• Anandas Erwachen

Wie war das Erwachen bei dir? Wie zeigte es sich? Was hast du erlebt?

Immer wieder werde ich in Seminaren, Satsangs oder Einzelgesprächen gefragt, wie mein Erwachen war. Ob ich etwas „dafür“ getan habe. Was das Erwachen bei mir verändert hat. Nun wurde ich gebeten, das alles einmal aufzuschreiben, was ich hiermit tue.


 

Als ich im September 1999 am Tag der offenen Tür durch die Stadt Linz ging, wurde mir mein Handy geklaut (ja die gab es auch schon im letzten Jahrtausend). Ich war unterwegs um eine Frau zu treffen, in die ich mich verliebt hatte. Von der Stelle, wo ich den Verlust meines Mobiles feststellte, bis zum Treffpunkt, waren es nur 500 Meter, doch ich kam nie dort an.

Auf dieser kurzen Strecke ging ich verloren.

Das, was wir gewöhnlich als unser Ich bezeichnen, hatte sich innerhalb wenigen Minuten aufgelöst. Den Treffpunkt mit meiner Liebsten erreichte nur mehr der Körper, die Person Harald war verschwunden, die Identifikation mit dem Körper-Geist-Seele System für immer gelöscht. Es war kein plötzliches Ereignis, keine spektakuläre Erleuchtung, vielmehr ein schwinden, ein Übergang, so, wie der Sommer in den Herbst übergeht.

Doch wie kam es dazu?

Anfang zwanzig schrieb ich in eine Art Tagebuch, dass dieses Mal mein letztes Mal auf diesen Planeten sei. Was ich damit ausdrücken wollte war meine Entschlossenheit, die Dinge zu durchschauen, alles zu verstehen und zu erkennen und somit keinen Grund mehr zu haben wieder zu inkarnieren.

Nicht das ich mich damit auskannte, ich hatte gerade mal Siddharta von Herman Hesse gelesen und vielleicht eine Handvoll esoterischer Bücher, doch spürte ich eine große Sehnsucht danach, alles hinter mir zu lassen. Ich hatte keinen „negativen“ Grund dafür, meine Kindheit verlief unbeschwert und ich war ein junger, gesunder Freigeist, da war nur eine tiefe Sehnsucht, die mich zog.

So führte mich mein Weg über erfolglose Meditationsversuche, Experimenten mit natürlichen Drogen und dem Versuch Shaolin Mönch zu werden, 1987 schließlich nach Findhorn, einer großen spirituellen Gemeinschaft in Schottland. Dort nahm ich an einem 14 tägigen Meditatonsretreat teil. Durchschnittlich acht Stunden Meditation am Tag brachten rasch Fortschritte und bewirkten einen großen Durchbruch.

Ich hatte ein Satori, wie ich es damals nannte, ein Einheitserlebnis.

Das, was wir gewöhnlich automatisch tun, nämlich trennen und unterscheiden, Dinge und Situationen benennen, sie gut oder schlecht finden, bewerten, haben wollen oder sie ablehnen, … gelang mir plötzlich nicht mehr. Es war einfach unmöglich auf die alte Art und Weise zu sehen, sein und zu handeln. Ich wanderte voller Staunen durch diese „neue Welt“ und wirkte nach außen sicher sehr wunderlich. Dieser Zustand hielt einige Tage an und entglitt dann langsam wieder meinem Zugriff.

Das war sehr schmerzhaft, denn ich hatte mich noch nie so leicht und frei und Zuhause gefühlt, wie in diesem erwachten Zustand.

Jahrelang bemühte ich mich daraufhin, wieder in dieses Bewusstsein einzutauchen, doch ohne Erfolg.

Ich versuchte es mit diversen Methoden wie Vipassana Retreats und Zazen, der Meditation aus dem Zen Buddhismus, doch nichts vermochte mich wieder in Samadhi zu bringen.

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre las ich Bücher über Advaita Vedanta von Ramana Maharshi, und Gangaji und verschlang Om C. Parkins erstes Buch „Die Geburt des Löwen“.
Dadurch öffnete sich wieder ein Tor.

Ich beschloss Om aufzusuchen und nahm an zwei seiner Satsangs, wie er sie damals noch traditionellerweise nannte, teil.

Er sprach von „Aufhören“ und ich nahm mir „Aufhören“ als Methode vor. Immer wieder bemühte ich mich, mit allem, was ich an Tätigkeit beobachten konnte aufzuhören, schließlich auch mit dem Beobachten selbst.

Das brachte mich wieder nahe an die Schwelle, doch überschreiten konnte ich sie immer noch nicht.

Im Sommer 1999 lernte ich meine spätere Frau kennen. Sie hatte Anfang dieses Jahres ein Einheitserlebnis, welches sie im August mit dem Lichtnahrungsprozess noch vertiefte. Ihre Energie unterstütze mich sicherlich darin meine tiefste Sehnsucht zu mobilisieren. Und am Vorabend des Tages der der offenen Tür in Linz war ich bereit.

