Viele hochsensible Menschen können ein Lied davon singen: Sie wissen, dass sie qualifiziert und sehr kompetent sind, weitaus mehr arbeiten als der Kollege / die Kollegin in derselben Abteilung, und trotzdem haben sie das Nachsehen. Der Kollege, der das Leben bisher leichter genommen und nach dem Prinzip „Mit einem Minimum an Aufwand das bestmögliche Ergebnis erreichen (gerne auch hin und wieder mit den Arbeiten anderer)“, gelebt hat, behält die Oberhand, denn er ist ein Experte im Selbstmarketing.

Es ist ungerecht, denn du, die du viele Überstunden geleistet hast, um zu zeigen, was du kannst, hast das Nachsehen. Obwohl es in dir rumort und du die Situation als ungerecht empfindest, sagst du nichts. Es liegt dir als feinfühligem, hochsensiblen Menschen einfach nicht, dich in den Vordergrund zu stellen, Selbstmarketing ist dir sogar unangenehm.

Wenn dir geraten wird: „Du musst dich auch mehr zeigen, Gutes tun und zur rechten Zeit darüber sprechen“, bist du eher peinlich berührt, als dass dich das zum Handeln motiviert. „Das ist mir unangenehm. Ich möchte doch nicht als Angeber verschrien sein“ ist ein Satz, der auch von dir stammen könnte? Mit dieser Einstellung ist aber nichts zu gewinnen. Wenn man stumm leidet, sich im Hintergrund die Finger wund arbeitet und sich wünscht, endlich entdeckt zu werden wird das nicht funktionieren. Das gibt es nur in Märchen wie Aschenputtel, nicht aber in der rauen Arbeitswelt.

Worum geht es sensiblen beim Selbstmarketing im Job?

Auf keinen Fall geht es um eine narzisstische Darstellung deiner Selbst. Es geht natürlich schon gar nicht darum, dass du dich künstlich verstellst und Unwahrheiten über dich verbreitest. Ein weiterer Fehler wäre auch, andere öffentlich kleinzumachen, um selbst groß zu erscheinen.

Selbstmarketing für Hochsensible ist edel

Es soll bewusst deine eigenen Stärken betonen, denn jede hochsensible Person besitzt besonderen Eigenschaften, Talente, Kompetenzen und ein spezifisches Wissen. Das alles gilt es, mit einer intelligenten Selbstmarketingstrategie zu entfalten und für sich erfolgreich zu nutzen.

Wie kannst du deine Selbstmarketingstrategie aufbauen und entwickeln?

Im klassischen Produkt- und Dienstleistungsmarketing geht es darum, den richtigen Marketingmix zu finden. Dieser besteht aus den vier „P’s“ Product, Price, Promotion (Kommunikationspolitik) und Place. Was bedeutet das nun für dein Selbstmarketing? Lass uns die vier Punkte genauer betrachten:

1. Im ersten Schritt gilt es, das Produkt – dich selbst – unter die Lupe zu nehmen.

Natürlich bist du als Mensch kein „Produkt“ oder ein reiner „Produktionsfaktor“, wie ein Mensch in der Betriebswirtschaftslehre oftmals bezeichnet wird. Du bist ein einzigartiges, feinsinniges Wesen mit deinen universalen Eigenschaften, Talenten und Fähigkeiten. Genau diese lohnt es zu entdecken, sich bewusst zu machen und zu entfalten. Wie kannst du das bewerkstelligen?

Ein Ansatz ist, dass du eine Liste anfertigst, auf der du alles notierst, was du von deinen ersten Lebensjahren an bis heute getan (geleistet) hast – ohne zu selektieren, egal wie banal es dir auf den ersten Blick erscheinen mag. Vielleicht fällt dir gerade ein, dass du dich in deinem Leben häufig in Situationen gefunden hast, in denen du Unvorhersehbares meistern musstest. Gehörst du zu den fünf besten Abiturienten deines ehemaligen Gymnasiums? Hast du ein einzigartiges Projekt in deinem Betrieb umgesetzt oder stehst du deinen Mann / deine Frau im Krisen- und Konfliktmanagement?

Wenn du deine Liste fertiggestellt hast, finde heraus, was du besonders gerne tust. Dies gibt Aufschluss darüber, welche Stärken und Kompetenzen besonders gut in dir entwickelt sind. Im nächsten Schritt analysierst du detailliert, welche Kompetenzen nötig waren / sind, um diese Aufgaben zu bewältigen.

Beispiel: Hattest du ältere Brüder, gegen du dich immer behaupten musstest? Dann wurde womöglich deine Fähigkeit entwickelt, dich auch in Situationen zu behaupten, in denen du vermeintlich unterlegen warst. Du hast gelernt, deine Stimme zu erheben, auch wenn du damit rechnen musstest, starken Gegenwind zu bekommen. Du bist darin geübt, deine Meinung zu vertreten oder Wege zu finden, dein Ziel auch gegen große Widerstände zu erreichen. All das sind Fähigkeiten, die zum Beispiel in Führungspositionen benötigt werden.

Wenn du diese Fähigkeiten hast, dann solltest du genau überlegen, wie stark sie in dir ausgeprägt sind, auf welchem Niveau du sie einsetzen kannst und welche Qualifikationen du hast, mit denen du sie nachweisen kannst.

