Begabung, Ausbildung, soziale Herkunft – diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle beim beruflichen und privaten Erfolg. Doch wie aktuelle Studien zeigen, haben sie für das Fortkommen bei Weitem keinen so hohen Stellenwert wie eine ganz andere Charaktereigenschaft, die auf den ersten Blick vielleicht unpopulär erscheinen mag: Selbstdisziplin. Ups, das ist ein Wort, das viele Scanner-Persönlichkeiten nicht so gern haben. Wenn du aber nicht nur Ziele festlegen, planen und gute Entscheidungen treffen möchtest, sondern auch noch erfolgreich vorankommen willst, kommst du um Selbstdisziplin nicht herum.

Mangelnde Selbstdisziplin bedeutet Fremdbestimmung

In der griechischen Philosophie gibt es für den Begriff der Selbstdisziplin das Wort „Enkrateia“. Es bezeichnet das Ideal eines Menschen, der seine Freiheit für die Entwicklung eines selbstbestimmten, tugendhaften Lebens verwendet. Hier geht es also darum, Macht über sich selbst auszuüben und damit erfolgreich zum Ziel zu gelangen.

Leider leben viele Menschen in erster Linie nach dem Diktat ihres Körpers. Ob sie essen oder schlafen – sie tun, was ihr Körper ihnen sagt. So sind ihnen das Stück Torte oder die Tüte Chips oft näher, als das verstandesmäßige Wissen, dass der Genuss derartiger Nahrungsmittel einem gesunden Körpergewicht alles andere als zuträglich ist. Nicht wenige Studenten brauchen unnötig lange Zeit für ihre Studiengänge, weil ihnen die Disziplin zum Lernen fehlt. Der Bauch sagt: Geh auf die nächste Party und lass es dir gut gehen. Lebe! Und das, obwohl der Kopf weiß, dass die Zeit über den Fachbüchern oder in einer Bibliothek besser investiert wäre.

Geht es dir auch so? Dann hast du vielleicht schon gespürt, dass eine derartige Lebensphilosophie – analytisch betrachtet – nichts anderes ist als Knechtschaft unter der Sklaverei leiblicher Begierden, mit allen negativen Folgen. Ja, ich weiß durchaus, dass ich mich mit dieser scharfen Formulierung unbeliebt mache. Aber es muss sein.

Dieses Wissen ist keineswegs neu. Schon im Alten Testament heißt es im Buch der Sprüche: „Wer sich nicht beherrschen kann, ist so schutzlos wie eine Stadt ohne Mauer“ (Sprü- che 25, 28). Dessen sind sich viele Menschen auch durchaus bewusst und sie leiden darunter, wenn es ihnen an Selbstdisziplin mangelt. Tatsächlich ist der Grund für Misserfolg und Unzufriedenheit wirklich sehr oft nichts anderes als fehlende Selbstdisziplin. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema im Coaching, daher muss ich es so deutlich ansprechen.

Selbstdisziplin bringt echte Freiheit

So wie die Leitplanken auf der Autobahn zum Schutz und nicht zur Einengung da sind und letztlich eine viel größere, sichere Freiheit ermöglichen, genauso ermöglicht dir Selbstdisziplin, das zu tun, wovon du überzeugt bist und was wirklich gut für dich ist. Du musst nicht willenlos immer das tun, was (kurzfristigen) Spaß bringt, sondern erreichst mittel- und langfristig gesehen die wirklich nützlichen und nachhaltigen Ziele in deinem Leben. Deine dir selbst auferlegten Regeln und nützlichen Vorschriften für die Erreichung deiner Lebensziele sind dabei keine „Spielverderber“ oder „Spaßbremsen“, sondern haben so einen tiefen Sinn.