Ich war beriet alles zu verlieren, sowohl den Körper als auch meinen Verstand, ich war bereit alles zu riskieren, ja sogar bereit zu sterben, im Austausch für die höchste Erkenntnis.

Ich rezitierte stundenlang mein Mantra „ich bin bereit, ich bin bereit, ich bin bereit, …“

Ich ließ keinen anderen Gedanken mehr zu, füllte meine Zellen in Hingabe an das „Eine“, ließ mein inneres Feuer stärker und stärker brennen bis nichts mehr übrig war, außer dem alles erfüllenden Wunsch nach Erleuchtung (natürlich immer noch nicht wissend, was denn das eigentlich ist).

Etwas geschah, leise, unspektakulär und ich konnte es noch nicht erfassen, es nicht benennen, alles wurde sehr klar und einfach. Ich war inmitten meiner Arbeit (als Wachbeamter auf nächtlichem Kontrollgang), rief die Dienststelle an und meldetet mich auf der Stelle krank. Ich rief meine Frau an und wir verbrachten den Rest der Nacht schweigend auf einem Felsen hoch über der Stadt.

Da waren weder Worte noch Gedanken noch Taten.

Am nächsten Tag machte ich mich auf, mich mit meiner Frau zu treffen und genauso wie ich die Dienststelle nie mehr betrat, kam ich auch nie am Treffpunkt an, denn „Ich“ existierte nicht mehr.

Doch nicht als Resultat eines Tuns, vielmehr als Folge des vollständigen Aufhörens.

Die kommenden Stunden, Tage und Wochen war ich reines Bewusstsein. Selbst wenn der Körper geschlafen hatte, war Ich wach. Ich war jetzt etwas anders als das Ich, das ich vorher war. Ich war Bewusstsein und alles was existiert, spielte sich innerhalb dieses Bewusstseins ab. Folglich erlebte ich es so, dass alles IN mir war – dieser Körper, andere Menschen, Tiere, Gebäude, Gefühle, Gedanken, Steuererklärungen, Dualität, … ALLES war IN mir, ich war Alles.

So wie wir ja auch behaupten, dass dieses Körperteil „unsere linke Hand“ ist, so war jetzt alles Existierende ein Teil von mir.

Die Wahrnehmung auf allen Sinneseben war geschärft. Alles war viel intensiver, die Luft pulsierte, neue Tonfrequenzen wurden hörbar, Essen wurde zu einem Geschmacksabenteuer, Geruchsexplosionen folgten Tasterlebnisse.

Alle Filter, die wir Aufgrund unserer Vergangenheit normalerweise automatisch vorlagern, waren weg und so konnte Wahrnehmung unmittelbar stattfinden.

Auch Grenzen konnte ich kaum mehr ziehen. Das Geräusch eines vorbeifliegenden Vogels war nicht getrennt vom Baum, der davorstand und dieser wiederum (der Baum), fand gleichzeitig mit dem Lachen eines Kindes statt. Alles geschah gleichzeitig und da „niemand Zuhause“ war, der es in einzelne Schubladen stecken hätte können, war jeder Augenblick ein Gesamterlebnis von allem was gerade stattfand.

Der Ausdruck „Hier und Jetzt“ stimmte zum allerersten Mal tatsächlich. Alles fand gleichzeitig hier und jetzt statt, niemand filterte das Wahrgenommene da alle Vorlieben und Abneigungen verschwunden waren.

Es war eine herrliche, sich ständig verändernde Mixtur, keine Erfahrung ließ sich von einer andern trennen, es war, wie es klassisch so schön heißt, „Alles Eins“. Nur war das jetzt nicht mehr nur Theorie, die ich ja schon aus Büchern kannte, sondern es war ein praktischer Zustand.

Nun, wirklich praktisch war dieser Zustand nicht immer, denn gleichzeitig konnte ich auf bestimmte Fähigkeiten meines Gehirns nicht zugreifen. Es war mir unmöglich logisch zu denken, was sich zur allgemeinen Belustigung darin äußerte, dass ich tatsächlich 2 + 3 nicht addieren konnte.

In diesen Wochen gab es kaum einen Impuls etwas zu tun, ich lag, saß oder stand. Wenn mich jemand an der Hand nahm ging ich, wenn wir stehen blieben stand ich wieder.
Auch gab es keine Motivation alten Hobbies nachzugehen, ich konnte gar nicht mehr nachvollziehen wie ich oder jemand anderer überhaupt so etwas macht wie Klettern, Radfahren, Schwimmen, …

In dieser Zeit hielt ich andere Menschen nicht aus und auch sie konnten nicht mit mir zusammen sein.

So vollzog sich im Laufe der Monate eine natürliche Wandlung, während der sich so ziemlich alles aus meiner Vergangenheit auflöste und Neues begann.

Zusammen mit meiner Frau gab ich Satsang im 1. Satsanghaus Österreichs, dass sie ein Monat vor unserem Kennenlernen eröffnet hatte. Dem folgten viele Jahre Arbeit mit Menschen auf ihrem Weg, begleitet von eigenen Ausbildungen, die ich machte um auch gesetzlich dafür legitimiert zu sein.