2. Alles hat seinen Preis!

Jetzt geht es darum, den richtigen Preis zu finden. Unter Wert sollte sich niemand verkaufen. Denn dann wird ein Mensch entweder nicht ernst genommen oder unter seinem Niveau bezahlt. In einem Wirtschaftsmagazin erklärte ein Unternehmer vor einigen Jahren, dass er nur Männer in Führungspositionen einstellt.

Da dies aber gegen das allgemeine Gleichstellungsgesetz verstieße, habe er beschlossen, das Gehalt in der Stellenausschreibung so hoch anzusetzen, dass keine oder kaum eine Frau den Mut habe, sich auf die ausgeschriebene Position zu bewerben. Falsche Bescheidenheit oder das Gefühl, seinen Preis nicht wert zu sein, führt auf der Karriereleiter nicht weiter.

3. Wie gestaltest du deine Kommunikationspolitik?

Wichtig ist, sich zum richtigen Zeitpunkt zu zeigen. Wenn du eine tolle Präsentation im Angesicht deines Schweißes, mit viel Herzblut, professionellem Know-How und fachlicher Brillanz erstellt hast, solltest du sie nicht von deinem Kollegen halten lassen, nur weil du zu schüchtern bist. Der Kollege wird die Lorbeeren ernten, du aber wirst aller Wahrscheinlich nach leer ausgehen.

Wer ein Konzept zur Verbesserung der betrieblichen Produktionsprozesse hat, sollte es mutig vorschlagen und dafür eintreten. Denn das bringt dich weiter. Allerdings ist bei all dem auch Fingerspitzengefühl gefragt, denn wer außergewöhnlich gut ist, hat auch viele Neider – im schlimmsten Fall sogar Feinde.

Es geht also darum, seine Fähigkeiten und Leistungen mit viel Authentizität und gesundem Selbstbewusstsein, aber auch mit Umsicht, Weitsicht und Klugheit zu zeigen, ohne den Kollegen und Mitkonkurrenten zu untergraben. Dafür brauchst du Klarheit, ein gesundes Vertrauen in das eigene Können und das Wissen, dass die Welt nicht untergeht, wenn du einmal Fehler machen solltest und etwas daneben geht.

Ein Faktor beim Selbstmarketing ist Resilienz 

Resilienz ist die Fähigkeit, aus Fehlern und Rückschlägen zu lernen, aufzustehen und mit dem, was man für die Zukunft gelernt hast, weiterzugehen. Wer diese Fähigkeit zielführend kommuniziert, wird respektiert und ernst genommen – als hochgeschätzten Spezialisten und Fachexperten, möglicherweise aber auch für den nächsten Karriereschritt. Wer in sich ruht und eine lebens- und menschenbejahende Ausstrahlung hat, „kommuniziert“ Sympathie, Würde, Kompetenz und das Gefühl zu wissen, was man tut.

Sei dir bewusst, dass du „nicht nicht“ kommunizieren kannst.

Egal, wie passiv oder aktiv du auftrittst, wie aufgerichtet oder gekrümmt, wie laut oder leise: Du drückst immer etwas über dich aus und sendest Signale an deine Mitmenschen. Diese Signale entscheiden darüber, wie du wahrgenommen und beachtet (oder nicht beachtet) wirst.

Last but not least gilt es, die sozialen Medien nicht aus dem Blick zu verlieren. Aber auch hier kommt es auf das WIE an: Mach dir also klar, wie du auf Twitter, Facebook und Co. wahrgenommen werden willst und betreibe eine entsprechend kluge Kommunikationspolitik.

Was bedeutet „Place“ im Selbstmarketing?

Im Grunde leitet sich das von dem bisher Gesagten ab. Es ist eben nicht egal, wo du dich vorstellst und deine „Duftmarken“ setzt. Es nutzt nichts, wenn du deinen Kollegen von deinen Leistungen und Alleinstellungsmerkmalen erzählst. Deinen Chefs bzw. den Entscheidungsträgern im Unternehmen müssen sie ins Auge fallen und für einen „Call for Action“ sorgen.

Sie müssen dich wollen – und das sollte ihnen etwas wert sein. Nicht zuletzt sind auch externe Akteure wie Kunden oder Netzwerkpartner nicht zu unterschätzen. Wenn du es schaffst, dass sie Mund-zu-Mund-Propaganda für dich betreiben, hast du in puncto Selbstmarketing viel erreicht.

Was du auf keinen Fall aus den Augen verlieren solltest:

  • Die eigenen Stärken, Qualitäten, Qualifikationen, Kompetenzen und Alleinstellungsmerkmale erkennen, zusammentragen
  • und bewerten, sprich: den richtigen Preis festlegen,
  • getreu dem Motto „Tue Gutes und sprich darüber“
  • am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt und zu den richtigen Menschen

Selbstmarketing braucht Mut, aus der Menge herauszustechen, den Willen, das zu zeigen, was man kann, eine gewisse Immunität gegen Neider, aber auch die Fähigkeit, andere für sich zu gewinnen. Aber es lohnt sich!

Herzlichst
Anne