dieser Vers (6.4):

»Wenn ein Mensch nicht an den Sinnesobjekten oder Handlungen hängt und jeglicher Anhaftung an den Gedanken entsagt hat, wird von ihm gesagt, er hätte Freiheit erlangt.«

Das ist ein sehr großer Unterschied, denn gemäß der westlichen Sichtweise wären wir Opfer unserer Wahrnehmung, schließlich kommen die Erscheinungen ja einfach zu uns. Wir können uns nicht dagegen wehren, sind zur Passivität verdammt. Die östliche Sichtweise hingegen gibt uns Verantwortung, indem sie behauptet, dass wir unsere Aufmerksamkeit zu den Dingen hinlenken, wir also aktiv Beteiligte sind.

Jetzt ist deine Ehrlichkeit dir selbst gegenüber gefragt. Schau mal genau hin: Wie erlebst du das Wahrnehmen, auf östliche Art und Weise oder auf westliche? Erlebst du es so, dass die Welt einfach in dich eindringt und sich ungefragt Zutritt zu deinem Inneren verschafft? Wahrscheinlich ist das dein Erleben. Es entspringt unserer westlichen Anschauung und die stempelt uns von Anfang an als Opfer ab.

Der Vorgang des Wahrnehmens

Hochsensible Menschen sind geradezu dafür prädestiniert, sich als Opfer zu fühlen. Als Opfer von Straßenlärm, Hundegebell, Kindergeschrei, Flugzeuglärm und vielem anderen mehr …

Hier wird sehr deutlich, dass die westliche Sichtweise einen großen Nachteil hat: Sie lässt uns leiden, weil wir davon ausgehen, dass wir nichts daran ändern können. Aus östlicher Sicht bedarf es jedoch zuerst einer Handlung von uns, die unsere Aufmerksamkeit zu bestimmten Erscheinungen hinlenkt. Erst nachdem wir das getan haben, kann die Erscheinung wirksam werden. Also heißt es nicht: »Der Lärm dringt in uns ein«, sondern wir lenken unsere Aufmerksamkeit zu dem Lärm hin und erst dadurch nehmen wir ihn wahr.

Ananda durfte das auf seinen vielen Indienreisen ausführlich und immer wieder am eigenen Leib erfahren und ausprobieren, denn Indien ist das Land der überwältigenden Eindrücke. Keine Minute des Tages ohne laute Geräuschkulisse, kein Millimeter optischer Leerraum, eine beständige Fülle an fremden Eindrücken. Wer sich hier als Opfer fühlt – und das geht vielen Menschen so –, ist verloren. Nicht wenige kapitulieren und fliegen schon nach ein paar Stunden wieder heim.

Du kannst ausprobieren, ob es dir möglich ist, deine Aufmerksamkeit NICHT zu den Erscheinungen hinzulenken. Du wirst zwar dennoch etwas wahrnehmen, denn es gibt dauernd Auslöser dafür. Aber sobald du etwas wahrgenommen hast, ziehst du deine Aufmerksamkeit sofort wieder davon ab.

Deine Gefühle, deine Gedanken und dein Gehirn

Natürlich können wir nicht einfach NICHTS wahrnehmen. Du weißt, dass es nicht möglich ist, jetzt NICHT an einen rosaroten Elefanten zu denken, weil er gerade in dein Wahrnehmungsfeld gerückt wurde. Aber es gibt eine Methode, mit der du deine Aufmerksamkeit zumindest nur sehr kurz dem rosaroten Elefanten widmest: das Zurückziehen deiner Aufmerksamkeit auf eine Methode der Konzentration, besser bekannt als Meditation.

Wenn du Meditation als Übungsfeld wählst, kannst du so vor- gehen: Du beobachtest deinen Atem.

Dies ist deine Konzentrationshilfe. Sobald du bemerkst, dass deine Aufmerksamkeit zu etwas anderem als deinem Atem wandert (zu einem Geräusch, einer Körperempfindung, einem Gedanken, einem Gefühl …), bringst du sie wieder zurück zur Atembeobachtung. Ziehst du sie von dem Geräusch ab, hin zu deiner Konzentrationshilfe, wird die Erscheinung zwar weiterhin existieren, jedoch wird sich ihre Wirkung auf dich verändern oder gänzlich auflösen.

So wirst du nach und nach zum neutralen Beobachter und bekommst die Kontrolle darüber, worauf und wie lange deine Aufmerksamkeit weilt. Diese Kontrolle ist wesentlich: Erst, wenn deine Aufmerksamkeit bei einer Erscheinung verharrt (zum Beispiel Hundegebell), kann diese etwas bewirken. Mithilfe der gewonnenen Bewusstheit kannst du nun nach und nach deine Aufmerksamkeit steuern und so entscheiden, was auf dich einwirkt und was nicht.

