Die neuen Medien – Segen und Fluch zugleich

Wir hungern nach Kontakten und ertrinken in der E-Mail-Flut: Die moderne Informationstechnologie, so wird häufig beklagt, habe unser Sozialverhalten dramatisch verändert und mache uns zunehmend zu multimedial vernetzten Einzelkämpfern.

Stimmt es tatsächlich, dass die digitale Welt mit ihren sozialen Netzwerken sukzessive unsere sozialen Kompetenzen und Fähigkeiten zerstört? Steht am Ende des digitalen Zeitalters ein isoliertes Individuum, das zwar Dutzende Smileys pro Tag versendet, aber nicht mehr weiß, wie sich ein echtes Lächeln anfühlt?

Permanent online

Keine Frage, die digitale Revolution hat unsere Lebensrealitäten verwandelt, und das in einem Tempo, das sich zu Zeiten der ersten Großrechner kaum jemand vorstellen mochte. Nicht nur im Berufsleben sind wir durch Smartphone & Co immer mehr gefordert, indem permanente Erreichbarkeit implizit oder explizit vorausgesetzt wird. Auch unsere privaten Kontakte organisieren und arrangieren wir zunehmend online.

Mal ehrlich: Wie oft greifst du zwischendurch in der U-Bahn, in der Kaffeepause oder sogar mitten in einem Gespräch reflexartig zum Handy, um nur ja keine neue Nachricht zu verpassen? Die neuen Medien erlauben uns, unabhängig von Ort und Zeit mit Menschen auf der ganzen Welt vernetzt zu sein.

Ironischerweise leidet genau darunter die Kommunikation im sozialen Nahraum, mit unseren Freunden, Kollegen und Familienangehörigen vor Ort. Doch bedeutet das in der Folge auch, dass unsere sozialen Fähigkeiten verkümmern?

Der Einfluss auf unsere Psyche

Es gibt Hinweise darauf, dass die Nutzung digitaler Medien Einfluss auf unsere kognitiven Fähigkeiten hat, wissenschaftliche Studien dazu liegen aber derzeit eher punktuell vor. Offenbar fördern elektronische Medien unsere Fähigkeiten, visuelle Informationen zu verarbeiten, nicht aber unsere Sprach- und Lesekompetenzen.

Verwunderlich ist das nicht: Kognitive Leistungen – und damit viele Fertigkeiten, die bei Intelligenztests überprüft werden – sind trainierbar und demnach stärkt der Umgang mit neuen Medien ganz einfach jene Kompetenzen, die dabei besonders gefordert sind.

Brisanter dürfte folgende Erkenntnis sein: Kinder, die einige Tage ohne elektronische Medien verbracht haben, können in der Folge menschliche Gefühle auf Fotos und Videos besser zuordnen als jene Altersgenossen, die mehrere Stunden pro Tag mit Handy oder Fernseher beschäftigt waren.

Das bedeutet, dass die Nutzung neuer Medien auch Einfluss auf die Empathiefähigkeit haben könnte, also auf das Vermögen, sich in andere Menschen einzufühlen – zumindest bei Kindern.

Soziale Kompetenz, heute oft als Soft Skills bezeichnet, ist wie andere Fertigkeiten auch Übungssache: Je öfter wir uns mit anderen Menschen auseinandersetzen, desto leichter fällt es uns, sie zu verstehen und unsere Bedürfnisse mit denen unseres Umfelds in Einklang zu bringen. Wenn aber der Bildschirm zunehmend das reale menschliche Gegenüber ersetzt, dann mangelt es uns an Gelegenheiten, soziale Kompetenz zu trainieren.

Effizienz statt Begegnung

Dabei sind wir in der alltäglichen digitalen Kommunikation durchaus gefordert, um nicht zu sagen überfordert: Die E-Mail-Flut im Job hält uns immer mehr davon ab, unsere eigentliche Arbeit zu erledigen. Digitale Medien lassen uns also sicher nicht vereinsamen, sie eröffnen uns im Gegenteil neue soziale Räume mit neuen Spielregeln und neuen Konfliktpotentialen – Stichwort Cyber-Mobbing.

Doch der entscheidende Punkt ist: Digitale Kommunikation ist schnell, hektisch, mitunter oberflächlich – und effizienzgetrieben. Wie oft liest du dir deine E-Mails noch einmal durch, bevor du auf „Senden“ drückst?

Und wie oft bleiben eigentlich wichtige Nachrichten unbeantwortet, nur weil gerade etwas anderes dringlicher ist? Auch wenn man es im beruflichen Kontext als notwendiges Übel betrachten mag: Bei aller Effizienz digitaler Medien bleiben entscheidende Aspekte auf der Strecke.

Nonverbale Signale wie ein freundliches Lächeln oder ein warmer Händedruck mögen vielleicht in bunte Smileys übersetzbar sein – fühlbar werden sie dadurch nicht. Bei realen Begegnungen kommunizieren wir nur zu einem gewissen Teil mit Worten – die Stimmlage, der Blickkontakt sowie Gestik und Mimik vermitteln uns einen vollständigeren Eindruck unseres Gegenübers. Wir nehmen diese Eindrücke eher intuitiv als rational wahr, und auch unsere eigenen nonverbalen Signale können wir nicht immer bewusst steuern.

Sozial veranlagt

Nonverbale Kommunikation ist genauso wie unsere Sprachfähigkeit in unseren Genen angelegt. Doch nicht nur unsere Fähigkeit zur Kommunikation, sondern bereits unser Bedürfnis danach ist das Ergebnis einer biologischen Anlage: Der Mensch ist im Kern ein soziales Wesen. Selbst wenn also die hundertste E-Mail über den Bildschirm flimmert, wird sich der Wunsch nach einem aufmunterndem Gespräch oder einer Umarmung nicht wegrationalisieren lassen.

Es kann also gut sein, dass das multimedial vernetzte, dabei aber zunehmend isolierte Individuum mehr Schreckgespenst als Realität ist: Schon unsere natürlichen Anlagen sprechen dagegen, und die sind mächtig.

Wenn du also das nächste Mal dabei bist, schnell eine E-Mail zu schreiben, dann überleg doch mal, ob sich die Sache nicht vielleicht auch in der Kaffeepause oder bei einem Feierabendbier klären lässt. Und vielleicht erfährst du dabei ja ganz nebenbei noch so einige interessante Dinge über deine Kollegen.

Sig