Mein Weg führte über eine Trennung und einer weiteren Beziehung zu drei Jahren in einem Ashram, wo ich meine Erfahrungen sowohl weitergeben als auch vertiefen konnte. Die indischen Philosophiesysteme eröffneten mir auch ein sehr gutes wording für alles um das Thema Erleuchtung. Schließlich ist das ja die Kultur, die sich seit mindestens 5000 Jahren intensiv damit auseinandersetz.

Heute stelle ich das Wissen im Rahmen der OpenMind Akademie in Deutschland und auf La Palma zur Verfügung und biete meine Erfahrung in Retreats, spirituellem Guiding und in einer Meditationslehrerausbildung an. Auch klassischen Satsang halte ich einmal monatlich ab.

Was ist jetzt anders?

Alles und nichts.

Harald ist immer noch irgendwo tief drinnen in dem Bewusstsein, das ich bin. Ganz selten taucht ein Anteil von ihm auf, am ehesten dann, wenn uralte tiefsitzende Muster getriggert werden. Doch da niemand da ist, der auf diese reagiert, gehen sie schnell wieder verloren in der Fülle des reinen Bewusstseins.

Im erwachten Sein benutzt dieses Körper-Geist-Seele System immer noch bekannte Verhaltensmuster um im Spiel der Welt tätig zu sein. Von außen betrachtet wirke ich nicht viel anders als ein „normaler“ Mensch.

Doch was überwiegt ist ein unglaubliche „Identifikationsfreiheit“, alles was stattfindet geschieht ohne mich.

Es ist tiefe Freude, die unabhängig von allem ist.

Im Bewusstsein taucht alles auf wie zuvor, Gedanken, Gefühle, Ideen, Abneigungen, Wünsche, Vorlieben, … doch die Freude ist nicht mehr davon abhängig, ob diese „Erscheinungen“ auch erfüllt werden. Bei manchen folgt eine Umsetzung, bei andern nicht, hinter allem ist tiefes Einverständnis meine Wirklichkeit.

In mir kreisen Vögel und Gedanken, in mir finden Sonnenuntergänge und Kriege statt, in mir tummeln sich Dualität und Diskussionen um vegane Ernährung. Alles und alle sind in mir, Suchende und solche die bereits „Zuhause“ sind und mehr, während ein paar Finger in die Tasten hauen.

Heute sage ich auch – wir können Erwachen nicht herbeiführen, dennoch können wir alles dafür tun, damit es geschehen kann.

Das mag nicht automatisch zur Erleuchtung führen, aber falls sie geschieht, ist man gut darauf vorbereitet.

So kommt es, dass wir in unserem WakeUp Retreat mit „der Landkarte des Erwachens“ arbeiten. Alleine durch das Studium der Landkarte kommt man zwar niemals in die Landschaft, aber wenn man irgendwann in die Landschaft gerät, ist es sehr wertvoll vorher die Karte studiert zu haben.

So wünsche ich dir tiefe Freude und volle Einverständnis,
… deep peace of a running wave to you …

Ananda

Ananda

 

 

 

 

 

Asato ma sat gamaya
Tamso ma yotir gamaya
Mrityor mam ritam gamaya

Mögen wir von der Unwissenheit zum Wissen
Mögen wir von der Dunkelheit zum Licht gelangen
Mögen wir von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit gelangen

 

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Hallo Ananda, das ist eine sehr schöne Beschreibung, danke dafür! Ich bin auch auf dem Weg, habe viel meditiert und bin dabei auch gedankenfrei und im Beobachterbewusstsein. Habe meistens beim meditieren ein Kribbeln auf der Stirn, was bis hin zum Schmerz gehen kann (Kundalini?). Nun, die Beschreibung von Dir stimmt zu 100% mit dem überein, was ich mir darunter vorstelle. Und ebenso will auch ich hier zum letzten Mal sein. Ich hoffe, es gelingt mir, bzw. ich verschwinde, löse mich auf. Danke nochmals für die inspirierenden Worte. Es gibt auch einen YouTube Kanal meines Namens und ich denke, ich möchte… Read more »

Es ist nie zu spät um so zu sein, wie man gemeint ist.

Haben wir nicht alle immer wieder einen intensiven Dialog mit unserem lieb gewonnenen inneren Schweinehund? Ich müsste... ich sollte... Gesünder essen, Sport treiben und noch vieles mehr.

Niemand muss, niemand müsste. Aber jeder könnte, wenn er will und bereit ist, seine Komfortzone zu verlassen.

Klar, dann wird der liebe Schweinehund meckern, denn er will alles zu behalten, wie es ist.

Aber wie wäre dein Leben, wenn du mehr auf dich selbst hörst, anstatt auf all das, was dich scheinbar einschränkt, Rücksicht zu nehmen? Wage doch mal dieses Gedankenspiel. Spielen macht Spaß.

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