Natürlich ist das keine Angelegenheit von Tagen, sondern es bedarf viel Übung und Wiederholung. Erst wenn du durch stetige Praxis die Kontrolle gefestigt hast, wirst du keine Meditation mehr dafür brauchen und sie im Alltag im vollen Umfang anwenden können.

Der Vorgang des Wahrnehmens

Auch der folgende Gedanke ist hilfreich: Wirklichkeit ist all das, was wirksam ist und etwas bewirkt. Etwas wird für dich zur Realität, indem du deine Aufmerksamkeit dorthin lenkst und mit dem Wahrgenommenen etwas verbindest, es interpretierst und bewertest. Erst durch diese Vorgänge können Situationen wirksam und somit zu deiner Wirklichkeit werden. Wirklichkeit bedeutet also die persönliche Auslegung von etwas Wahrgenommenem.

Ganz wichtig ist es, sich klarzumachen, dass Wirklichkeit immer individuell und persönlich ist.

Wenn zehn Menschen ein und dieselbe Situation erleben, zum Beispiel einen Sonnenuntergang, wird es mehrere individuelle Wirklichkeiten geben: Einer freut sich über das wunderschöne Naturereignis, ein anderer ist traurig, weil seine Liebste nicht dabei ist, und ein weiterer hat Angst, da dies aufgrund einer schweren Erkrankung sein letzter Sonnenuntergang sein könnte. So existiert Wirklichkeit nicht unabhängig und an sich, nicht alleine von sich aus, sondern es bedarf unseres Tuns (wenn auch meist unbewusst), um sie zu erzeugen.

Ein Beispiel: Denke etwa 30 Sekunden lang an etwas Furchtbares, Schlimmes. Es muss nicht real sein, du kannst ruhig etwas erfinden, dich aber auch an etwas erinnern, wenn dir das lieber ist. Stelle es dir deutlich vor, male es dir aus. Und nun schau, wie du dich fühlst. Wahrscheinlich sehr unwohl, traurig, wütend, verzweifelt und in irgendeiner Weise negativ. Nun, du hast soeben deine Wirklichkeit geschaffen. Du bist jetzt traurig, wütend, verzweifelt, fühlst dich bedrückt oder etwas Ähnliches.

Nun denke 30 Sekunden lang an etwas Wunderschönes. Auch hier darf es deiner Fantasie entspringen oder deiner Erinnerung, was dir lieber ist. Male es dir genau aus, versetze dich hinein.

Deine Gefühle, deine Gedanken und dein Gehirn

Und, wie fühlst du dich jetzt? Wahrscheinlich angenehm. Viel- leicht fröhlich, offen, warm, leicht oder so ähnlich. Nun, du hast innerhalb einer einzigen Minute deine Wirklichkeit kreiert und verändert, ohne dass auch nur das Geringste im Außen stattgefunden hat. Wahrscheinlich sitzt du aber nach wie vor mit dem Buch in der Hand an deinem Leseort.

Wie wahr ist also die Wirklichkeit? Gar nicht. Sie ist wirksam, ja, aber das macht sie noch lange nicht wahr.

Was ist Wahrheit?

Was wohl der Wahrheit am nächsten kommt, ist, zu sagen, dass sie das ist, was sich zeigt, wenn die individuelle Wirklichkeit beiseite tritt. Während Wirklichkeit individuell und vergänglich ist, zeichnet sich Wahrheit eben genau dadurch aus, dass sie beständig und universell ist.

Dieses Beiseite treten allerdings ist sehr komplex, da es dazu nötig ist, all unsere tief sitzenden erlernten Funktionsweisen, unsere automatischen Reaktionen und die Art, wie wir die Welt wahrnehmen, vorübergehend vollkommen außer Kraft zu setzen. Doch es ist erfahrbar. Die Methode hierfür ist ebenfalls hauptsächlich die Meditation und Satsang, das Zuhören und Lernen von einem Meister. Dieser Praxis widmet sich vor allem Jnana Yoga (deutsch: Weg des Wissens), einer der sechs großen Yogawege.

Dennoch, auch wenn die meisten von uns nicht diesen sehr fortgeschrittenen Weg gehen, spielt Wahrheit im Sinne von Wahrnehmung eine große Rolle im alltäglichen Fühlen. Schließlich bestimmt unsere Deutung des Wahrgenommenen über unser Befinden. Sie entscheidet darüber, wie wir uns fühlen.

Namasté
Ananda