Wofür Selbstdisziplin wichtig ist

Erfolgreich zu sein, ohne etwas dafür zu tun, ist reines Wunschdenken. Wirklicher Erfolg ist immer auch mit Anstrengungen und Entbehrungen verbunden. Es steht in der Tat – wie es in einem geflügelten Wort heißt – vor dem Preis stets der Schweiß. Egal, ob es ums Studium geht, um das Erlernen eines Instruments oder die Aneignung bestimmter Fertigkeiten – ohne angewandte Selbstdisziplin wird sich der Erfolg nicht oder nur sehr zögerlich einstellen. Insofern zahlen sich Selbstdisziplin und hartnäckiges „Dranbleiben“ im Endeffekt doppelt aus. Was auf den ersten Blick als Anstrengung und Mühe erscheinen mag, ist unterm Strich mit viel weniger persönlichem Einsatz und Kraft verbunden, als ständige Halbheiten. Aufgaben endlos vor sich herzuschieben, bringt gar nichts. Jedes Lehrbuch, jede Arbeit mehrfach anzufassen kostet mehrfach Zeit, ist unökonomisch und unterm Strich das ganze Gegenteil von zielführendem Zeitmanagement.

Der Weg zum Ziel führt fast immer über Selbstdisziplin. Sie ist der Motor allen Erfolgs und es lohnt sich, sie sich anzueignen. Das kann durchaus einen vorübergehenden Verzicht auf Freizeit, Spaß und Genuss mit sich bringen, wird sich langfristig allerdings mehr als auszahlen. Lern dich also zunächst selbst gut kennen, auch deine Schwächen. Vergegenwärtige dir dabei immer wieder die Wichtigkeit der Selbstdisziplin – und das möglichst frühzeitig. Werde dir über dein Ziel klar und skizziere den Weg dorthin. Wenn es dir – gerade am Anfang dieses Prozesses – einmal nicht gelingt, deine Maßstäbe in Sachen Selbstdisziplin zu erfüllen, dann sieh es nicht als ein allzu großes Versagen an, sondern nimm es als Lehre, es beim nächsten Mal besser zu machen. Hinfallen ist nicht schlimm, schlimm ist nur Liegenbleiben. Selbstdisziplin und Sorgfalt gehören zusammen, wenn du erfolgreich sein willst. Schon vor etwa 500 Jahren riet uns Leonardo dazu: „Bedenke, dass du die Sorgfalt eher lernen sollst als die Fertigkeit.“

Wie du Selbstdisziplin erlangen kannst

Menschen, deren Selbstdisziplin nur schwach ausgeprägt ist, sind in aller Regel sehr leicht abzulenken, hängen die Segel ihres Interesses stets nach dem gerade wehenden Wind und leiden oft an plötzlichen Stimmungsschwankungen – von absoluter Lustlosigkeit bis hin zu übersteigerter Euphorie. Erkennst du in dieser Beschreibung die Scanner-Persönlichkeit wieder? Ja. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass alle Vielbegabten wenig Selbstdisziplin haben. Wie ich schon schrieb: Es wird alles viel leichter, wenn man genau weiß, was wirklich wichtig ist und was verzichtbar. Ist das nicht der Fall, ist das Ergebnis oft ein langes Auf-der-Stelle-Treten, Neues-Anfangen und Nichts-zu-Ende-Bringen.

Möchtest du an deiner Selbstdisziplin arbeiten? Dann hilft es dir ganz sicher, dir Folgendes anzugewöhnen:

  • Teile deinen Tag gut und klar strukturiert ein! Steh früh auf und nimm dir vor, wirklich das zu schaffen, was du auf der Liste für den aktuellen Tag stehen hast.
  • Erstelle am besten täglich eine schriftliche To-do-Liste und arbeite sie auch ab.
  • Bleib dran! Behalte stets das Ziel im Auge und arbeite auch dann weiter, wenn die Motivation mal fehlt.
  • Lerne, Nein zu sagen. Lass dich nicht durch permanente Erreichbarkeit oder durch eigene Lüste und Begierden ablenken.
  • Achte auf deine Gesundheit und deine Fitness! Sport treiben kann ein guter Ausgleich zum Arbeiten am Schreibtisch sein.
  • Halte Ruhezeiten ein. Nicht umsonst soll an jedem siebten Tag keine Arbeit verrichtet werden. Auf diese Weise schützt du dich auch vor Burn-out. An solchen Ruhetagen hat dann auch der Genuss wieder mehr Raum.

Anne Heintze